> > > Amsterdam Sinfonietta spielt : Werke von Shostakovich & Weinberg
Mittwoch, 26. Juni 2019

Amsterdam Sinfonietta spielt - Werke von Shostakovich & Weinberg

Beklemmender Furor


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Amsterdam Sinfonietta schenkt zum 25. Geburtstag des Ensembles seinen Hörern eine schlichtweg grandiose Einspielung, in der die Qualitäten und Potentiale des Streichorchesters mustergültig zum Ausdruck kommen.

Eine Requiem-Komposition als Geburtstagsgabe? Das erstaunt auf den ersten Blick, auf den zweiten aber erschließen sich Hintergrund und Ziel: Die Amsterdam Sinfonietta, eines der weltweit herausragenden Streichorchester, feiert ihren 25. Geburtstag. Seit einiger Zeit spielt das Ensemble zwar ohne Dirigent, aber unter Führung der Konzertmeisterin und künstlerischen Leiterin Candida Thompson. In seiner Anfangszeit allerdings wurde das Amsterdamer Orchester durch seinen Dirigenten und Leiter Lev Markiz wesentlich geprägt. Er legte den Grundstein für die internationale Ausnahmestellung, die das Ensemble mittlerweile errungen hat, und auch für den Repertoire-Schwerpunkt. Osteuropäische Musik stand von Anfang an im Zentrum, insbesondere die von Rudolf Barshai zu sogenannten Kammersinfonien für Streichorchester bearbeiteten Quartette von Dmitrij Schostakowitsch bilden einen festen Repertoirekern. Dem ehemaligen Leiter Lev Markiz ein Denkmal setzend und gleichzeitig deutlich machend, wie sich das Ensemble mittlerweile weiterentwickelt hat, hat die Amsterdam Sinfonietta folglich zu ihrem Geburtstag die beiden Kammersinfonien opp. 110a und 188a neu eingespielt. Eine wunderbare, ganz zu recht in der Mitte des Programms platzierte Ergänzung ist Mieczyslaw Weinbergs bittersüßes Concertino op. 42 für Violine und Streichorchester.

Schostakowitschs Achtes Streichquartett gilt als Gipfelpunkt seines Quartettschaffens. Um eine Kontrabass-Stimme erweitert, wirkt es als Kammersinfonie op. 110a noch eindringlicher – zumindest in der hochenergetischen Deutung der Amsterdam Sinfonietta. Das Ensemble überträgt die Feinabstimmung einer Quartettformation auf ein Streichorchester und verbindet auf diese Weise intime musikalische Wechselreden mit klanglicher Fülle. Vor allem in Bezug auf Farbwertdifferenzierung und die dynamisch fein gestaffelte Einbindung der Stimmen in den Phrasierungsprozess ist diese auch klanglich überragende Einspielung noch einmal eine deutliche Steigerung zu der früheren Schostakowitsch-Aufnahme mit den Quartetten Nr. 2 und 4. Kontrapunktisch streng, aber mit großem Atem wird das erste 'Largo' der Kammersinfonie op. 110a entfaltet. Das Ensemble schafft grauenerregend blutarme, fahle Klangflächen, als sei jedes Leben aus der Musik gewichen. Das gilt auch für das zwischen unendlich trauriger Innigkeit und gespenstrischer Kälte changierende 'Adagio' des Zehnten Streichquartetts (Kammersinfonie op. 118a), während im langsamen Satz des Weinberg-Concertinos der sonore Streicherklang ausdrucksvoll verdichtet wird.

Noch intensiver wirkend indes die Ausbrüche beklemmenden Furors, etwa im 'Allegro molto' der Kammersinfonie op. 110a oder des 'Allegro furioso' op. 118a. Hier fügt das wilde Pochen im Kontrabass dem Klangbild eine dräuende Wucht hinzu, die der originalen Streichquartett-Fassung notwendigerweise abgeht. Aber auch für die leisen Zwischentöne bitterbösen Sarkasmus‘, etwa im gespannten Walzer-'Allegretto' von op. 110a und die gelöste Melodik in den Außensätzen des eleganten, aber mit bitteren Farbwerten durchsetzten Concertino op. 42 von Mieczyslaw Weinberg findet das Ensemble den richtigen Zugang. Die Solistin Candida Thompson legt ihren Part im 'Allegretto cantabile' ein wenig zu klangvoll an – Gidon Kremers eher geräuschvolle, sehnigere Annäherung überzeugt in diesem Satz mehr –, im Finale 'Allegro moderato, poco rubato' sucht sie dann jedoch angemessen scharfe, metallische Klangfarben im Sordino, mit denen die irrlichternden Umrankungen zwischen Solostimme und Ensemble-Violinen knüpft werden.

Neben dem dynamisch weit aufgefächerten, klangfarblich detailgenauen Klangbild der hybriden SACD und einem dreisprachigen Beiheft erfreut diese Jubiläumsgabe mit einer beigelegten DVD. In einem Kurzfilm wird das Ensemble vorgestellt sowie einige Einblicke in Arbeitsprozesse und künstlerische Verständnisse gegeben. Das rundet diese erstklassige Produktion mustergültig ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Amsterdam Sinfonietta spielt : Werke von Shostakovich & Weinberg

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Channel Classics
2
11.10.2013
Medium:
EAN:

SACD
723385344131


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Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


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