> > > Harada, Keiko: F-fragments - Werke für Akkordeon und Klavier
Dienstag, 20. November 2018

Harada, Keiko - F-fragments - Werke für Akkordeon und Klavier

Lohnenswerte Annäherung


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine neue CD von Wergo stellt drei Werke der japanischen Komponistin Keiko Harada vor.

Es lohnt sich, anhand dieser Produktion aus dem Hause Wergo eine Annäherung an die Musik der 1968 geborenen Japanerin Keiko Harada zu versuchen. Dass man dabei allerlei Ungewöhnliches erleben kann, lässt sich bereits dem Bookletbeitrag von Ayumu Yasutomi entnehmen: Sympathisch ist das Eingeständnis des Autors, er habe ‚noch nie zuvor derartige Musik gehört’ und sei daher ‚ziemlich ratlos’ gewesen, als er gebeten wurde, einen Text zu schreiben. Konsequenterweise vollzieht sich seine Auseinandersetzung in einer allmählichen Umkreisung des Gegenstands, womit sie dem Vorgang der erstmaligen hörenden Annäherung an Haradas Werke gleicht.

Mit ihrem ausgewogenen und technisch klar eingefangenen Zusammenspiel sorgen Yumiko Meguri (Klavier) und Stefan Hussong (Akkordeon) für eine konzentrierte Wiedergabe der Komposition 'F-fragments' (2012). Die elf aphoristischen Abschnitte wirken stellenweise streng, aber nicht abweisend, die Klänge der beiden Instrumente sind in ihrem Aufeinandertreffen genau kalkuliert. Überraschend ist die Vielfalt an klanglichen Situationen, die Harada daraus gewinnt. Manchmal herrscht der Vorwärtsdrang gestisch ausformulierter Passagen vor, die sich beim Miteinander beider Partner ständig miteinander verschränken (Nr. 2), dann wiederum werden geräuschhafte und perkussive Laute in die instrumentalen Texturen einbezogen (Nr. 3) oder unterschiedliche Klangschichtungen ineinander geschoben (Nr. 10). Jeder einzelne Aphorismus führt den Hörer in eine andere Welt: Die Arbeit mit wechselnden Atmosphären ist ganz bewusst gestaltet und steckt voller feinster Details. Dabei lässt sich das Paradoxon erleben, dass man gerade dort, wo die musikalischen Aktionen auf ein Minimum beschränkt sind und auf einfachen Aktionen beruhen – einem tonlosen Klopfen der Dämpfung auf den Klaviersaiten, einem lang gehaltenen und ganz allmählich absackenden Akkordeonton, einfachen Repetitionen – den größten Detailreichtum wahrzunehmen beginnt.

Der ausgewogene Eindruck der CD resultiert daraus, dass dem knapp die Hälfte der Spielzeit einnehmenden Duo zwei solistische Kompositionen gegenüberstehen. 'Book I' für Akkordeon (2010), bestehend aus vier einzelnen, von Hussong bestechend fein gestalteten Stücken, funktioniert ganz ähnlich wie 'F-fragments': Momente wie das spielerische polyphone Geflecht aus unterschiedlichen melodischen und akkordischen Schichten (Nr. 1), Sprünge zwischen Registerlagen in Kombination mit vorsprachlichen Stimmartikulationen (Nr. 2) oder lang gezogene Klänge (Nr. 3) dienen jeweils als Ausgangspunkte für ganz unterschiedliche musikalische Charaktere, fügen sich aber doch auf einer höheren Ebene zu einer schlüssigen Gesamtgestalt. Mit einer Auswahl von sieben Stücke aus 'Nach Bach' für Klavier solo (2004) schließt sich der Kreis: Meguris Klavierspiel, feingliedrig und weich im Anschlag, wird zur Bühne für die Herausarbeitung feiner melodischer Details, polyphoner Gedanken, rhythmischer Verschiebungen oder akkordisch artikulierter Farbverläufe, was – auch aufgrund der Hommage an die europäische Kunstmusiktradition – so manche Überraschung mit sich bringt.

Dass die Produktion in höchstem Maße gelungen ist, liegt auch an dem hervorragend editierten Booklet, das neben dem eingangs erwähnten Essay von Ayumu Yasutomi noch weitere Beiträge enthält. In ihnen kommt die Komponistin selbst in ausgedehnten Kommentaren zu den drei präsentierten Werken zu Wort, was den Leser mit dem gedanklichen Beziehungsreichtum der einzelnen Stücke vertraut macht. Darüber hinaus bietet das Label auch den Download eines Gesprächs zwischen Harada und ihren Interpreten an und ermöglicht damit einen sehr aufschlussreichen Einblick in das Verhältnis zwischen Komponieren und Aufführungspraxis, der auch den Reaktionen der Musiker auf die Stücke und den besonderen interpretatorischen Ansprüchen der Musik gerecht wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Harada, Keiko: F-fragments - Werke für Akkordeon und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
18.07.2014
64:24
EAN:
BestellNr.:

4010228678628
WER 67862


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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