> > > Schumann, Robert: Sinfonien Nr. 2 & 4
Dienstag, 16. August 2022

Schumann, Robert - Sinfonien Nr. 2 & 4

Überraschender Schumann


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Schwedish Chamber Orchestra unter Leitung von Thomas Dausgaard überrascht mit einer nuancenreichen und spannenden Einspielung von Schumanns Sinfonien Nr. 2 und 4.

Obgleich Robert Schumanns Sinfonien zum festen Repertoire orchestralen Schaffens aus dem 19. Jahrhundert gehören und dementsprechend oft auf Tonträgern zu finden sind, lassen sich die wirklich guten Interpretationen fast an einer Hand abzählen. Auch heute noch dient die lange Zeit über kolportierte Ansicht, Schumanns Schwächen in der Instrumentationskunst führten bei der Werkwiedergabe zu Problemen innerhalb der Balance der Orchesterinstrumente, als Argument für inakzeptable Einspielungen. Dies ist umso bedauerlicher, als Experten der historisch-orientierten Aufführungspraxis wie Roy Goodman und John Elliott Gardiner längst gezeigt haben, dass es sich dabei um ein Klischee handelt, das sich beim richtigen Musizieren förmlich in Luft auflöst. Die vom schwedischen Label BIS auf SACD veröffentlichte Einspielung der Sinfonien Nr. 2 C-Dur op. 61 und Nr. 4 d-Moll op. 120 mit dem Swedish Chamber Orchestra unter Leitung von Thomas Dausgaard ist ein ideales Beispiel für eine gelungene Synthese zwischen solchen Erkenntnissen und dem Musizieren auf heutigen Instrumenten, denn der transparente Klang des auf ein Minimum von Musikern beschränkten, perfekt aufeinander eingespielten Ensembles zeigt, dass man sich nicht von falschen Vorstellung einer in Klangsoße getauchten Romantik irritieren lässt.

Die C-Dur-Sinfonie (1845/46) etwa überzeugt durch eine ungemein detailreiche Wiedergabe. Die kleinen Intonationsschwankungen in Trompeten und Klarinetten, die zu Beginn der Kopfsatz-’Introduzione’ hörbar sind, erweisen sich glücklicherweise als Ausnahmeerscheinung und bleiben sofort hinter der Wirkung einer wohl durchdachten instrumentalen Umsetzung zurück. Deren Wucht verdankt sich vornehmlich der Herausarbeitung dynamischer Extremwerte, bei der kleinste dynamische Nuancen akribisch umgesetzt, Schweller und Akzente plastisch ausformuliert, Steigerungspassagen und Übergänge differenziert gestaltet werden. Zu dieser Wirkung trägt aber sicherlich auch die hervorragende Aufnahmetechnik bei, die die Lautstärkeverhältnisse adäquat abbildet, ohne sie künstlich einzuebnen und damit ihrer Kontrastwirkungen zu berauben. Außerordentlich gut hörbar ist auch die räumliche Anordnung der Instrumente, für die hier offensichtlich eine deutsche Orchesteraufstellung mit Platzierung der Violinen auf der linken und rechten Seite mit zentral aufgestellten Violen und Violoncelli in der Mitte gewählt wurde, wodurch die einander abwechselnden Einwürfe von Instrumentengruppen – etwa im Scherzo – einen ganz eigenen Stellenwert bekommen und die Logik des musikalischen Geschehens deutlicher wird. Ein Höhepunkt ist zudem die ergreifende Darstellung des langsamen Satzes als dahinströmender Gesang, in dem die einander ablösenden Instrumentalfarben der Bläser besonders gut zur Geltung kommen.

Bei der d-Moll-Sinfonie hat sich Dausgaard für die unpublizierte Erstfassung (1841) entschieden, die von Schumann später vor der Drucklegung (1852) in zahlreichen Details entscheidend verändert wurde. Damit folgt der Dirigent einer Tendenz, die sich vorher auch schon bei anderen Interpreten abgezeichnet hat. Obgleich die Tempi in dieser frühen Fassung frischer sind und die Instrumentation mehr Transparenz hat – Schumann neigte später zum ruhigeren Zeitmaß und strebte eine kompakterer, mehr auf Monochromie ausgerichete Wirkung an – schätze ich persönlich die gedruckte Version aufgrund der thematischen Verknüpfungen zwischen Finale und Kopfsatz mehr. Allerdings ist Dausgaards Lektüre der Erstfassung in höchstem Maße frappierend und nimmt – mehr als etwa die Interpretationen von Goodman oder Gardiner – sehr stark für die frühe Version ein. Insbesondere die Überleitung vom langsamen Satz zum Finale ist mit einem atemberaubenden Spannungsaufbau musiziert, wie er meiner Ansicht nach auf Tonträgern bislang nie zu hören war.

Den beiden Sinfonien stellt Dausgaard zwei Schumannsche Ouvertüren zur Seite: Eine echte Repertoirelücke ist die selten zu hörende Konzertouvertüre Julius Cäsar op. 128 (1851), die den Komponisten als Meister der dramatischen Schilderung zeigt. Hier liegt – auch in der Umsetzung – das Schwergewicht auf der Zeichnung des Blechbläsersatzes, der jedoch trotz seiner musikalischen Präsenz bei Dausgaard nicht ins Pathetische umschlägt oder aus der Gesamtheit des Orchesterklangs herausfällt. Mit viel Sinn für feine und oftmals unscheinbare Details wie die melodischen Fäden und harmonischen Umschwünge ist schließlich auch die Ouvertüre zu den ‘Szenen aus Goethes Faust’ (1853) musiziert, was – dies sei am Rande bemerkt – schmerzlich bewusst macht, dass es bis heute keine adäquate Einspielung der gesamten Komposition gibt. Wie dem auch sei: Dausgaard und das Swedish Chamber Orchestra haben sich mit dieser wunderschönen Einspielung ganz oben auf die Liste der herausragenden Schumann-Interpreten katapultiert und erweisen sich zudem als viel versprechende Anwärter für eine gelungene interpretatorische Relektüre des romantischen Sinfonien- und Ouvertüren-Repertoires – einer Aufgabe, der sie sich mit ihrer Serie ‘Opening Doors’ weiterhin widmen wollen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Sinfonien Nr. 2 & 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BIS Records
1
27.12.2006
75:54
2006
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
7318599915197
BIS-SACD-1519


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Schumann, Robert
 - Sinfonie Nr. 2 in C-Dur op. 61 -
 - Overtüre zu 'Scenes from Goethe's Faust' -
 - Julius Caesar op. 128 - Overtüre
 - Sinfonie Nr. 4 in d-Moll op. 120 - Originalversion


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Dirigent(en):Dausgaard, Thomas
Orchester/Ensemble:Swedish Chamber Orchestra


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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