> > > Prokofieff, Sergej: Romeo and Juliet op. 64a
Sonntag, 20. Oktober 2019

Prokofieff, Sergej - Romeo and Juliet op. 64a

Gelungene Problemlösung


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter A. Littons Leitung gelingt dem Philharmonischen Orchester Bergen eine hervorragende Einspielung der Romeo und Julia-Suiten, deren Sätze in einer unkonventionellen, aber einleuchtenden Reihenfolge erklingen.

Als Sergej Prokofjew sich in der Mitte der 1930er Jahre nach langjährigem Exil dazu durchrang, in seine russische Heimat zurückzukehren, war er mit der Komposition eines großen Balletts für das Kirow-Theater in Leningrad beauftragt; nach längeren Überlegungen entschied man sich schließlich für den Romeo und Julia-Stoff. Innerhalb von nur vier Monaten erfolgte im Sommer 1935 die Niederschrift der Partitur, doch politische Intrigen verhinderten vorerst die Aufführung in Leningrad, ebenso am Moskauer Bolschoitheater. Die Uraufführung erlebte das Werk schließlich am 30. Dezember 1938 in Brünn; Leningrad folgte erst 1940. Heute kaum mehr nachzuvollziehen sind die Ängste der Tänzerinnen und Tänzer, die die fortwährend wechselnden Rhythmen fürchteten und Probleme mit der ungewöhnlichen Instrumentierung hatten.

Vermutlich war es das lange Warten auf eine Aufführung des kompletten Balletts, das Prokofjew dazu veranlasste, die ersten beiden Suiten aus der Romeo und Julia-Musik zusammenzustellen – die dritte Suite entstand erst 1946 – und im Konzertsaal quasi Werbung für sein Werk machen zu können. Allerdings kam diese Maßnahme nicht ohne weitgehende Eingriffe an der Vorlage aus: Tiefschürfende Änderungen erfuhren vor allem der erste Satz der zweiten Suite, Montagues und Capulets, der den gesamten Beginn des Balletts in sich vereint. Romeo und Julia vor dem Abschied fasst weite Teile des dritten Akts zusammen. Zudem war die Auswahl der Szenen stets problematisch, denn sie war in ihrem Verhältnis zum Ganzen stets unausgewogen und wurde dem musikalischen Reichtum der Partitur nicht gerecht.

Bisher ist niemand auf die Idee gekommen, diese Problematik auf die denkbar einfachste Art und Weise zu lösen: Die insgesamt 20 Sätze der drei Suiten werden kombiniert und in die Reihenfolge gebracht, in der sie im Ballett auftauchen, und bilden so eine Art Inhaltsangabe nicht nur der Handlung, sondern auch der Charaktere und atmosphärischen Stimmungen. Und was dabei herauskommt, kann sich durchaus hören lassen, wie die bei BIS erschienene Einspielung des Philharmonischen Orchesters Bergen unter der Leitung Andrew Littons eindrucksvoll beweist. Litton eröffnet die gesamte Breite der Kompositionskunst Prokofjews, als deren Höhepunkt Romeo und Julia unter Kennern gilt. Er scheut dabei keine Extreme, zeichnet intime Momente distinguiert zurückhaltend, lässt das Orchester an aggressiven Stellen aber auch förmlich explodieren, freilich ohne in Kitsch oder Lärm abzugleiten. Die Musiker spielen inspiriert und konzentriert und gelangen so zu einer auf allen musikalischen Ebenen eindrucksvollen Leistung.

Klanglich erfüllt die SACD alle Erwartungen; alle Standards erfüllt auch das Booklet. Als besonders gelungen sollte jedoch das Cover erwähnt werden, in gleichem Maße schlicht wie aussagestark.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Markus Rubow Kritik von Markus Rubow,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofieff, Sergej: Romeo and Juliet op. 64a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
30.01.2007
Medium:
EAN:

SACD
7318599913018


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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