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Donnerstag, 19. September 2019

Simpson, Robert - Sinfonien 1 - 11

Robert Simpsons unbekannte Sinfonik


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Elf unbekannte Sinfonien ziehen den Hörer zu dieser CD-Box, doch neben den eindrucksvollen Interpreten wissen die Kompositionen nicht immer zu überzeugen.

Robert Simpson - eigentlich: Robert Wilfred Levick Simpson – ist, wie so Manches aus der Musikszene Großbritanniens, eher unbekannt. Elgar oder Britten haben es inzwischen zu einem wohlverdienten Bekanntheitsgrad geschafft, doch auch bei ihnen und vielen weiteren gäbe es noch einiges zu entdecken. So freut man sich also, in dieser vorliegenden CD-Box 11 unbekannte britische Sinfonien vor sich zu haben und auf hörende Entdeckungsreise zu gehen. Doch wie bei einigen der vielen ’Entdeckungen’, die auf dem Klassikmarkt zur Zeit ‚en vogue’ sind, gilt es auch hier die absolute Notwendigkeit zu hinterfragen.

Der erste Eindruck

Robert Simpson - Jahrgang 1921, verstorben im November 1997 – gelangte in der Musikwissenschaft mit zwei Büchern über Carl Nielsen und Anton Bruckner zu wissenschaftlichem Ruhm, der ihm auch 1956 die Carl-Nielsen-Goldmedaille und 1962 die Ehrenmedaille der Bruckner Society of America einbrachte. Um Simpsons sinfonisches Erbe bemüht sich die ’Robert Simpson Society’ London, deren Präsident zugleich der Dirigent der vorliegenden Aufnahmen, Vernon Handley ist. Mit dem Royal Philharmonic Orchestra, dem Bournemouth Symphony Orchestra und dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra stehen Handley erfahrene und auch im gefährlichen Terrain unbekannter Sinfonik sichere Klangkörper zur Seite, die ohne Mühen aber mit vollster Überzeugung für Simpsons Sinfonien einstehen. Diese entstanden in einem Zeitraum von vierzig Jahren, wobei auf die ersten drei, nach einer zehnjährigen Schaffenszeit, eine ebenso lange Pause folgte, bis Simpson schließlich in weniger als zwanzig Jahren dann die übrigen acht Sinfonien schuf.

Der erste generelle Eindruck dieser Sinfonien entbehrt leider nicht einer gewissen Eintönigkeit. Oft sind es die vielen Wechsel, sowohl harmonisch wie in der Instrumentierung, die zwar Personalstil bedeuten können, doch diese immerwährenden, unruhigen Wendungen und Verästelungen verstellen oftmals den hörenden Zugang zu Form und Konzept. Das berühmte Diktum des ’Weniger ist Mehr’ würde wohl greifen, man sehnt sich nach etwas Klangraffinesse, nach ein wenig Zauberei in so manchen Entwicklungen. Zu Gute zu halten bleibt Simpson, dass er sich um die große Sinfonie bemüht und im 20. Jahrhundert noch versucht, ihr ein Fortbestehen zu ermöglichen. Größtenteils versucht er, seine Werke frei von Programmatik zu halten und sich der Sinfonie im ’absoluten musikalischen’ Sinn zu widmen. Auch wenn seine Werke nicht Jedermanns Geschmack sein werden und einige Male auch das Gefühl von Unausgegorenheit hinterlassen, so zeigen sich die Interpretationen der Sinfonien und die Orchesterkultur der Ensembles als Trumpf der Einspielung.

Hirn statt Herz

In den ersten drei Sinfonien stehen Simpsons Auseinandersetzungen mit Form und Inhalt im Vordergrund, motorisch perkussive Ecksätze, häufig mit bedrohlichen und diabolischen Momenten, stehen langsamen Passagen gegenüber, die sich bis in ätherische Klangeindrücke entwickeln können. Wie das Booklet verrät, sind es häufig kämpfende Tonarten, die in Simpsons Sinfonien um die Vorherrschaft ringen. Was sich etwas ungelenk liest, klingt dann recht intelligent, zum Beispiel in der 3. Sinfonie, wo Simpson aus dem Ringen der Tonarten einen Dominant-Sept-Klang als Lösung gewinnt und mit ihm auch die Sinfonie schließt. Doch es scheint bezeichnend für seine Kompositionsart zu sein, dass sie oft mehr das Hirn als das Herz im Hörer anspricht, es scheint mehr ein komponierender Musikwissenschaftler als ein musikwissenschaftlicher Komponist dahinter zu stecken, wenn man es trennen müsste. So wirkt dann das fast unveränderte Zitat aus dem Scherzo Beethovens 9. Sinfonie in Simpsons 4. Sinfonie mehr wie eine Scherzo-Reminiszenz, als wirklich klanglich und formell eingebunden. Und im späteren Zitat aus Haydns 76. Sinfonie gelingt ihm zwar das Kunststück verschiedener Perspektivität, wie es auch Charles Ives meisterhaft betreibt, doch die eher holzschnittartigen Übergängen verhindern organische Klangverbindungen.

Als Garant für die Plausibilität der einzelnen Passagen jedoch entpuppen sich Vernon Handley und seine Orchester. Neben bereits erwähntem hohem Engagement ist besonders das Einfühlen in die jeweiligen Stimmungen der Sinfoniesätze zu erwähnen. Unnachgiebig drängen die starken Rhythmen, das ausgedehnte Haydn-Zitat wird zum klassizistischen Ruhepol, die blitzartigen Wendungen wie etwa in der 5. Sinfonie, wo sich Chaos und Form gegenseitig auszulöschen suchen, springen wie Irrlichter durchs Orchester.

Überraschungen

Zu überraschen vermögen die Sinfonien Nr. 6, Nr. 9 und Nr. 11. Die 6. Sinfonie widmete Robert Simpson einem berühmten Gynäkologen namens Ian Craft, da er die Entstehung des Lebens aus einer Eizelle mit der sinfonischen Form verglich, die in ihrer Entwicklung ebenfalls Leben hervorbringe. Mit dieser vermeintlichen Programmatik im Hintergrund zeigt sich die zweiteilige 6. Sinfonie wie ein statisches Heranwachsen mit lyrisch-jubelndem Ziel nach dem Höhepunkt des Werks. Es ist als ob sich aus den abstrakten Wirrungen des Beginns etwas entwickelt und sozusagen ins Leben tritt, um dort in Freude zu schwelgen. Auch dank des differenzierten Spiels des Royal Liverpool Philharmonic Orchestras geht dieses Konzept gut auf und lebt von der interessanten, gut vorbereiteten großen Wendung dieser Sinfonie.

In der 9. und 11. Sinfonie sind es vor allem die Einfachheit der Mittel und die thematische Beschränkung, die den Werken wohltuende Klarheit und Durchhörbarkeit verschaffen. Die starken Anleihen zu Bruckner in der 9. wirken nicht herbeizitiert, sondern mehr wie eine gut funktionierende Konzeptvorlage angewandt. Aus kleinen thematischen Keimzellen gewinnt Simpson große Klangformen, gewaltsame Brüche und Wendungen vermeidet er zugunsten plausibler Entwicklungen, so dass wahrlich von einem Melodiefluss der Sinfonie gesprochen werden kann, der auch nicht zuletzt dem flexiblen Bournemouth Symphony Orchestra wiederum unter Vernon Handley zu verdanken ist. Die 11. Sinfonie schließlich wurde von Matthew Taylor und der ’City of London Sinfonia’ eingespielt. Taylor, Widmungsträger des Werks, führt die fast kammermusikalische Partitur auf ihre einfachen klanglichen Strukturen zurück, ohne die Seele des Werks zu verlieren. Ein breites Spektrum an Emotionen zeigt sich in dieser Sinfonie, doch das Mittel zum Erfolg liegt in der Einfachheit des Klangs, den Taylor samt Orchester in seinen Nuancen voll auszuschöpfen vermögen.

Für Fans unbekannter Sinfonik ist diese CD-Box also eine interessante Fundgrube, die Interpreten liefern durchgehend eine höchst respektable Leistung, doch ob sich diese Sinfonien auch bis ins Herz aller Hörer durchschlagen können, muss leider bezweifelt werden. Die Box wird durch ein ausführliches, informatives Interview mit dem Komponisten zur 9. Sinfonie abgerundet, das detailreiche Booklet hingegen verliert sich etwas in ungelenken Formulierungen und eigenwilligen Assoziationen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Simpson, Robert: Sinfonien 1 - 11

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
7
17.11.2006
Medium:
EAN:

CD
034571141916


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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