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Montag, 19. August 2019

Edition Klavier-Festival Ruhr - Mozart, Variationen & Neue Klaviermusik

Mozart und mehr


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hier liegt hier ein in sich stimmiger und dabei abwechslungsreicher Set von Live-Mitschnitten vor, dessen Erscheinung das Mozart-Jahr enorm belebt hat und die spannendsten Aufführungen des Klavier-Festival Ruhr 2006 in großartiger Weise würdigt.

Das Klavier-Festival Ruhr 2006 stand nicht ganz im Zeichen des Mozart-Jahres. Zwar bezeugt gleich die erste CD des dreiteiligen Sets von Live-Mitschnitten die Allgegenwart des Meisters 150 Jahre nach seiner Geburt: selten zu hörende Variationen sind hier vertreten, ebenso wie ein Beispiel aus dem vierhändigen Frühwerk. Die zweite CD greift elegant das schon auf der Mozart-Scheibe angelegte Thema ‘Variationen’ auf und bietet dem Hörer ein Panoptikum von Variationen von Beethoven über Schumann und Franck bis zu Alexander Rosenblatt. CD3 wiederum knüpft an das am Ende von CD2 angelegte Thema ‘Neue Klaviermusik’ an und fügt quasi als ‘Bonus’ sorgfältig ausgewählte Beispiele von Werken neueren Datums an, die – soviel sei bereits vorweggenommen – durchweg in eine aufregende Klangwelt einladen, dabei aber trotzdem fasslich bleiben. Das rein privat finanzierte (!) Klavier-Festival Ruhr ist nicht nur für hervorragende Aufführungen bekannt, sondern auch für seine großzügige Förderung junger Musiker. 2006 waren 20 Pianisten eingeladen, sich an den 70 Konzerten zu beteiligen und mit bereits renommierten Kammermusik-Partnern wie der Flötistin Andrea Lieberknecht oder dem Klarinettisten Matthias Glander zusammen zu arbeiten.

Giusippe Andaloro bringt die virtuose Heiterkeit, die kunstvolle Polyphonie und die bisweilen grotesken Momente des Mozartschen Variationen-Werks Unser dummer Pöbel eindrucksvoll zur Geltung. Dieses Werk, das auf ein Thema von Gluck zurückgeht, gilt als Huldigung Mozarts an den ihn sehr schätzenden k.u.k. Hofkomponisten und als ein Meisterstück der Gattung. Das Krönungskonzert KV 537 in der von Johann Nepomuk Hummel arrangierten Kammermusik-Fassung zu hören ist eine spannende Alternative zum Original, wenn die Musizierenden so gut harmonieren wie in diesem Fall: Severin von Eckardstein am Flügel bringt einen transparenten Klavierpart voller Esprit zu Gehör, begleitet von fein phrasierten Atembögen der Flöte (Andrea Lieberknecht), Violine (Adreij Bielow) und Violoncello (Nicolas Altstaedt). Die von Hummel eigentlich nur aufgrund rein praktischer Notwendigkeiten vorgenommene Reduktion des Orchesters auf nur drei Instrumente fällt so gar nicht negativ auf, im Gegenteil, das Werk gewinnt in dieser Bearbeitung und Interpretation aufgrund seiner kammermusikalischen Intensität.

 

Robert SchumannsAbegg-Variationen eröffneten der Formgattung der Variationen ungeahnte, neue Möglichkeiten. Sie stehen jetzt der phantastischen Improvisation über programmtische Motive näher als der klassischen Sonaten-Variation zum Beispiel eines Joseph Haydn. Den Abegg-Variationen diente der Name der jungen Pianistin Pualine Abegg als Basis, liefern die Buchstaben das Tonmaterial für das Thema und für die fünf Variationen. Herbert Schuch, mehrfacher Bundessieger bei ‘Jugend Musiziert’, musiziert sie mit derartiger Präzision und Leidenschaft, dass man auf seine Debüt-CD mit Schumanns Kreisleriana und Ravels Miroirs sehr gespannt sein darf. Robert Levin überzeugt mit einer vor Vitalität überschäumenden Interpretation der Variations sérieux von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Dank des Live Mitschnittes atmet diese Aufnahme mehr als eine im Tonstudio produzierte Produktion. Wie Levin den Agitato-Variationen trotzdem Klarheit verleiht und die Themen trotz rasanten Tempos deutlich herausarbeitet, hat Bewunderung verdient. Levin ist ein begnadeter Musiker: 1959 wurde er mit zwölf Jahren bereits zu Nadja Boulanger nach Paris geschickt, um Klavier und Komposition zu studieren; mit 25 Jahren wurde er Professor in New York; von 1986 bis 1993 bekleidete er die Professur für Klavier an der Musikhochschule Freiburg; seitdem ist er Professor in Harvard.

Dass Giuseppe Andaloro das Klavier beherrscht, wird schon auf CD 1 deutlich; dass er zudem kunstvoll arrangieren kann, beweist er mit seiner Bearbeitung von César FrancksOrgelwerk Prélude, fugue et variation. Der flexiblere Ton des Klaviers und die nuancenreiche Darbietung Andaloros verstärken den schwebenden Charakter des Stücks, das Francks Verbundenheit mit der barocken Form, gleichzeitig aber auch mit dem romantischen Ausdruck bezeugt. Sergej RachmaninowsChopin-Variationen stehen am Beginn seiner Auseinandersetzung mit der Form der Variation. Vladimir Kharin glänzt mit dieser Serie von virtuosen Miniaturen auf Chopins Prelude c-Moll. Auch er vermag dem Werk jedoch keinen dramatischen Bogen zu verleihen. Der Frage nach zu gehen, ob diese Komposition überhaupt einen dramatischen Bogen besitzt oder vielmehr ‘nur’ durch seine Aneinanderreihung effektreicher Einzelstücke ist, mag jedem Hörer selber überlassen sein.

Auf CD 3 spinnt der Beitrag der russischen Komponistin Tatjana Komarowaden Variationen-Faden von CD 2 weiter: ihrem Thema mit sieben Variationen liegt die originelle Idee zugrunde, das schattenhafte Thema erst in Zuge der nachfolgenden Variationen zu seiner vollständigen Gestalt zu ergänzen. Dabei kommen verschiedene Stile zum Tragen: Jazz, barocke Toccata, romantisches Klavierstück, Aphorismus à la Webern – ein abwechslungsreiches Konzept, fabelhaft interpretiert von ihrem Ehemann Lars Vogt. Bernhard Wambachbeweist bei dem Mitschnitt des Klavierstücks Tombeau von Wolfgang Rihmeindrucksvoll seine Ausnahmestellung unter den Pianisten zeitgenössischer Musik. Er vermag es, durch feinste Schattierungen die Chaconne herauszuarbeiten, auf deren Variationsform Tombeau basiert. Wambach erliegt nicht dem Fehler – wie so oft bei Interpretationen von Rihm-Klavierstücken zu hören – die tiefen Passagen mittels Pedal in dunkle Klangwolken zu hüllen. Ein Höchstmaß an Klarheit ist das Ergebnis. Darüber hinaus gibt er Phrasen mit extremen Lautstärkebereichen eine derart gerichtete Energie, dass hier eine Klangwelt entsteht, von der man sich als Hörer nur schwer zu lösen vermag.

Peter Serkins fokussierter, aber auch zerbrechlicher Klang ist ideal für Intermittences, ein Stück, das extra für ihn von dem mittlerweile 97jährigen Elliot Carterkomponiert wurde. Trotz seines hohen Alters sprüht Carter - schlechthin der Klassiker der amerikanischen Musik des 20. und mittlerweile 21. Jahrhunderts - vor Elan und Vitalität. So auch Intermittaences, das auf eine berühmte Passage von Marcel Proust zurückgeht, in der der Erzähler überrascht wird von einer plötzlich aufkommenden Erinnerung an den Tod seiner Großmutter. Nebelige, dissonante Akkorde werden durchbrochen von heftigen Ausbrüchen, die wie Sturmböen durch die von Carter angelegte Klanglandschaft fegen. Es handelt sich hier um die europäische Erstaufführung.

Das mehrsprachige Booklet ist sehr ausführlich gestaltet, mit sinnvollen Informationen sowohl zu den Interpreten (inklusive Fotos), als auch zu den Werken.

Interpretation:
Klangqualität:
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    Edition Klavier-Festival Ruhr: Mozart, Variationen & Neue Klaviermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
3
02.08.2010
Medium:
EAN:

CD
4260085530670


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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