> > > Schostakowitsch, Dimitri: Sinfonien Nr. 1 - 15
Sonntag, 20. Oktober 2019

Schostakowitsch, Dimitri - Sinfonien Nr. 1 - 15

Zwiespältige Familien-Interpretationen


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Maxim Schostakowitsch erweist sich in den Weiten der Partituren nicht als Klangmagier, das sensible Austarieren von Stimmungen und feinen Nuancen scheint nicht seine Sache.

Eigentlich ist es ja fast schon eine Pflichterfüllung, nichtsdestotrotz ließ seine Gesamteinspielung der Sinfonien seines Vaters sich doch einige Zeit im Gedenkjahr: Die Rede ist von Maxim Schostakowitsch, dem hauptberuflichen Dirigenten und Sohn des Dmitrij Schostakowitsch. 1972 leitete er die Uraufführung der 15. Symphonie in Moskau, er ist Widmungsträger des 2. Klavierkonzerts und übernahm auch den Klavierpart in der Uraufführung, als er in den 80ern in die USA emigrierte fand er schnell den Weg auf internationale Konzertpodien, jedoch nicht vollkommen festgelegt auf das umfangreiche Œuvre seines Vaters. Nun liegt seine Gesamteinspielung der Schostakowitsch-Sinfonien bei Supraphon vor, allesamt Live-Mitschnitte aus den Jahren 1995 bis 2006 mit den Prager Symphonikern, und so gebrochen und innerlich entzweit wie ein Großteil der Werke seines Vaters sind leider auch einige der Sinfonien geraten.

Klanglich und sinnlich vereinheitlicht

Was sich nun wie beiläufig formuliert, aber doch mit zur wichtigsten Aussage dieser Gesamteinspielung gehört, ist die Tatsache, dass es sich um Live-Mitschnitte handelt. Die Präsenz der Sinfonien Schostakowitschs auf der Konzertbühne ist immer noch auf einige wenige begrenzt, sollte man mal das Glück haben die 4. oder 14. zu erwischen ist dies schon ein seltenes, durch völlige Abwesenheit glänzen nicht nur die doktrinbelasteten Sinfonien Nr. 2 und 3, sondern auch die Sinfonien wie etwa Nr. 6 und Nr. 13, selbst die berühmte 10. sind seltene Gäste und entziehen sich, bzw. werden dem aktiven Musikleben entzogen – selbst die Größen der Szene wie Mariss Jansons ziehen es vor, mit der 7. Sinfonie, der ’Leningrader’ auf Tournée zu gehen, Gennadi Rozhdestvensky, Meilenstein der frühen Schostakowitsch-Interpretation, scheint sich ebenfalls mehr und mehr von den Sinfonien zurückzuziehen.

Umso lobenswerter also das Engagement Maxim Schostakowitschs, diese Einspielung mit Konzerten aller Sinfonien zu verbinden, ein wichtiger und leider längst nicht alltäglicher Beitrag zur allgemeinen Erschließung dieser Werke.

Nun gehören jedoch die Prager Symphonikern zum bodenständigen Mittelfeld der Orchesterliga und Maxim Schostakowitsch erweist sich in den Weiten der Partituren nicht als Klangmagier, das sensible Austarieren von Stimmungen und feinen Nuancen scheint nicht seine Sache. So ähneln sich die Klangbilder erheblich, mit denen er die Prager durch die Sinfonien lotst, gleißender, augenschmerzender Schein wie in den Monumentalitäten der 5. und 7. beispielsweise verheddert sich in der Schwerfälligkeit des Orchesters und in der mangelnden Stringenz, aber auch die düsteren Gebilde wie in den Kopfsätzen der 6. und 10. Sinfonie kommen über ein bestimmtes Entwicklungsstadium nicht hinaus, das ihre Geschichte weiter erzählen würde, die auch im Detail so ungemein vielfältige Partitur fällt bisweilen dem allzu vereinheitlichenden Konzept der jeweiligen Sinfonie zum Opfer.

Belebende Selbstverständlichkeit

Die besonderen Momente der Sinfonien finden sich weitab von den Szenen, an denen man sonst gewohnt ist, den Gehalt einer Schostakowitsch-Sinfonie und ihrer Interpretation festzumachen. Es sind Momente, die sich scheinbar klanglich festgesetzt haben im gängigen Hören der jeweiligen Szenen, die nun ein neues Gewand erhalten. So sind es vor allem die tonal freien Szenen aus der 4. Sinfonie, aber auch die schwierige Mischung der verschiedenen Zitate in der 15. und die zahlreichen jazz-haften Entwicklungen einiger Sinfonien die aufhorchen lassen. Was im Großen oft nicht bis zum konsequenten Schluss gebracht wird zeugt hier von einer Spontaneität in Melodie und Klangentstehung, die wirklich wie frei und losgelöst aus dem sinfonischen Ganzen erscheint. So werden die eigentlich schwer zugänglichen Melodieentwicklungen der 4. wie selbstverständlich und in lockerer Geste erzählt (wo es die Sinfonie zulässt), die häufig schwer vermittelbaren Sätze der 13. Sinfonie ’Humor’ und ’Karriere’ gehen mit einer Selbstverständlichkeit an den Charakter, den man sich generell öfter in Schostakowitschs Musik und ihrer Darstellung wünschen würde.

Für abwägende Eingeweihte

So zeigt sich also diese Gesamteinspielung in gespaltener Aussage, allzu häufig misst man die Spontaneität aus dem Kleinen auch im Großen, einseitige Klangdifferenzierungen übergehen ein ums andere Mal wichtige Momente und die bezeichnende Zweischneidigkeit einiger dieser Werke, die vom Konzept her größtenteils schlüssig durchdachten Gesamtanlagen der Sinfonien durchbricht Maxim Schostakowitsch einige Male zugunsten schwerlich plausibler Tempoideen und Einhalte, die manches Mal auch das Orchester in der Live-Einspielung hörbar verunsichern, aber auch der Stringenz mancher Sinfonie nicht förderlich sind.

Für Schostakowitsch-Fans ist aber vor allem das Faktum interessant, dass es nun gerade der Sohn des großen Komponisten ist, der diese Gesamteinspielung vorlegt. Und mit diesem Wissen werden auch die schwachen Stellen der Sinfonien interessanter und wie schon erwähnt sind es auch oft die kleinen Szenen, die durch ihre Unbefangenheit, Spontaneität und lockeren Charakter überzeugen können.

Erstlingshörern dieses Sinfonienkosmos sei deutlich von dieser Gesamtaufnahme abgeraten, kundige Pfadfinder im Klang- und Aussage-Dickicht des Dmitrij Schostakowitsch werden sich hier jedoch mit Interesse, bisweilen Freude, aber auch manchem Ärgernis zurechtfinden. Neuzugängern seien die großartigen, teils bis zur Selbstaufopferung betriebenen Aufnahmen von Dirigenten wie Mravinsky, Rozhdestvensky, Kondrashin und auch Kurt Sanderling empfohlen. Nicht nur klanglich hervorragend sind ebenfalls die jüngst neu erschienenen Zyklen von Mariss Jansons mit diversen Orchestern sowie von Dmitrij Kitajenko mit dem Gürzenich-Orchester. Maxim Schostakowitsch kann mit dieser Riege trotz familiärer und biographischer Nähe leider nicht mithalten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dimitri: Sinfonien Nr. 1 - 15

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
10
20.10.2006
Medium:
EAN:

CD
099925389024


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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