> > > Davidoff, Carl: Cellokonzerte 1 & 2
Sonntag, 25. Oktober 2020

Davidoff, Carl - Cellokonzerte 1 & 2

Kapriziöse Cellokonzerte der Leipziger Schule


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wen-Sinn Yang gewinnt den beiden Cellokonzerten von Davidoff eine Menge an Schattierungen ab: Virtuoses und weite Kantilenen in rundem, großem Ton. Leider enttäuscht der Orchesterklang. Ansonsten eine hübsche Bereicherung an romantischen Cellokonzerten.

Bei dem Komponisten Carl Davidoff handelt es sich nicht – wie man des Namens wegen vermuten könnte – um das Pseudonym eines von dem Kulturmäzen Jan Philipp Reemtsma aus der Tasche gezauberten komponierenden Zigarettenpromoter, sondern um einen gebürtigen Letten, der ebenso als Komponist wie auch – und vor allem – als Cellovirtuose von sich Reden machte. Carl Davidoff (1838–1889), ausgebildet in St. Petersburg, verbrachte bedeutende Jahre seines Lebens in Leipzig, unter anderem als Solocellist des Gewandhausorchesters. Später zog es ihn wieder nach Russland zurück, wo er als angesehener Kammermusiker von bedeutenden Künstlern wie Anton Rubinstein, Sergej Tanejew, Franz Liszt oder Camille Saint-Saëns begleitet wurde. – Keineswegs also ein ‘kleines Licht’, das von dem Schatzgräber-Label CPO da aus dem Schutt der Musikgeschichte zu Tage gefördert wurde.

Für den Cellopart konnte kein geringerer als Wen-Sinn Yang gewonnen werden, Solocellist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und nebenbei einer der meist profilierten Cellovirtuosen unserer Tage; eine beachtliche Diskographie legt davon Zeugnis ab. Die Orchesterbegleitung (bei diesen Werken steht der Solist zweifelsohne im Vordergrund, das Orchester begleitet) übernahm das Lettische Nationale Symphonieorchester unter der Leitung ihres ehemaligen Chefdirigenten Terje Mikkelsen.

Virtuosität und Leipziger Handwerk

 

Bei den beiden hier eingespielten Cellokonzerten Davidoffs geht es – bestens hörbar – darum, dem Solisten ein Forum für seine virtuosen Fähigkeiten zu bieten; die Konzerte sind beste Schaustücke instrumentaler Vielseitigkeit. Doch sie beschränken sich nicht auf vordergründige Darstellung von Kunstfertigkeit, sondern werden zusammen gehalten durch solides kompositorisches Handwerk – manchmal meint man die am Leipziger Konservatorium vermittelte bodenständige Handwerkskunst heraus zu hören. Dass aus diesen Komponenten jedoch eigenständige, homogene Werke entstanden, ist Davidoffs Verdienst.

Wuchtig geht das Lettische Nationale Symphonieorchester das Erste Cellokonzert h-Moll op. 5 an, ehe ruhige Melodiebögen das Geschehen bestimmen. Kaum setzt der Solist ein, bietet Davidoff ihm die denkbar wirkungsvolle Möglichkeit, in lockerer Fügung mit Einwürfen des Orchesters Virtuoses in allen Schattierungen zeigen zu können: Doppelgriffe, rasende Läufe, Spiel im höchsten Register und was es da so für Nettigkeiten gibt. Wen-Sinn Yang meistert diese technischen Schwierigkeiten problemlos und kann sich daher der musikalischen Gestaltung umso liebevoller widmen. Sein Celloton wirkt selbst in den schnellsten Figurationen nicht dünn, seine Kantilenen sind von edler Süße, ohne ins Sentimentale über zu kippen, durchaus eine Gefahr in dem mit ‘Kantilene’ überschriebenen zweiten Satz. Der Dialog mit dem Orchester ist sehr eng geführt, vor allem der rasche Schlagabtausch mit dem Orchester bestens abgestimmt. Dass Wen-Sinn Yang sein Cello wirklich zum mal wehmütigen, mal fast hymnischen Singen bringt, verhilft nicht nur den weitbögigen Mittelsätzen zu tiefem Ausdruck, sondern auch den lyrischen Teilen der Außensätze, im h-Moll-Konzert wie auch im Zweiten Cellokonzert a-Moll op. 14. Seine virtuosen, überaus gelungenen Interpretationen werden abgerundet durch sein untrügliches Gespür für das richtige Maß an Musikantischem in den Finali. Erste Klasse, dieser Mann.

Ebenso überzeugend wie die beiden Davidoff-Konzerte gestaltet Wen-Sinn Yang auch die ‘Variationen über ein Rokoko-Thema’ op. 33 von Tschaikowsky. Sehr geschmackvoll im Ton streift Yang schon mal die gefährliche nah kommende Nostalgie in diesem Stück, seine wache Art der subtilen Artikulation lässt aber auch daraus keinen Schmachtfetzen werden.

Etwas enttäuschender Orchesterklang

 

Der hohen Qualität des Solisten ist das begleitende Orchester leider nicht ganz ebenbürtig. Von Terje Mikkelsen geführt, bietet das Lettische Nationale Symphonieorchester eine ordentliche Grundlage, reagiert auf den Charakter des Cellotons, tupft hübsche Instrumentalfarben in das Cello-Klangkontinuum, ist gut auf den Solisten abgestimmt und zeichnet die dynamischen Grade Wen-Sinn Yangs überzeugend nach. Leider wird der Klang im Forte etwas roh, die Abstimmung zwischen den einzelnen Orchestergruppen nicht optimal. Das mag aber auch ein technisches Problem der Aufnahmen (bereits aus den Jahren 1997/98) sein, denn stellenweise klingt das volle Orchester im oberen dynamischen Bereich ziemlich inhomogen, fast wie bei einer leicht antiquierten Aufnahme. Schade, denn ansonsten wäre diese Produktion (vorbildlich detailreich der flüssig und sehr informativ geschriebene Booklettext) ein wirklich großer Wurf.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Davidoff, Carl: Cellokonzerte 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
20.01.2007
65:23
1998
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203720422
CPO 777 263-2


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Davidoff, Carl
 - Cellokonzert Nr. 1 op. 5 in h-Moll - Allegro moderato
 - Cellokonzert Nr. 1 op. 5 in h-Moll - Kantilene
 - Cellokonzert Nr. 1 op. 5 in h-Moll - Allegretto
 - Cellokonzert Nr. 2 op. 14 in a-Moll - Allegro
 - Cellokonzert Nr. 2 op. 14 in a-Moll - Andante
 - Cellokonzert Nr. 2 op. 14 in a-Moll - Allegro con brio
Tschaikowsky, Peter
 - Variations on a Rocco Theme op. 33 - Moderato quasi Andante


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Dirigent(en):Mikkelsen, Terje
Orchester/Ensemble:Latvian National Symphony Orchestra
Interpret(en):Yang, Wen-Sinn


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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