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Samstag, 15. August 2020

Schubert, Franz - Winterreise D 911

Wirkung durch Zurückhaltung


Label/Verlag: Animato
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Interpretation macht deutlich, dass eine konkrete, mitunter Kargheit nicht scheuende Auslegung des Notentextes den emotionalen Gehalt der ?Winterreise? bestens zur Geltung bringt.

Der vielseitige Baritonr Michael Volle und sein Klavierbegleiter Urs Liska haben eine Interpretation von Schuberts ‘Winterreise’ vorgelegt, die ihre Spannung daraus bezieht, dass durch die kluge Zurücknahme gestalterischer Mittel und die betont objektive Auslegung des Notentextes eine enorme Wirkung erzielt wird. Diese Wirkung liegt im tiefen musikalischen Gehalt der Komposition begründet, der einer zurückhaltenden Interpretation nicht ein Weniger, sondern ein Mehr an Ausdruck ermöglicht. Dass die Interpreten diesen Zugang gefunden und konsequent durchgestaltet haben, macht die besondere Qualität der vorliegenden Aufnahme aus.

An der Klavierbegleitung wird dieser Ansatz vielleicht am deutlichsten: Liska, der übrigens auch den hervorragenden Einführungstext verfasst hat, gestaltet mit einer unterkühlten Eleganz, die schaudern lässt. In ‘Gefrorene Tränen’ betont er mit eckig-stapfendem Gang das unabänderlich Fortschreitende, in ‘Erstarrung’ legt er das Schwere frei, das unterhalb der schnellen Bewegung verborgen liegt. Ihm gelingt somit die paradox anmutende Kombination aus einem harten und zugleich flüssigen Spiel, das wunderbar auf die Gesangsstimme abgestimmt ist.

Michael Volle überzeugt ebenfalls, wenngleich mit geringen Abstrichen. In der ersten Hälfte der ‘Winterreise’ bleibt der Gesang eigentümlich wesenlos, ist der Protagonist noch nicht deutlich erkennbar. Erst in der zweiten ‚Abteilung‘ beginnt sich, mit zunehmender Todessehnsucht, ein Individuum herauszukristallisieren; sollte dies beabsichtigt sein, ist es genial. Hier wird der Gesang ausgeglichener und zielgerichteter. Volle gelingt es, den hohen Gefühlsgehalt der Komposition auszuleuchten, ohne – wie etwa Thomas Quasthoff in seiner wuchtig-pathetischen Interpretation aus dem Jahr 1998 – subjektiv zu emotionalisieren. So bleibt auch der Gesang, mit seiner spannenden Verknüpfung von dezenter Phrasierung und opernhaftem Timbre, dicht am Notentext. Bei aller Souveränität der Melodiegestaltung und klaren Artikulation (wenngleich zu Beginn das auffällige Rollen des ‘r’ stören mag) gibt es – selten genug – intonatorische Unsauberkeiten. So in ‘Wasserflut’, wo der Zielton in der Höhe erst nach einer leichten Verzögerung, die wie Unsicherheit wirkt, erreicht wird. Die Verzierungen hingegen gelingen sehr gut, bleiben stets sauber und flüssig (wie in ‘Auf dem Flusse’).

Die wohltuend zurückhaltende Interpretation des ‘Lindenbaums’ gerät vergleichsweise langsam; da wird nicht durch dieses berühmteste Lied des Zyklus ‚gerauscht‘, sondern sein Gehalt kann sich ohne Hast entfalten. Und dennoch bleibt auch hier eine Unruhe zu spüren, die die ganze ‘Winterreise’ unterschwellig oder, wie in ‘Die Post’, deutlich hervortretend durchzieht. In einem Vergleich verschiedener Interpretationen des letzten Liedes ‘Der Leiermann’ zeigt sich die Stärke der vorliegenden Aufnahme, die die Abgründigkeit des Zyklus offenbart: Während die Interpretation von Christoph Prégardien und Andreas Staier (1997) viel leichter und schneller und diejenige von Dietrich Fischer-Dieskau und Jörg Demus (1966) akzentuierter ist, arbeiten Volle und Liska auf brillante Weise gerade das Statische und Monotone heraus.

Diese Interpretation macht deutlich, dass eine konkrete, mitunter Kargheit nicht scheuende Auslegung des Notentextes den emotionalen Gehalt der ‘Winterreise’ bestens zur Geltung bringt – eine Bereicherung des Repertoires.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Winterreise D 911

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Animato
1
11.10.2013
Medium:
EAN:

CD
4012116609936


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Interpret(en):Volle, Michael


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