> > > Rode, Pierrre: Violinkonzerte Nr.1, 5 & 9
Donnerstag, 23. Mai 2019

Rode, Pierrre - Violinkonzerte Nr.1, 5 & 9

Intelligentes Musizieren


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dem dritten Teil seiner auf fünf CDs angelegten Gesamteinspielung der Violinkonzerte Pierre Rodes beweist der Geiger Friedemann Eichhorn erneut ein glückliches Händchen.

Dass der französische Geiger und Komponist Pierre Rode (1774–1830), zu Lebzeiten eine berühmte und in mehrfacher Hinsicht als Vorbild fungierende Persönlichkeit, heute stark vernachlässigt wird, ist angesichts der musikalischen Qualität seiner zukunftsweisenden Violinkonzerte zu bedauern. Der Geiger Friedemann Eichhorn hat sich vor einigen Jahren dieses Repertoires angenommen und legt nun bei Naxos nach den ersten beiden Platten (2009 und 2011) den dritten Teil – die Konzerte Nr. 1 d-Moll op. 3, Nr. 5 D-Dur op. 7 und Nr. 9 C-Dur op. 17 enthaltend – einer auf fünf CDs berechneten Gesamteinspielung vor. Man muss Eichhorn für seine Bemühungen um diese Werke dankbar sein, handelt es sich bei ihm doch um eine Musikerpersönlichkeit, die nicht nur die technischen Fähigkeiten für die Wiedergabe der streckenweise schwierigen Stücke mitbringt, sondern die darüber hinaus noch mit Intelligenz und Humor zu Werke geht.

Der Vortrag des Geigers steckt voller Überraschungen und ist auf Details bedacht: Eichhorn spürt der Originalität der Werke nach und vermag selbst im frühen ersten Konzert, in dem der Violinpart teils sehr stark von Laufwerkpassagen geprägt ist, eine luftige Lesart vorzulegen. Seine lebendige, von agogischem Raffinement geprägte Umsetzung vieler Läufe, aber auch die quasi ‚sprechende‘ Vortragsweise, die er den Themeneinsätzen und ihren Verzweigungen beispielsweise in den Kopfsätzen des d-Moll- und des D-Dur-Konzerts angedeihen lässt, lassen den individuellen Tonfall Rodes plastisch hervortreten. Dazu kommt die außerordentlich genaue, agogisch reizvolle Formung des Soloparts, geprägt von einer warmen Tongebung mit abwechslungsreich eingesetztem Vibrato. Sie tritt, geschickt durch einzelne Portamenti verfeinert, besonders in den langsamen Sätzen hervor und findet ihr Ziel in der klanglich differenzierten, an Abschattierungen reichen Gestaltung kantabler Passagen, durch die Eichhorn den lyrischen Mittelpunkten der Werke eine erstaunliche Tiefe verleiht. Dabei tritt gelegentlich auch – vor allem in op. 7 und op. 9 – die Nähe zur zeitgenössischen Oper hervor, im C-Dur-Konzert durch eine rezitativische Dramatisierung unterstrichen.

Als besondere Höhepunkte erweisen sich die geschmackvollen, von Eichhorn ganz aus dem Geist der Musik erfundenen Kadenzen und Eingänge zu den einzelnen Werken. Sie fungieren einerseits als Spiegel der Virtuosität und unterstreichen damit die technischen Fähigkeit des Solisten, vertiefen andererseits aber auch auf jeweils andere Weise die musikalischen Gedanken, indem sie die musikalischen Impulse aus Rodes Soloparts weiterführen. So zeigt der Geiger in den raschen Kopfsätzen die Themen im Licht einer eher spielerischen Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Instruments, während er in langsamen Sätze vor allem eine klangliche Bereicherung, etwa durch Erweiterung der Registerlagen oder Doppelgriffe, in den Mittelpunkt der Kadenzen stellt. Dass er dabei auch viel Humor beweist, zeigt die Kadenz zum Kopfsatz des Konzerts Nr. 5, die – assoziativ mit dem zentralen melodischen Intervall aus dem Hauptthema spielend – mit Zitaten aus anderen Werken der Violinliteratur spielt, ohne dass dieses Verfahren zu deutlich in den Vordergrund tritt. Solch intelligentes Musizieren, das sich eine ganz eigene Stellungnahme zum Komponierten erlaubt, findet man unter zeitgenössischen Interpreten doch eher selten.

Unterstützt werden Eichhorns Bemühungen von der glänzend aufgelegten Jenaer Philharmonie unter Leitung von Nicolás Pasquet. Welche Qualitäten das Orchester besitzt, wird gleich in der Kopfsatzexposition zum d-Moll-Konzert deutlich: Bewegungsverläufe werden unter einem Atembogen musiziert, die Musik pflanzt sich von einem Impuls zum nächsten fort und fließt – dynamisch fein modelliert und durch Blechbläsertupfer eingefärbt – so lange dahin, bis sie im zweiten Thema einen kurzen Ruhepunkt findet. Dass wie hier immer wieder viel Wert auf kleine, scheinbar nebensächliche Details des Tonsatzes gelegt wird – man höre sich nur den farblich abgetönten Spannungsaufbau in der Kopfsatzexposition zum Konzert C-Dur oder die fast Mozart’sche Farbentfaltung in op. 7 an – ist ausgesprochen erfreulich, denn es zeigt, welches Potenzial in Rodes Musik steckt. Dabei überzeugt auch die Gestaltung der begleitenden Passagen, denn Pasquet folgt den feinen Verzögerungen Eichhorns, wie er überhaupt das Zusammenwirken von Solist und Orchester aber häufig ausgesprochen dialogisch gestaltet. Es lohnt sich, hier genauer zuzuhören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rode, Pierrre: Violinkonzerte Nr.1, 5 & 9

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
02.02.2015
EAN:

747313275571


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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