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Montag, 19. August 2019

Berg, Alban - Sieben frühe Lieder

?Ich fühle Luft von anderem Planeten? - Die Wiener Schule


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Insgesamt eine kaufenswerte CD auch für ?Einsteiger?, mit einem schönen Überblick über die Befindlichkeit und Beschaffenheit der Wiener Schule.

Das Collegium Winterthur hat sich selbst ein Geschenk gemacht: eine sozusagen historische Einspielung ‘ihrer’ Klassiker. Historisch ist diese CD, weil alle Werke dieser Aufnahme vergleichsweise früh in Winterthur aufgeführt werden konnten, dank des interessierten Mäzens Werner Reinhart, der als Vorstandsmitglied des Musikkollegiums dessen Geschicke von 1912 bis zu seinem Tod 1951 wesentlich mitbestimmte. So konnte 1943 hier die Uraufführung der Orchestervariationen Anton Weberns stattfinden. In diesem Konzert sollten auch die orchestrierten drei Teile der Lyrischen Suite aufgeführt werden, zu der es aus verschiedenen Gründen dann aber nicht kam. Das Orchester Musikkollegium Winterthur ist das älteste Orchester der Schweiz und kann auf einen Ursprung im 17. Jahrhundert zurückblicken. Es handelte sich immer um eine private, nicht adlige Vereinigung. Außerdem beherbergt Winterthur ein bedeutendes Archiv mit einer großen Notensammlung. Die Zusammenstellung gerade dieser Stücke ist durch das Mäzenatentum Reinharts und das Musikkollegium Winterthur schön verbunden und mehr als gerechtfertigt.

Inhaltlich wird die Zusammenstellung sinnfällig als Querschnitt durch die Wiener Schule, sowohl personell als auch zeitlich. Vertreten sind: ein früher Berg, mit Sieben frühe Lieder am Ende der spätromantischen Zeit 1907, dann kommen Ausschnitte aus der Lyrischen Suite, mitten aus der 12tönigkeit, daraufhin ein später Webern aus seinen letzten Lebensjahren (also den 1940ern), und der Klassiker der Wiener Schule, das Schönbergsche Streichquartett Nr. 2 in der Orchesterfassung von 1919. Letzteres markiert, wenn man so will, den Beginn der Freitonalität, mit dem berühmten Abgesang auf die Tonalität mit seinem Zitat des Kinderliedes ‘O du lieber Augustin, alles ist hin’ bis hin zu ‘Atmet Luft von fremden Planeten’ und schließlich seiner ‘Entrückung’. Auch das Klangkonzept der CD gibt sich bewusst ‘historisch’: MDG bezeichnet alle seine Einspielungen als besonders audiophil, in dem auf alle künstlichen Zusätze verzichtet wird, um akustisch eine originale Aufführungssituation heraufzubeschwören.

Alban Berg schrieb seine Sieben Frühe Lieder 1905-08, orchestriert und herausgegeben wurden sie aber erst 1928. Jac van Steen präsentiert einen harmonisch ausgewogenen Orchesterklang, Schlagwerk und Harfe und Celesta schälen sich schön heraus, verdecken aber nie die Stimme. Die Faktur ist glasklar hörbar. Claudia Barainsky singt unprätentiös und klar, man versteht die wunderbaren Texte ausgezeichnet. Gelegentlich hätte man sich noch ein wenig mehr Risikobereitschaft gewünscht, ein wenig mehr Schwung. Die Tempi sind zurückgenommen, fast ‘brav’, erreichen dadurch aber große rhythmische Präzision.

Die drei Sätze aus der Lyrischen Suite von 1925/26 (in der Fassung für Streichorchester 1928) wurde 1927 uraufgeführt und ist dem verehrten Freund Alexander Zemlinsky gewidmet. Die drei Sätze sind wunderbar durchsichtig, die sehr komplexe Partitur wird transparent dargestellt. Das ‘geheime Programm’ der Suite, ABHF, Alban Berg – Hanna Fuchs, der Gruß an die unerreichbare Geliebte, diese ‘letzte Süße am Rande des Abgrunds’ lassen die Musiker zartfühlend durchscheinen.

Anton Weberns Variationen für Orchester op. 30 von 1940/41 entsteht aus einer einzigen motivischen Keimzelle von sechs Tönen, und entwickelt sich in fortwährender Metamorphose, das Thema existiert erst in seiner beständigen Veränderung. In zunehmender Verwebung erreicht die Partitur höchste formale Konzentration und Ausdruckdichte. 1943 konnte unter Hermann Scherchen die Uraufführung dieses Kleinods stattfinden, wieder durch die Vermittlung Werner Reinharts, dem Webern die Partitur daraufhin widmete. Der Komponist schrieb, mit dieser Uraufführung sichtlich zufrieden, in Punkto ‘Fasslichkeit’ bleibe doch kaum ein Wunsch offen. Nun ja, ein so dichter Text, an dem der Komponist selbst fast ein Jahr schrieb, der aber nicht einmal sieben Minuten andauert, bietet dem Normalsterblichen die ‘Fasslichkeit’ natürlich erst nach intensivem Studium dar. In diesem Stück, in dem es auf den Ausdruck im kleinsten Moment, auf höchste Dichte der verschiedensten Affekte ankommt, brillieren die Winterthurer. Die Partitur ist hervorragend erarbeitet, alle, zum Teil schwersten Solis, sind klar und in vorgeschriebener Weise behandelt. Das Orchester bietet eine äußerst passende, dichte Textur, schwellende Formen, und abrupte Abbrüche. Ein magischer Gegensatz der Parameter und eine wunderbare Klangmischung.

Schönberg Streichquartett fis-Moll, op. 10 (1908) erlebte seine Uraufführung 1908 durch das Rosé-Quartett, unter Skandal und Tumult. Das Booklet spricht von einer kompositorischen Reaktion auf die Untreue der Frau Mathilde. Schönberg in Liebeskummer? Nun, wie auch immer – es ist ein düsteres Stück, es ist ein Stück, das am Ende steht. Die schöne Stimme von Claudia Barainsky, setzt hochdramatische Akzente. Diese unheimlich schwere Partie meistert sie bemerkenswert, manche Sprünge sind wahrscheinlich naturgemäß nicht zu treffen. Aber sie besitzt die souveräne Strahlkraft, ein kraftvoll rotierendes Orchester in voller Emotion zu übertönen und zu vergolden. Manche Stellen hätten allerdings noch ein schönere Piano verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Berg, Alban: Sieben frühe Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
17.11.2006
Medium:
EAN:

SACD
760623142562


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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