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Dienstag, 12. Dezember 2017

Prokofieff, Sergej - Kammermusikwerke

Kammermusikalisches Zeitdokument


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer raffiniert zusammengestellten Werkauswahl führen die Ludwig Chamber Players und das SWR Swing Fagottett durch unterschiedliche Schaffensphasen Prokofjews. Die Interpretation zeugt von hoher musikalischer Ausdruckskraft und klanglicher Vielfalt.

Oft sind es weder große Sinfonien noch andere ausschweifende Orchesterwerke, die dem Zuhörer einen Einblick in das künstlerische Schaffen eines Komponisten geben, sondern gerade jene Werke, die auf den ersten Höreindruck unscheinbar wirken. Mit ihrer beim Label Tacet erschienenen Einspielung haben es sich die Ludwig Chamber Players und das SWR Swing Fagottett zur Aufgabe gemacht, eine Reihe eben jener Kompositionen auszuwählen und durch ihre dramaturgisch geschickte Anordnung dem Hörer näherzubringen. Statt die Werke in chronologischer Reihenfolge zu präsentieren, wechseln die Musiker zwischen teilweise widersprüchlichen Stilistiken, um zu zeigen, wie sehr Prokofjews Kompositionsweise von dem Regime Stalins beeinflusst wurde und auf welch gegensätzliche kompositorische Pfade es ihn geführt hat. Auffällig ist es hierbei, dass die unterschiedlichen Stile offenbar nicht bestimmten Zeitabschnitten zuzuordnen sind, zumal die 'Ouvertüre über Hebräische Themen' op. 34 und das nur fünf Jahre später entstandene Quintett op. 39 eine völlig andere Sprache sprechen.

Beeindruckend ist der hohe emotionale Gehalt, den die Musiker jedem einzelnen Werk verleihen und so für eine Faszination sorgen, die den Hörer vom ersten Ton an ergreift und bis zum Schluss nicht wieder loslässt. Ihre Interpretation überzeugt durch eine klangliche Balance, in der nicht nur die verschiedenen Instrumente wunderbar aufeinander abgestimmt sind, sondern auch die jeweiligen solistischen Facetten gut herausgearbeitet werden. Der Zuhörer erhält so die Möglichkeit, sämtliche kompositorischen Feinheiten in hoher Transparenz zu erleben.

Dramaturgisch geschickte Anordnung

Eine gute Einspielung verlangt nicht nur eine gelungene Darstellung einzelner Werke, sondern auch eine dramaturgische Anordnung, die eine Abfolge höchst unterschiedlicher Stücke zu einem Gesamtkunstwerk vereint. Dieser Anspruch wird in der vorliegenden Aufnahme erfüllt, zumal die Reihenfolge der Werke einerseits auf die geschichtlichen Hintergründe Bezug nimmt und einen Einblick in die Widersprüchlichkeit von Prokofjews Kompositionsstil gibt, dem Hörer aber andererseits auch das Hörverständnis erleichtert. Zum Einstieg folgt eine Ouvertüre für Klarinette und Klavierquintett, die nicht nur hinsichtlich ihrer Gattung eine optimale Eröffnung bietet, sondern auch in ihrer Klangsprache, die auch dem ungeübteren Ohr leicht zugänglich ist. Im darauffolgenden Quintett op. 39 und in der Sonate für Cello solo verlangen die Musiker dem Hörer bereits eine wesentlich größere Konzentration ab, zumal die avantgardistische Seite von Prokofjews Schaffen und seine Experimentierfreude hier mit aller klanglichen Gewalt und Vielfalt hervorbrechen.

Wie ein Aufatmen wirkt es nach der Schwermut und Melancholie des solistischen Cellos, wenn die hier erstmalig für Kammermusikensemble eingespielte Fassung der 'Visions fugitives' op. 22 erklingt. Der Zuhörer erlebt hautnah mit, in welcher Weise das Gedicht von Konstantin Balmont Prokofjew inspiriert hat. Im letzten Vers heißt es dort: ‚In jeder flüchtigen Vision erblicke ich Welten, die voll sind vom wechselhaften Regenbogenspiel.‘ Dieser Satz wird in Prokofjews Werk klangliche Realität. Sämtliche klangfarblichen Nuancen werden bis ins kleinste Detail ausgelotet und verleihen der Komposition ihren besonderen poetischen Gehalt.

Leichtfüßiger Ausklang

Dass auch die humoristische Seite in Prokofjews Musik charakteristisch ist, zeigt das Werk, mit dem die Musiker ihre Einspielung ausklingen lassen und ihr zu einem überaus gelungenen, unbeschwerten Abschluss verhelfen. Dem Fagott wird gelegentlich nachgesagt, es habe aufgrund seiner individuellen Charakteristik bereits humoristische Qualitäten – eine Komposition für vier Fagotte, die noch dazu als 'Humoristisches Scherzo' betitelt ist, steigert diesen Effekt noch einmal enorm. Ein letztes Mal präsentieren die Solisten in diesem kurzen, aber feurigen Stück sämtliche Facetten ihres Könnens, wobei sie nicht nur durch ihre Virtuosität beeindrucken, sondern auch durch die ironisch-augenzwinkernde Spielweise, die sie dem Werk durch ihr schnelles Umschalten zwischen den Scherzoteilen und dem beinahe übertrieben lyrischen Mittelteil verleihen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofieff, Sergej: Kammermusikwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
29.04.2016
EAN:

4009850022206


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Prokofieff, Sergej


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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