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Samstag, 22. Januar 2022

Franz Voraber - Soirée de Vienne

Ein Rätsel


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer derart ‚groß’ scheitert, gehört zumindest nicht zum Mittelmaß. ‚Langweilig’, ‚bieder’ ist dieser Musiker nicht.

Ich kann mich keiner verwirrenderen Platte entsinnen. Da bringt Thorofon – eines der angesehenen Labels in Deutschland – das Recital eines hochbegabten, vielfach ausgezeichneten jungen Pianisten heraus: Franz Vorrabers, der sich mit österreichischem ‚Heimatrepertoire’ präsentiert: allerlei Strauß-, Schubert- und Kreisler-Paraphrasen, die einem Grazer in die Wiege gelegt scheinen. Das Ergebnis sind die seltsamsten, ja bizarrsten Walzer-Darbietungen seit Menschengedenken. Vorrabers Gestus wäre mit dem Ausdruck ‚manieriert’ kaum hinreichend beschrieben. Viel eher scheint er Johann Straußens Musik mutwillig, sinnwidrig gegen den Strich bürsten zu wollen. Da werden Phrasen agogisch überfrachtet: mal wild beschleunigt, mal zerdehnt. Der rhythmische Fluss wird ‚zerhackt’. Auch im Großen kann von sinnvoller Gliederung keine Rede sein: Die Walzerfolgen zerfallen in unverbundene Episoden. Kontinuität wird nicht einmal angestrebt.

Um die klangliche Seite ist es nicht besser bestellt: Franz Vorraber spielt einen Bösendorfer wie aus dem Himmel der Klaviere – exakt intoniert, mit glockenhellem, fokussiertem Timbre. Umso bestürzender das Ergebnis: Akkorde reißen unvermittelt ab – als wäre Pedalgebrauch Sünde. In lyrische Phrasen platzt unartikuliertes Martellato-Gedonner. Die vertikale Balance wird rücksichtslos zerstört: Nebenstimmen und Verzierungen überdecken die Themen. Es scheint, als spielte Vorraber ‚gegen’ diese Musik. Weshalb das so ist, darüber könnten wir allenfalls spekulieren. Das Streben, durch Abweichung Aufmerksamkeit zu erregen, gibt keinen plausiblen Erklärungsgrund ab: Dieses Recital löst – bestenfalls – Befremden aus.

Gibt es überhaupt Gründe, diese CD zu erwerben? Wenigstens zwei: M. W. Seikritts Aufnahmetechnik lässt das unverwechselbare Bösendorfer-Timbre in aller Farbenpracht aufblühen (wo der Pianist es gestattet). Zudem wurde ein seltenes – und seltsames – Programm zusammengestellt, darunter Rachmaninoffs Paraphrasen über Fritz Kreislers ‚Liebesfreud’ und ‚Liebesleid’, Korngolds Klavierphantasie ‚Geschichten von Strauß’, Leopold Godowskys (eher substanzarme) Reminiszenz an ‚Alt-Wien’. Wer solches Repertoire schätzt, wird kaum auf diese Thorofon-CD verzichten wollen: Es gibt keine Alternativen. Doris Adams maßstäbliches Strauß-Recital (Camerata) beschränkt sich auf relativ konventionelles Repertoire. Für Rudolf Buchbinders (weit weniger überzeugende) Strauß-Einspielungen (Teldec) gilt Ähnliches.

Franz Vorraber hat also hörenswerte Stücke eingespielt – und ‚hörenswert’ sind seine Interpretationen: als Beispiel verwegener Strauß-Demontagen, die absichtsvoll-spektakulär scheitern und (unabsichtlich?) zur Selbst-Demontage des Pianisten geraten. Eines ist allerdings sicher: Wer derart ‚groß’ scheitert, gehört zumindest nicht zum Mittelmaß. ‚Langweilig’, ‚bieder’ ist dieser Musiker nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Franz Voraber: Soirée de Vienne

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
11.09.2006
Medium:
EAN:

CD
4003913125323


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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