> > > Tanejew & Rimsky-Korsakow: Klaviertrios
Samstag, 21. April 2018

Tanejew & Rimsky-Korsakow - Klaviertrios

Hochdruckreinigung


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vornehme Zurückhaltung kann man dem britischen Trio mit Benjamin Nabarro, der Cellistin Gemma Rosefield und einem exzellenten Tim Horton am Klavier hier nicht vorwerfen: Sie suchen die Qualitäten zweier russischer Trios im Dringlich-Expressiven.

Phasenweise etwas bieder sind sie kompositorisch schon gestaltet, diese beiden Klaviertrios von Tanejew und Rimskij-Korsakow. Letzterer hielt voller Selbstzweifel sein c-Moll-Werk sogar für so misslungen, dass er es regelrecht unfertig ließ. Maximilian Steinberg hat die gängige Aufführungsversion nach einer wohl keineswegs nur ‚groben Skizze‘ aus Rimskij-Korsakows vergeblichen Versuchen erstellt, sich im Jahre 1897 auch als Kammermusik-Komponist zu etablieren. Tatsächlich wird einiges eher konventionelles Material über Gebühr in die Satz-Längen entfaltet – mit recht wenig Idiomatischem für die national ausgerichteten Ansprüche des Petersburger ‚Mächtigen Häufleins‘.

Ähnliches gilt auch für Tanejews deutlich an Tschaikowskys Klaviertrio op. 50 orientiertes D-Dur-Trio von 1907: Der ‚symphonischen‘ Ausdehnung auf fast 40 Minuten steht besonders im Kopfsatz das mehr als erschöpfend wiederholte ‚russisch-rauhe‘ Kopfthema wie ein Hemmschuh entgegen, und das Salonhafte im Kantilenen-geschwängerten 'Andante espressivo' muss durch überzeugende Interpretation erst vor dem Kitschverdacht gerettet werden. Dennoch gibt es eine gewisse nationale russisch-sowjetische Aufführungstradition mit dem Oistrakh-Trio im Mittelpunkt, das beide Werke eingespielt und wohl regelmäßig aufgeführt hat (die bekannten Mono-Aufnahmen aus den 1950er Jahren finden sich u.a. in der ganz dem Trio gewidmeten Brilliant-Classics-Box aus der Russian-Archives-Reihe). Auch neuere gute Ansätze mit dem Borodin-Trio (Label Chandos: bereits ein Brückenschlag von Russland nach London) oder auf einer Tanejew-Platte mit Mikhail Pletnew (DGG 2005) und in einer Tanejew-Anthologie aus dem Hause cpo (siehe Hinweise unten) gibt es. Repertoirepolitisch bestand nicht unbedingt Notwendigkeit zur Neuaufnahme, auch wenn es ganz gut in die durchaus russophilen Aufnahmeaktivitäten des Leonore-Trios zu passen scheint, sich auch hier mit David Oistrach, Serhej Knuschewitzki und Lev Oborin zu messen.

Konkurrenz mit dem Oistrach-Trio

Während deren Aufnahme des Rimskij-Korsakow-Trios von 1952 vor allem durch die ganz individuelle Aura der einzelnen Instrumentalisten besticht – Oistrachs immer dick leidenschaftlichem, durchweg expressiv-emphatischem Geigenton steht mit Lev Oborin, Enkelschüler Tanejews und Lehrer u.a. von Ashkenazy und Rösel, ein recht sachlich-kühler Vertreter der Moskauer Klavierschule gegenüber – und der durchaus trennscharf-präsente Monoklang doch etwas angegraut wirkt, stellt die Lesart der Briten doch eine deutliche Modernisierung dar. Zwar pflegt Geiger Benjamin Nabarro in den langsamen Sätzen doch kleine Portamenti und expressive Vibrato-Schweller, den Puls geben aber der im rhythmischen Drive wie der Anschlagsvarianz exzellente Klavierpart von Tim Horton und Gemma Rosefields immer recht entspannt-lockere Einfügung der Cello-Linien vor, blendend intoniert wie ausphrasiert (diese perfekte und dennoch expressive Spielkultur scheint 1952 mehr oder minder im auratisch ausgerichteten Live-Anspruch geradezu utopisch).

Es handelt sich keineswegs um eine ‚kühle‘ Neu-Aufnahme: Bei aller Homogenität des inzwischen über Jahre eingespielten Ensembles wird doch die individuelle Stärke und Färbung jeder Stimme deutlich. Allen dreien scheint bewusst, dass tatsächlich nur ein höchst angriffslustiger, pointierter Zugang der Interpretation, ein wahrlich hörbar lustvolles Spielen diese in Thematik und Formablauf ziemlich konventionellen und langatmigen Stücke rettet. Kompositorisch die deutlichste Ausnahme und auch interpretatorisch der Höhepunkt ist der zweite Satz des Tanejew-Trios: Die in ein scherzohaftes, entsprechend spukhaft-rasant genommenes 'Allegro molto' eingebettete Variationenfolge besitzt so überraschende und in dramaturgischem Geschick hinreißende Klang-Wendungen, dass man den seine Einfälle oft etwas auf der Stelle festtretenden Kopfsatz schnell vergisst. Und man erfährt auch Tanejews kontrapunktische Qualitäten im differenzierten Bild, das im gleichberechtigten Zusammenspiel entsteht.

Wie man Rimskij-Korsakows Problemkind durch zähe ‚sentimentale‘ Tempi und wenig Klangfantasie weitgehend töten kann, haben vor 15 Jahren die Bekova Sisters vorgeführt; die neue Aufnahme des Leonore Trio stellt hingegen die klassizistischen Stärken der Petersburger Gattungsvision von 1897 in den Vordergrund und gewinnt dadurch manch positive Perspektive auf die Klangmöglichkeiten des Stücks zurück. Wenngleich der Booklettext anfangs recht weitschweifend Tanejew-Tschaikowsky-Verhältnisse in den Vordergrund schiebt, ist die Werkeinführung doch hinreichend gut und das stimmungsvolle Coverbild, eine Sadko-Unterwasser-Fantasie von Yefimovich Repin, einfach so ansprechend, dass mancher auch deshalb sicher gerne diese CD in seinem Schrank haben möchte. Eine rundum lohnende Anschaffung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Tanejew & Rimsky-Korsakow: Klaviertrios

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
03.02.2017
EAN:

034571281599


Cover vergössern

Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Von Dr. Hartmut Hein zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Wer war eigentlich Tanejew?: Wer war eigentlich Tanejew? David Brown gibt im Beiheft der CD auf diese Frage höchst spannende Antworten: er war der vermutlich erste Komponist, der Esperanto-Texte vertonte. Weiter...
    (Martin Morgenstern, 20.12.2005)
  • Zur Kritik... Gewaltige Dimensionen: Etwas einhören muss man sich in Tanejews Kammermusik schon. Doch die hervorragende Interpretation macht einem das leicht. Weiter...
    (Jan Kampmeier, 22.05.2014)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Hyperion:

  • Zur Kritik... Familiensache: Die Bachs – was für eine Familie! Natürlich, man weiß es. Und doch ist man geneigt, das klingende Ergebnis zu bestaunen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Tippetts weiter Weg zur Symphonie: Michael Tippetts Ruhm als Komponist kam langsam, aber umso nachhaltiger. Vorliegende Interpretation der ersten beiden Symphonien lässt den Hörer diese Entwicklung nachvollziehen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Ohne das gewisse Etwas: Andsnes und Hamelin spielen Strawinsky an zwei Klavieren – und überzeugen nur mit ihrer Technik. Weiter...
    (Tanja Geschwind, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Gesten-Reich: Andreas Skouras' schon ältere Einspielungen der nicht sonderlich umfänglichen und konzertant verbreiteten Klaviermusik des Finnen Kalevi Aho bedeuten gegenüber Sonja Fräkis brillanter Referenzaufnahme von 2014 (BIS) eine zweite Sichtweise. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Kunst des Sich-Fügens?: Die ultimative, einzig wahre Aufführung eines rätselhaften Werkes? Mit diesem Anspruch kommt eine Neuaufnahme daher (mit mehr als zwanzig Jahren Vorlauf). Überzeugend? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Der Unbekannte Wagner: Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klangverliebt: Dieses neue Strauss-Album ist an Klangschönheit kaum zu überbieten und kann problemlos im Hintergrund laufen. Wirklich fesselnde Interpretationen bekannter und ein wenig unbekannterer Strauss-Lieder bietet die CD leider nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Jenseits des Scheins: Volle Hingabe an die Musik: Werke für Viola von Grey, Gorb, Britten, Bliss u.a. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Telemann als Kantor: Telemann als Kantatenkomponist von Rang interessiert immer. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2018) herunterladen (2494 KByte) Class aktuell (1/2018) herunterladen (3364 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Henri Marteau: Huit Melodies op.19 - A Douarnenez en Bretagne

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Ich will gar keine Dirigentin sein"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich