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Samstag, 2. Juli 2022

Hasse, Johann Adolf - Serpentes Ignei In Deserto

Feuriges


Label/Verlag: Ambronay Editions
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jérôme Correas gelingt die absolut überzeugende Auffassung dieses Oratoriums als geistliche Oper.

Es ist aus heutiger Perspektive eine Merkwürdigkeit, dass im Venedig der Neuzeit neben der traditionsreichen musikalischen Leistungsfähigkeit am Markus-Dom und vielen anderen Kirchen mit der Arbeit der Waisenhäuser weitere musikalische Zentren entstanden. Durch das Beispiel Antonio Vivaldis ist bereits das Wichtigste bekannt: Die vier großen Häuser ließen den hier lebenden Mädchen eine erstklassige musikalische Ausbildung angedeihen, die weit über die Grundlagen hinausging. Wahre Virtuosinnen wurden herangebildet, so dass nur die größten und bedeutendsten Meister der Zeit die stets benötigten neuen Werke liefern konnten. Neben Vivaldi waren das solche Größen wie Nicola Antonio Porpora oder eben Johann Adolf Hasse, der in Venedig spätestens seit dem Jahr 1730 und der erfolgreichen Aufführung seiner Oper ‚Artaserse’ mit dem berühmten Farinelli eine anerkannte Größe war.

Hasse stellte seine Kunst für einige Zeit in die Dienste des ‚Ospedale degli Incurabili’ und schuf für die hier ausgebildeten Mädchen eine Reihe von vokalen und instrumentalen Werken, die das Repertoire des Hauses und die Musik an der benachbarten Kirche des Heiligen Erlösers bereicherten.

Hasses Gesamtwerk wird deutlich von seinem Opernschaffen dominiert. So verwundert es kaum, dass auch in einem geistlichen Werk das Opernhafte und primär Dramatische zu seinem Recht kommt. In einer für die 1730er Jahre außerordentlich zeitgemäßen Diktion entfaltet der Komponist sein Können und weist in manchem kompositorischen Mittel auf die klassische Periode voraus: Nach einer eleganten, temperamentvoll gesteigerten Orchestereinleitung schließen sich in enger Folge geschickt dramatisierte Rezitative an, die teilweise übergangslos aus dem musikalischen Geschehen hervorgehen. Herzstück sind in den ‚Serpentes ignei in deserto’ wie in Hasses Opern die enorm virtuosen Arien, die in außerordentlicher Bewegtheit der Linien durch extreme Tempi getrieben werden und mit ihren ausgedehnten, beinahe artistisch kunstfertigen Koloraturen den Sängern großes Können abverlangen. Bei aller Dramatik hat Hasses Musik gleichzeitig aber auch sehr luftige und elegante Passagen, die den Strom des dramatischen Geschehens durchbrechen. Das Libretto des Oratoriums basiert auf einer gleichnishaften Deutung des alttestamentarischen Geschehens um Mose und die Israeliten, die, des entbehrungsreichen Lebens in der Wüste müde und überdrüssig, sich von ihrem Gott und dessen Propheten abwenden. Die Strafe in Form giftiger Schlangen – deren Bisse brennen wie das titelgebende Feuer – folgt auf dem Fuß. Läuterung schafft der Prophet, indem er eine bronzene Schlange errichtet, deren Anblick vor weiterem Ungemach schützen soll. Dieses in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts überaus beliebte Motiv – auch Zelenka, Sammartini und andere komponierten Werke in diesem Kontext – zielte auf die vorausschauende und rechtgläubige Orientierung der Gemeinde ab und endete folgerichtig mit einem rezitativischen Schluss, dem sich das Psalmgebet der Gläubigen anzuschließen hatte.

Interpretation als Erlebnis

 

Mit der vorliegenden Platte liegt dieses Werk erstmals in einer modernen Einspielung vor, die in mancher Hinsicht Maßstäbe setzt. Alle Vokalisten verfügen über ein hervorragendes technisches Niveau und entfalten ihre Gestaltungskraft im sehr guten Zusammenspiel mit den temperamentvollen Instrumentalisten. Auch in teils aberwitzig rasanten Tempi liefern die Künstler unter der Leitung Jérôme Correas’ Musik in absoluter Präzision. Dafür sorgen nicht zuletzt die blendend aufgelegten instrumentalen Könner von ‚Les Paladins’, die ihr enormes Potential einbringen. Auch abrupte Tempowechsel oder die Ausgestaltung und geglückte Phrasierung kleinerer Motive und Begleitfiguren gelingen mit erstaunlicher Leichtigkeit. Eine besondere Erwähnung verdient der Umstand, dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt: Das perfekt austarierte Klangbild lässt das kaum vermuten. Glücklich abgerundet wird die Platte, durch das Booklet, das ein schlüssiges – beim Label ‚Ambronay’ schon gewohnt ambitioniertes – Gesamtkonzept erkennen lässt.

Jérôme Correas gelingt die absolut überzeugende Auffassung dieses Oratoriums als geistliche Oper, die mit ihrer avancierten Dramatik musikalisch kaum weniger bietet, als es bei der Verwendung eines weltlichen Librettos der Fall wäre.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hasse, Johann Adolf: Serpentes Ignei In Deserto

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ambronay Editions
1
19.01.2007
Medium:
EAN:

CD
3760135100057


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Ambronay Editions

Autour du Festival de musique ancienne créé en 1980, activité emblématique du CCR, Ambronay développe un ambitieux programme d'insertion professionnelle de jeunes artistes et créateurs, accorde une place importante à la pratique amateur et à l'action culturelle, propose une offre patrimoniale riche et variée et engage une réflexion approfondie sur les rapports entre culture, tourisme et économie avec la mise en place d'un centre de séminaires et d'un club d'entreprises. L'ensemble de ces activités bénéficie d'une diffusion internationale via le label de disques Ambronay Éditions.


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