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Samstag, 21. September 2019

Genzmer, Harald - Konzert für 4 Hörner

Waldhörner ohne Wald


Label/Verlag: VMS Musical Treasures
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Hornquartett der Berliner Philharmonie zeigt auf beeindruckende Weise klangliche Möglichkeiten der Instrumente im klassischen Repertoire - ohne Waldszene.

Wagner wusste genau, warum er sie einsetzte und auch Mozart konnte ihnen einen besonderen Charme einflößen – den Hörnern. Die dabei unweigerlich auftretenden Assoziationen zu Wald- und Jagdgesellschaft zu überwinden, dürfte allerdings nicht ganz einfach sein. Immerhin handelt es sich ja um das Waldhorn, welches sich in den Orchestern etablierte. Und dennoch beweisen sowohl die Komponisten Robert Schumann, Paul Coenen und Harald Genzmer sowie deren Interpreten, Gerd Seifert, Günter Köpp, Klaus Wallendorf und Manfred Klier, dass eben nicht alles nach Wald klingt, wo Wald draufsteht. Sie führen uns weg vom klassischen Jagdsignal und eröffnen neue Perspektiven des Waldhorns

Robert Schumanns Konzertstück op. 86 für vier Hörner und Orchester beginnt mit einem schmissigen Waldhornauftritt, dem man vielleicht noch am ehesten die Waldsignale heraushören kann. Allerdings besticht die Brillanz in den kurzen Einwürfen, die harmonische Präzision und schließlich das schwungvolle Ensemble so sehr durch seine Präsenz, dass man eher geneigt ist, an dieser Stelle an Verdis Fanfaren denn an eine romantische Jagdszene zu denken. Diese Lebhaftigkeit hält das Waldhornquartett bis zum letzten Satz, unterbrochen durch die klangschöne Romanze, in der sich die Hörner wie eine Wolke an das Orchester schmiegen.

Kraftvoll wirken auch die Variationen von Coenen nach einem Thema von Carl Orff. Dabei zeigen die Blechbläser, was klanglich in den Instrumenten steckt. Bei der Vielzahl der musikalischen Mittel besticht aber immer wieder das herausragende Zusammenspiel. Das Quartett steht den berühmten Streichquartetten der Welt in nichts nach, was keine Selbstverständlichkeit ist. Immerhin hört und liest man nur zu oft von den Hörnern, die es bei einer Wagner- oder Mahleraufführung verpatzten.

Scheinbar einfach haben es die Musiker im Konzert für vier Hörner und Orchester, in welchem vor allem Tonrepetitionen dominantes Merkmal sind. Genzmers Idee, der Wiederholung ihren eigenen Reiz abzugewinnen, wird fast ausschließlich auf die Bläser übertragen, die mit ihren Staccati, gepaart mit komplexen harmonischen Fortschreitungen, sich sogar mehr an den Bläsern des Orchesters orientieren. Trotz der Integration in das Gefüge des Orchesters bleiben die vier Hörner dominant und scheinen einige der Abschnitte vor allem im Tempo anzuspornen. Insgesamt entsteht ein vitaler Klang, abwechslungsreich in seinen Wiederholungen und ausgefeilt in der Dynamik.

Das Berliner Hornquartett spielt die drei Werke auf so überzeugende Weise, dass man das begleitende Orchester kaum noch wahrnehmen will. Das soll in diesem Fall durchaus als Kompliment zu verstehen sein, denn die Bamberger Symphoniker unter der Leitung Michael Boders leisten einen adäquaten Gegenpart zu den vier Solisten. Das hohe Niveau hätte nicht annähernd erreicht werden können, wenn ein Ungleichgewicht bestanden hätte, was bei der hervorragenden Leistung der Hornisten durchaus denkbar gewesen wäre.

Das Booklet gibt knappen Aufschluss über die Geschichte des Horns im Orchester, die Werke und die Komponisten. Da die Stücke aber vor allem auf die klanglichen Möglichkeiten der Instrumente abzielen, wären zu viele Worte eher verwirrend. Als Hörgenuss kann man diese Aufnahme auf jeden Fall bezeichnen, zumal einige der Stücke nur sehr selten eingespielt wurden. Wer sich also von Waldhörnern aus dem Wald herausführen lassen möchte, ist hier gut beraten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Richter Kritik von Thomas Richter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Genzmer, Harald: Konzert für 4 Hörner

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VMS Musical Treasures
1
22.09.2006
Medium:
EAN:

CD
9120012236059


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VMS Musical Treasures

Gegründet: 2002 von Dieter Heuler und Joe Morscher

Erste Veröffentlichungen: März 2003

Vergessene/verborgene/verfemte/verdrängte musikalische Schätze quer durch alle Musikepochen zu entdecken, ist das Hauptziel des Labels VMS Musical Treasures. Dabei kann Produzent Dieter Heuler auf seine fast dreißigjährige Erfahrung in musikalischer "Archäologie" zurückgreifen, die auch seine kreative Arbeit für das Label "Schwann" geprägt hatte. Der weltweite Vertrieb liegt in den Händen von Joe Morscher (Zappel Music), der seit zwei Jahrzehnten dieses Metier erfolgreich betreibt und u. a. auch für die weltweite Distribution des bekannten japanischen Labels "Camerata Tokyo" verantwortlich zeichnet.

VMS versteht sich im weitesten Sinne als "inoffizielles" Nachfolgelabel von Schwann. Beide Gründer haben lange Jahre für und mit dem Label Schwann gearbeitet und wollen - nachdem Schwann von Universal übernommen, aber Neuproduktionen großteils eingestellt wurden - die lange Tradition des Labels fortsetzen und Vergessene Musikalische Schätze (VMS) wieder entdecken. Etliche Künstler, die vormals auf Schwann veröffentlicht hatten, haben bei VMS ein neues Zuhause gefunden.

Künstlerauswahl:
Orchester: Wiener Symphoniker, Wiener Concert-Verein, Johann Strauss Ensemble der Wr. Symphoniker, Haydn Sinfonietta Wien, Symphonieorchester Vorarlberg
Streichquartette: Ensemble Wien, Hugo Wolf Quartett, Schulhoff Quartett
Klavier: Jenö Jando, Andreas Frölich
Gitarre: Alexander Swete, Wulfin Lieske, Walter Abt
Violine/Viola: Ernst Kovacic, Raimund Lissy, Regina Brandstätter
Harfe: Suzanna Klintcharova
Cello: Christoph Stradner
Kontrabass: Ernst Weissensteiner
Trompete: Wolfgang Basch Flöte: Bruno Meier Orgel: Anne Chapelin-Dubar, Martin Haselböck
Akkordeon: Janne Rättyä

Aktuell umfasst der Katalog von VMS Musical Treasures gesamt 102 Titel.


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