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Samstag, 10. April 2021

Genzmer, Harald - Werke für Kammerorchester

Ein zwiespältiger Eindruck


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Für Genzmer-Fans lohnt sich der Kauf dieser CD natürlich, denn alle vier Werke werden ansprechend musiziert und die Klangbalance ist stets ausgewogen.

Unlängst rezensierte ich eine CD mit Musik des Komponisten Karl Michael Komma und ging davon aus, es mit dem ältesten lebenden deutschen Tondichter zu tun zu haben – Komma ist 93 Jahre alt. Doch dies war ein Irrtum, denn Harald Genzmer, dessen Oeuvre diese Veröffentlichung gewidmet ist, bringt es auf stolze 98 Jahre. Vier seiner Kompositionen aus den Jahren 1946 bis 59 sind hier versammelt, darunter drei Konzerte. Die Gattung des Konzertes hat Genzmer stets gepflegt, für fast jedes Instrument existiert ein Solokonzert aus seiner Feder. Dabei verfügt der Komponist auch über praktische Kenntnisse der meisten Instrumente, für die er schreibt und steht damit in der Tradition seines Lehrers Hindemith.

Seinen kompositorischen Prinzipien ist Genzmer von den ersten Werken bis heute – ein Zeitraum von gut 70 Jahren – weitgehend treu geblieben: seine Musik wendet sich in erster Linie an Interpreten und Hörer, ist bei aller Vielfalt zugänglich konzipiert. Dies bedeutet nicht zuletzt eine gewisse Kompaktheit: keines der hier zu hörenden Werke dauert deutlich über 20 Minuten. Im einzelnen handelt es sich um ein Concertino für Klavier, Flöte und Streicher (1946), ein Kammerkonzert für Oboe und Streicher (1957), eine Sinfonie für Streichorchester aus dem Jahr 1958 und ein Violinkonzert (1959). Das Münchener Kammerorchester spielt unter der Leitung von Alexander Liebreich, die Solisten sind Oliver Triendl (Klavier), Andrea Lieberknecht (Flöte), Rainer Kussmaul (Violine) und François Leleux (Oboe).

Häufig liest man von dem Einfluß, den Hindemith auf das Schaffen seines wohl berühmtesten Schülers hatte – ohne Zweifel ist dieser Einfluß vorhanden. Aber es wäre sehr einseitig geurteilt, würde man Genzmer zum bloßen Hindemith-Epigonen stilisieren. Gerade das Violinkonzert zeigt ihn als höchst eigenständigen Komponisten, der zur Hochzeit des Serialismus unbeirrt auf tonaler Grundlage komponierte. Solist Kussmaul nutzt das Werk zu virtuoser Entfaltung, vor allem im rasanten Finale. Liebreich und das kleine Orchester (zu den Streichern gesellen sich lediglich je zwei Oboen und Hörner) haben im Variations-Mittelsatz Gelegenheit, ihr Können zu entfalten. Die Abstimmung zwischen Solist und Orchester ist hervorragend und wurde klanglich nicht weniger hervorragend eingefangen.

Nicht ganz so virtuos geht es im (Doppel-)Concertino zu, das mit langsamer Einleitung und einem ‚Adagio‘-Satz mehr Ruhepunkte bietet. Triendl und Lieberknecht präsentieren sich als eingespieltes Duo, das klanglich ebenfalls gut ausbalanciert wurde. Sowohl zwischen den beiden Solisten als auch zwischen ihnen und dem Orchester stimmt die Gewichtung. Insgesamt fehlt diesem Werk aber doch ein wenig der Schwung, der das Violinkonzert auszeichnet. Die Problematik des Doppelkonzertes – statt eines im Vordergrund stehenden Solisten gibt es zwei, die sich den ersten Rang streitig machen – konnte von Genzmer in diesem Stück nicht überzeugend gelöst werden.

Äußerst gelungen präsentiert sich dagegen das Kammerkonzert für Oboe und Streicher, in dem der Komponist auf die Viersätzigkeit zurückgreift und den Solisten vor höchste Herausforderungen stellt. Leleux meistert diese technischen Hürden mit einer Leichtigkeit, die an Heinz Holliger erinnert. Liebreich hat mit dem erneut sparsam besetzten Streichorchester keine Mühe, eine dezente Begleitung zu bilden. Der Vergleich mit dem Violinkonzert zeigt, daß Genzmer in beiden Werken zwar ähnliche formale und harmonische Mittel anwendet, in der Schreibweise für das jeweilige Soloinstrument aber völlig verschiedene Wege einschlägt. Hoher Wiedererkennungswert und doch Individualität des einzelnen Werkes zeichnen sein Schaffen also gleichermaßen aus.

Die Sinfonie für Streicher ist die längste der vier Kompositionen und läßt ein wenig Abwechslung vermissen. Interpretatorisch gibt es keine Defizite – das Münchener Kammerorchester zeigt sich von seiner spielfreudigen Seite – aber die Einfälle der Sinfonie stehen nicht auf dem Niveau des Violin- oder Oboenkonzertes. Aufgrund des relativ geringen Schwierigkeitsgrades scheint es sich eher um ein Werk mit didaktischen Charakter als um eine Konzertkomposition zu handeln.

Es bleibt also ein zwiespältiger Eindruck: Zwei im besten Sinne unterhaltsame, virtuose Konzerte stehen neben einem bescheidener wirkenden Concertino und einer mittelprächtigen Streichersinfonie. Für Genzmer-Fans lohnt sich der Kauf dieser CD natürlich, denn alle vier Werke werden ansprechend musiziert und die Klangbalance ist stets ausgewogen. Wer den traditionellen Stil des Komponisten allerdings nicht mag, wird sich von dieser Veröffentlichung wohl auch nicht umstimmen lassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Genzmer, Harald: Werke für Kammerorchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
24.04.2007
Medium:
EAN:

CD
4003913125378


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Dirigent(en):Liebreich, Alexander


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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