> > > Prokofieff, Sergej: Romeo and Juliet op. 64a
Mittwoch, 8. April 2020

Prokofieff, Sergej - Romeo and Juliet op. 64a

Gelungene Problemlösung


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter A. Littons Leitung gelingt dem Philharmonischen Orchester Bergen eine hervorragende Einspielung der Romeo und Julia-Suiten, deren Sätze in einer unkonventionellen, aber einleuchtenden Reihenfolge erklingen.

Als Sergej Prokofjew sich in der Mitte der 1930er Jahre nach langjährigem Exil dazu durchrang, in seine russische Heimat zurückzukehren, war er mit der Komposition eines großen Balletts für das Kirow-Theater in Leningrad beauftragt; nach längeren Überlegungen entschied man sich schließlich für den Romeo und Julia-Stoff. Innerhalb von nur vier Monaten erfolgte im Sommer 1935 die Niederschrift der Partitur, doch politische Intrigen verhinderten vorerst die Aufführung in Leningrad, ebenso am Moskauer Bolschoitheater. Die Uraufführung erlebte das Werk schließlich am 30. Dezember 1938 in Brünn; Leningrad folgte erst 1940. Heute kaum mehr nachzuvollziehen sind die Ängste der Tänzerinnen und Tänzer, die die fortwährend wechselnden Rhythmen fürchteten und Probleme mit der ungewöhnlichen Instrumentierung hatten.

Vermutlich war es das lange Warten auf eine Aufführung des kompletten Balletts, das Prokofjew dazu veranlasste, die ersten beiden Suiten aus der Romeo und Julia-Musik zusammenzustellen – die dritte Suite entstand erst 1946 – und im Konzertsaal quasi Werbung für sein Werk machen zu können. Allerdings kam diese Maßnahme nicht ohne weitgehende Eingriffe an der Vorlage aus: Tiefschürfende Änderungen erfuhren vor allem der erste Satz der zweiten Suite, Montagues und Capulets, der den gesamten Beginn des Balletts in sich vereint. Romeo und Julia vor dem Abschied fasst weite Teile des dritten Akts zusammen. Zudem war die Auswahl der Szenen stets problematisch, denn sie war in ihrem Verhältnis zum Ganzen stets unausgewogen und wurde dem musikalischen Reichtum der Partitur nicht gerecht.

Bisher ist niemand auf die Idee gekommen, diese Problematik auf die denkbar einfachste Art und Weise zu lösen: Die insgesamt 20 Sätze der drei Suiten werden kombiniert und in die Reihenfolge gebracht, in der sie im Ballett auftauchen, und bilden so eine Art Inhaltsangabe nicht nur der Handlung, sondern auch der Charaktere und atmosphärischen Stimmungen. Und was dabei herauskommt, kann sich durchaus hören lassen, wie die bei BIS erschienene Einspielung des Philharmonischen Orchesters Bergen unter der Leitung Andrew Littons eindrucksvoll beweist. Litton eröffnet die gesamte Breite der Kompositionskunst Prokofjews, als deren Höhepunkt Romeo und Julia unter Kennern gilt. Er scheut dabei keine Extreme, zeichnet intime Momente distinguiert zurückhaltend, lässt das Orchester an aggressiven Stellen aber auch förmlich explodieren, freilich ohne in Kitsch oder Lärm abzugleiten. Die Musiker spielen inspiriert und konzentriert und gelangen so zu einer auf allen musikalischen Ebenen eindrucksvollen Leistung.

Klanglich erfüllt die SACD alle Erwartungen; alle Standards erfüllt auch das Booklet. Als besonders gelungen sollte jedoch das Cover erwähnt werden, in gleichem Maße schlicht wie aussagestark.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Markus Rubow Kritik von Markus Rubow,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Prokofieff, Sergej: Romeo and Juliet op. 64a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
30.01.2007
Medium:
EAN:

SACD
7318599913018


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Komponierender Dirigent oder dirigierender Komponist?: Obwohl José Serebrier auf dieser CD auch dirigiert, steht er doch vor allem als Komponist im Vordergrund. Besonders überzeugen kann hierbei sein Flötenkonzert. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... In verwandtschaftlicher Linie: Carolyn Sampson erkundet bekannte und unbekanntere britische Lieder. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Dunkler Sog: Eine große Passion, in Substanz und Faktur wie in Deutung und künstlerischer Ambition. Masaaki Suzuki und sein Bach Collegium Japan mit einem veritablen Lebenszeichen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Markus Rubow:

  • Zur Kritik... Ein bisschen wie Bach: Mit Frank Martins Passionsoratorium 'Golgotha' fügt Daniel Reuss seiner Diskographie ein weiteres Glanzstück hinzu und verschafft dem Werk die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Weiter...
    (Markus Rubow, )
  • Zur Kritik... Auf Händels Spuren: Fernab aller Best of-Sampler präsentiert die Freitagsakademie ein Konzeptalbum, das durch undogmatisches und unverkrampftes Spiel vollends überzeugen kann. Weiter...
    (Markus Rubow, )
  • Zur Kritik... Der Experte schreibt, der Laie versteht: Lewis Lockwood gelingt es in seinem großartigen Beethoven-Buch, Werk und Biographik eindringlich zu verzahnen, ohne auf die simple Manier zu verfallen, das Werk aus biographischen Details erklären zu wollen. Eher umgekehrt. Dafür gebührt dem Autor Lob. Weiter...
    (Markus Rubow, )
blättern

Alle Kritiken von Markus Rubow...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Breiter Querschnitt: Eine neue Doppel-CD enthält ganz verschiedene Werke des deutsch-niederländischen Komponisten Julius Röntgen in Aufnahmen aus den 1990er Jahren. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Komponierender Dirigent oder dirigierender Komponist?: Obwohl José Serebrier auf dieser CD auch dirigiert, steht er doch vor allem als Komponist im Vordergrund. Besonders überzeugen kann hierbei sein Flötenkonzert. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Passion erzählt: Passionen zwischen Schütz und Bach? Ja, die gab es. Johann Theile mit einem sehr schönen Beispiel für Entwicklungen und Tendenzen. Weser-Renaissance Bremen und Manfred Cordes setzen ihre Reihe mit Musik aus Wolfenbüttel gelungen fort. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Florian Leopold Gaßmann: Opera Arias

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich