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Samstag, 22. Januar 2022

Schumann, Robert - Das gesamte Klavierwerk

Kraftakt mit Schumann


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Editorisch benutzerunfreundliche Gesamteinspielung des Schumann’schen Solowerks für Klavier durch den österreichischen Pianisten Franz Vorraber. Spieltechnisch tadellos und von hohem Reiz. So manches Vorbild macht das Projekt aber nicht vergessen.

Wenn Sie die 13-CD-Box mit ‘Das Gesamte Klavierwerk’ von Robert Schumann, die der österreichische Pianist Franz Vorraber als ‘Erste digitale Gesamteinspielung’ bei Thorofon zwischen 1999 und 2002 bereits als Einzel-CDs herausgebracht hat, in Ihr CD-Regal stellen, so lesen Sie nicht etwa Komponist, Werk und Interpret auf dem Rücken der Papp-Box. Nein, Sie lesen: ‘Grandioses Gespür für Schumann’ (Dr. Dr. Gerhard Dietel) ‘Interpretatorischer Feinsinn’ (Yukio Miyake, Tokyo). – Nun dann wissen Sie ja schon alles über diese CDs. Vielleicht ist das ja auch der Grund wieso dem Beiheft nur ein grober Überblick über die Stückaufteilung, aber kein detailliertes Trackverzeichnis beigegeben ist? Wenn ein ‘Dr. Dr.’ und jemand aus ‘Tokyo’ sagen, dass diese Aufnahmen toll sind, ist das vielleicht gar nicht mehr nötig?

Schwer also, sich zu Recht zu finden auf diesen 13 CDs. Oder anders gesagt: Eine editorische Unverschämtheit! Also ein Blick auf die Homepage des Interpreten. Dort finden man neben vielen selbstbewussten Sätzen über Franz Vorraber zwar eine große, informative Schumann-Sektion, aber auch keine Hilfe zum gezielten Gebrauch der 13 CDs. Immerhin erfährt man von Vorraber Dinge wie: ‘Wenn ich Klavier spiele, verdämmert das Sichtbare, und vor mir entsteht eine unerklärbare faszinierende Welt von Tönen, deren vielfältige Ausdruckskraft ich vermitteln darf’. Toll.

Es fällt nicht einfach, Sympathie für diese 13 CDs zu entwickeln. Das liegt aber weniger am editorischen Dilettantismus, der den Käufer missachtet, als vielmehr daran, dass die sicherlich seriös und technisch hochklassig interpretierten Schumann-Stücke – der ‘Dr. Dr.’ möge es verzeihen – in ihrer Gesamtschau unter dem Fingern Vorrabers zwar Entwicklung und Variabilität erkennen lassen, jedoch auch ein gewisses Einheitsrezept der Herangehensweise. Das ist solange interessant, ja mitunter sogar spannend, wie man sich die Stücke einzeln anhört. Beginnt man jedoch die Interpretationen verschiedener Werkgruppen zu vergleichen, so fällt auf, dass Vorraber Neigungen zu abrupten Pharsenendungen, aggressiv angegangenen Passagen, einer gewissen Unruhe der Melodieführung und Schärfe der Akkordsetzungen hat.

Franz Vorraber reizt zweifelsohne immer wieder die Grenzen von Tempo und Dynamik in alle Richtungen aus, hier den Spuren Horowitzs oder Svjatoslav Richters als Schumann-Interpreten folgend. Trotzdem bleibt bei Vorraber der Eindruck einer extremen Kontrolliertheit, bekommen die Stücke  kaum eine enthemmende Wirkung, in der sich die mitunter heftige Wildheit der Kompositionen frei entladen könnte. Das mag auch daran liegen, dass die Wirkung der detailreich ausgestalteten Werke nicht die Differenzierungstiefe erreicht, die beispielsweise ein Pianist wie Murray Perahia so exemplarisch vorgeführt hat.

Natürlich stimmt das Zitat aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das sich auch auf einem Rand der CD-Box findet: ‘Ein hautnahes Schumann Erlebnis, spannend bis zur letzten Note’. Das gilt vor allem für die auftrumpfenden Gesten des Komponisten Schumann. Fern ist in Vorrabers Lesarten hier die mild-geschönte Romantik eines Wilhem Kempff. Fern jedoch auch einer gelungenen Balance zwischen Struktur, Atmosphäre und Expressivität, wie sie etwa Maurizio Pollini für Schumann so überlegen zu entwerfen weiß.

Keine Frage, Franz Vorrabers Gesamteinspielung ist auf einem sehr hohen spieltechnischen Niveau. Keine Frage aber auch, dass Vorraber bewusst anders sein will, bewusst neue Akzente setzen will, bewusst anders klingen will. Das wird gelegentlich zum Kraftakt, hat durchaus seinen Reiz, macht aber manch großes Vorbild keineswegs vergessen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Das gesamte Klavierwerk

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
13
07.11.2006
Medium:
EAN:

CD
4003913125309


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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