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Samstag, 10. Dezember 2022

Wilms, Johann Wilhelm - Sinfonie und Solokonzerte

Haydn, Beethoven, Mozart, Wilms


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ars Produktion entdecken für uns den bergisch- niederländischen Klassiker Wilms wieder.

Auf der Suche nach abendlichen Kulturveranstaltungen entdeckt man in Amsterdam selbst unter der Woche eine Liste von Möglichkeiten, die Festlegungen schwer fallen lässt. Die ehemalige Welthauptstadt hat seit jeher eine unglaublich wache und engagierte Kulturszene. Deshalb hat sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts wohl auch Johann Wilhelm Wilms für ein Leben und Arbeiten dort entschieden. Der im bergischen Land aufgewachsene Zeitgenosse Beethovens und Haydns avancierte in den Niederlanden zu einem der bedeutendsten Komponisten. In Deutschland blieb er nahezu unbekannt.

Wilms zeichnete sich zwar mehr als Musikpädagoge und künstlerischer Leiter verschiedenster Anlässe aus, aber dennoch sind seine Kompositionen, fast ausschließlich Instrumentalmusik, weder dilettantisch noch kunstlos. Wilms genügt in seinen Werken dem Formverständnis der Wiener Klassik, hält in der musikalischen Gestaltung an einigen Stellen allerdings frühromantische Überraschungen bereit und entwickelt so seinen eigenen Stil. Dennoch werden die Anleihen bei den drei großen der Wiener Klassik sowie bei Schumann direkt beim ersten Hören, auch schon im ersten Track der CD (Klavierkonzert) deutlich.

Zur Uraufführung dieses Klavierkonzerts in C- Dur gibt es im Booklet ein Zitat eines damaligen Rezensenten: ‘Das Konzert verlangt einen sehr fertigen und brillanten Spieler’- schrieb der Kritiker da von Wilms selbst. Auf dieser Aufnahme ist es Paolo Giacometti, der diesen Anforderungen absolut genügt. Vielfach gelobt für seine Rossini- Gesamtaufnahmen, verdient sein Spiel auch hier höchste Aufmerksamkeit. Seine Artikulation auf dem Hammerflügel ist punktgenau, jeder Ton ist klar hörbar, die virtuosen Läufe, besonders im 3. Satz, sind technisch einwandfrei und klingen dennoch so leicht, wie es das Rondo verlangt. Das Zusammenspiel mit dem Orchester ist hingegen verbesserungswürdig: So ist der Dialog zwischen Oboe und Klavier als einziger beispiellos, das Wechselspiel zwischen Hörnern und Klavier hapert an der Intonation der Bläser (das passiert leider noch häufiger), und beim Zusammenspiel mit dem Orchester passiert es, dass die Streicher in einem zu romantischen Legato die transparente und lebendige Phrasierung des Klavierspiels überdecken. Dennoch steht die Leistung Paolo Giacomettis weit im Vordergrund.

Das zweite Werk dieser CD ist die Sinfonie op. 14 in Es- Dur, Wilms erste Sinfonie. Für den geschulten Wiener Klassik- Hörer werden sich einige Haydn- und Mozart- Zitate entdecken lassen. Für alle anderen bietet das Werk nette Unterhaltung hoher Güte. Im Zusammenhang mit der Kompositionsweise Wilms stößt man häufiger auf das Wort ‘gefällig’. Dieses Wort passt auch hier. Die Sinfonie sprüht nicht vor innovativen Ideen, dafür erarbeitet sich das Orchester unter Michael Alexander Willens aber einen weitaus ausgeglicheneren Klang als bei den Solokonzerten. Die präzise dynamische Gestaltung bewahrt den Zuhörer vor der Langeweile.

Das Flötenkonzert ist das an musikalischen Einfällen reichste Stück, leidet aber gleichzeitig an den meisten Mängeln. Martin Sandhoffs Zwischenatmen ist so laut zu hören, dass es bisweilen den wunderbar warmen Klang, den er auf dieser historischen Flöte zaubert (auch dazu eine Abbildung im Booklet), verdrängt. Darüber hinaus wird das Timing- Problem, das sich beim Klavierkonzert schon angedeutet hat, hier unleugbar. Die Streicher hängen in den schnellen Passagen der Flöte absolut hinterher, was hätte vermieden werden können, wenn die Leichtigkeit und Frechheit der Interpretation Sandhoffs stärker ins Orchester übertragen worden wäre.

Zum Schluss noch eine Bemerkung zum Booklet: Neben vielen lehrreichen Fakten gibt es dort Sätze wie: Das Orchester möchte das ‘Beisichseinwollen des Solisten so einfühlsam wie möglich respektieren und stützen’. Das klingt mehr nach Familientherapie als nach Beschreibung von Musik, bietet aber einen Raum, indem sich der kreative Hörer einem Assoziationsspiel hingeben kann. Wem das Hören also nicht reicht, der bekommt im Booklet noch ein wenig Unterhaltung geboten.

Diese CD eignet sich auf jeden Fall als Einstieg in das Werk von Wilms. Es ist ein engagiertes Projekt der Kölner Akademie und Ars Produktion, das ein umfassendes Bild von Johann Wilhelm Wilms Leben und Werk gibt in einem im ganzen gelungenen Booklet und in einer guten, was die Solisten betrifft hervorragenden, musikalischen Qualität.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wilms, Johann Wilhelm: Sinfonie und Solokonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
ARS Produktion
1
01.05.2008
01:15:14
2006
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
4260052380246
ARS 38 024


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Wilms, Johann Wilhelm
 - Klavierkonzert Op.12 C-Dur - Allegro
 - Klavierkonzert Op.12 C-Dur - Poco Adagio
 - Klavierkonzert Op.12 C-Dur - Rondo: Allegro
 - Sinfonie Op.14 Es-Dur - Adagio - Allegro
 - Sinfonie Op.14 Es-Dur - Andante poco Allegretto
 - Sinfonie Op.14 Es-Dur - Menuetto
 - Sinfonie Op.14 Es-Dur - Rondo: Allegro
 - Flötenkonzert Op.24 D-Dur - Allegro ma non troppo
 - Flötenkonzert Op.24 D-Dur - Adagio
 - Flötenkonzert Op.24 D-Dur - Polacca: Allegretto


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Dirigent(en):Willens, Michael Alexander
Orchester/Ensemble:Kölner Akademie
Interpret(en):Giacometti, Paolo
Sandhoff, Martin


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
?Die SACD - Super Audio CD kombiniert die Präzision der digitalen Reproduktion mit der Wärme des analogen Klanges. Das hat uns überzeugt.?


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