> > > Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 8
Montag, 4. Juli 2022

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 8

Ideal des Brucknerklangs


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hier ist dieser sinfonische Koloss wirklich in jeder Sekunde einleuchtend, und der Hörer wird mitgenommen auf eine Reise in die Tiefsee der Brucknerschen Geisteswelt.

‘Engelskonzert, dunkel und deutsch’ übertitelte Eleonore Büning Anfang des neuen Jahrhunderts einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der dem typisch ‘deutschen’ Orchesterklangideal gewidmet war, der in der globalisierten Orchesterlandschaft nur noch gelegentlich von den Staatskapellen aus Berlin und Dresden und dem Gewandhausorchester Leipzig beansprucht wird. Was diesen Klang ausmacht, ist schwer in Worte zu fassen. Dem Hörer soll das Urteil überlassen bleiben. Gelegenheit dazu erhält er nun durch einen Livemitschnitt von Anton Bruckners achter Sinfonie, vom Leipziger Orchester im letzten Konzert unter der Stabführung von Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt interpretiert. Die Aufnahme ist als Super-Audio-CD beim Label Querstand erschienen.

Dass Blomstedt für sein letztes Konzert im Amt des Gewandhauskapellmeisters gerade Bruckner gewählt hat, ist kein Zufall. Mit Bruckners Neunter begann die Zusammenarbeit, mit der Achten endet sie, und seit Arthur Nikisch mit dem Gewandhausorchester in den Jahren 1919 und 1920 die weltweit erste zyklische Aufführung aller Sinfonien Anton Bruckners geleitet hat, gehören Bruckners Werke zum Kernrepertoire des Orchesters. Man darf das Gewandhausorchester guten Gewissens als ‘Bruckner-Orchester’ schlechthin bezeichnen. Der erdig-warme Klang der Streicher und der farbige, große Ton der Bläser prädestinieren den Klangkörper geradezu für die Werke Bruckners, von dem Herbert Blomstedt einmal sagte, im Gegensatz zu Mahler, der ein Komponist auf der Suche nach Gott sei, habe Bruckner Gott bereits gefunden. Klangarchitekturen sind Bruckners Sinfonien für Blomstedt, und ähnlich schlüssig und Ehrfurcht erregend präsentiert er die Achte auch in dieser Aufnahme.

Die deutsche Aufstellung des Orchesters führt zu einem sehr transparenten Klangbild, das Blomstedt besonders im ersten Satz durch eine sehr durchlässige Interpretation verstärkt. Klangwärme ist hier nicht gleichzusetzen mit einem verschwommenen Brei, vielmehr schwingen sich die einzelnen Register gemeinsam auf zu jenem ‘Engelskonzert’, von dem Dirigenten aller Generationen schwärmten.

Von selten gehörter Intensität ist der Adagiosatz, mit einer knappen halben Stunde Dauer einer der monumentalsten Sätze in der Geschichte der Sinfonie. Blomstedt gelingt es, den großen Bogen, der über den Formteilen des Satzes gespannt ist, in jedem Moment nachvollziehbar zu machen und dem Satz somit eine Stringenz zu verleihen, die ihm aber nichts von der ‘feierlich langsamen’ Grundstimmung nimmt.

Das gewaltige Finale mit seiner Übereinanderschichtung aller vier Themenköpfe der Sinfonie gerät bei den Leipzigern zu einer fulminanten Apotheose, zu einem ‘himmlischen’ Erlebnis, um in Blomstedts Diktion zu bleiben. Dabei bleibt ständig eine ‘Grund-Innigkeit’ als Basis vorhanden, die keine grelle Schärfe zulässt, auch nicht in den entfesselten Blechexzessen.

Dem tosenden Applaus des Publikums bleibt wenig hinzuzufügen, denn auch wenn Blomstedt auf die wenig überzeugende Mischfassung der Sinfonie zurückgreift, ist diese Achte Bruckners ein musikalisch und klanglich überwältigendes Erlebnis. Hier ist dieser sinfonische Koloss wirklich in jeder Sekunde einleuchtend, und der Hörer wird mitgenommen auf eine Reise in die Tiefsee der Brucknerschen Geisteswelt. Die Musiker des Gewandhausorchesters sind über jeden Zweifel erhaben, und so trübt nur ein Gedanke diese musikalische Sternstunde: dass eben auch eine solche einmal ein Ende hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 8

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
2
26.01.2007
Medium:
EAN:

SACD
4025796006049


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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