> > > Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Sinfonie Nr. 4 in f-Moll, op. 36
Donnerstag, 21. November 2019

Tschaikowsky, Peter Iljitsch - Sinfonie Nr. 4 in f-Moll, op. 36

Tragik, Tanz und tiefe Gefühle


Label/Verlag: perc.pro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorliegenden CD vereint Einspielungen und Mitschnitte verschiedener Jahre von bekannten Werken Tschaikowskys, in denen das RSO Saarbrücken unter der Leitung von Günther Herbig durch eine klare und nuancierte Interpretation beeindruckt.

Es gibt Einspielungen bei denen ich mich zu allererst frage, ob es denn tatsächlich notwendig ist ausgerechnet von dieser Komposition eine weitere Einspielung vorzunehmen. Bei einem Blick ins CD-Regal muss ich mir allerdings eingestehen, dass ich selbst von einigen Werken mehrere, um nicht zu sagen unzählige Aufnahmen unterschiedlicher Interpreten besitze und auf keine davon verzichten möchte. Dennoch war meine erste Reaktion beim Betrachten der vorliegenden CD des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken (RSO) unter der Leitung von Günther Herbig erschienen bei perc.pro ein tiefer Seufzer: allesamt ‘Klassikschlager’ von Peter Iljitsch Tschaikowsky. Einspielungen bzw. Mitschnitte der Sinfonie Nr. 4, von Romeo und Julia und der Nussknacker-Suite. Beim Hören wich meine anfängliche Skepsis jedoch einer zunehmenden Begeisterung. Das RSO Saarbrücken zählt zweifelsohne zu den renommiertesten Orchestern, dass die deutsche Szene zu bieten hat, wie bereits zahllose Aufnahmen dokumentieren. Unter der Leitung von Günther Herbig, der von 2001 bis 2006 Chefdirigent des Orchesters war, wurde der Schwerpunkt, den das Orchester u.a. auf die Musik des 19. Jahrhunderts setzt, fortgeführt, wie die Aufnahmen nochmals unterstreichen.

Eingeleitet wird die CD mit einer Aufnahme der Sinfonie Nr. 4 in f-Moll von 2002. Sie ist entstanden während Tschaikowsky an seiner Oper Eugen Onegin schrieb. Der Komponist befand sich zu dieser Zeit in einer schwierigen Lebensphase. Die Zeit war überschattet von der übereilten Hochzeit mit Antonina Miljukowa, dem darauf folgenden missglücktem Suizidversuch Tschaikowskys und der baldigen Trennung, nachdem Tschaikowsky hatte einsehen müssen, dass auch eine Eheschließung seine homosexuellen Neigungen nicht unterdrücken konnte. Die Sinfonie spiegelt die neurotisch-depressive Stimmung Tschaikowskys, seine Zerrissenheit unmittelbar wider. Die Verzweiflung des Komponisten, das Schwanken zwischen Melancholie, Trauer, Hoffnung und Freude während dieser Lebensphase offenbaren sich in einer sehr emotionalen und prägnanten Musiksprache. Tschaikowsky selbst verfasste ein ausführliches Programm zu seiner Komposition, in dem er vom unaufhörlichen ‘Wechsel von grausamer Wirklichkeit, flüchtigen Visionen und freudvollen Träumereien’ spricht.

Die Wirren des Lebens versinnbildlichend, ist gesamte Werk durchzogen von dem so genannten ‘Schicksalsmotiv’. Daneben gehören das lyrische Oboensolo, das den zweiten Satz einleitet und das fulminant endende Finale ‘Allegro con fuoco’, das eine Volksfestszene beschreibt und in dem insbesondere das Schlagwerk zum grandiosen Einsatz kommt, zu den vielen eindrücklichen Momenten der Sinfonie, die den Zuhörer erwarten und ihn in die Welt voll russischer Seele und Weltschmerz entführen. Herbig und das RSO Saarbrücken legen die einzelnen Motive eindrücklich klar und überzeugen durch ein sehr präzises Spiel. Der homogene Streicherklang besticht durch seinen schwelgerischen Charakter, große Bögen werden ebenso zur vollen Geltung gebracht, wie einzelne Stimmen und Melodielinien, die sich durch die verschiedenen Instrumentengruppen ziehen. Das RSO Saarbrücken und sein Dirigent setzen auf eine nuancierte Dynamik und ausgewogene Agogik und schaffen so im kleinen Detail einzelner Stimmen ebenso wie im großen Ganzen strahlende musikalische Momente. Nicht zuletzt durch das hohe Maß an Präzision gelingt eine variantenreiche Interpretation, die den schwelgerischen, bisweilen wehmütigen und melancholischen, in jedem Fall spannungs- und abwechslungsreichen Charakter der 4. Sinfonie Tschaikowskys akkurat und eindrucksvoll vermittelt.

Der 4. Sinfonie folgt einem Konzertmitschnitt aus dem Jahr 2004 der Phantasie-Ouvertüre Romeo und Julia von 1869, dem ersten internationalen Erfolg des Komponisten. Weniger der literarischen Vorlage folgend, stellt Tschaikowsky in dieser Komposition die zum Scheitern verurteilte Liebe in den Mittelpunkt. Die innere Dramatik des Stückes arbeiten Herbig und das RSO Saarbrücken sehr subtil heraus, spüren einzelnen Motiven nach und überzeugen durch eine rhythmisch pointierte und sehr klare, aber dennoch emotionale Interpretation.

Ein Konzertmitschnitt der Nussknacker-Suite von Dezember 2002 beschließt die CD. Komponiert 1892, gehört die Orchestersuite zu einem der meistgespielten Werke des Komponisten. Das knapp 15minütige Werk, aus dem wohl ein Jeder die eine oder andere Melodie mitsummen kann, erlangt insbesondere durch die wahrnehmbare Konzartsituation und die Spannung eben dieser Atmosphäre eine besondere Vitalität. Die Folge verschiedener beschwingter, lebhafter, verspielt-aufgeweckter oder auch geheimnisvoller Tänze, die mit dem schwelgerisch-mitreissendem Blumenwalzer endet, ist sehr lebendig, aber dennoch nuanciert interpretiert und besticht durch eine facettenreiche Tongebung. Herbig zeigt auch hier, wie große Präzision und Differenziertheit seine Arbeit mit dem Orchester bestimmen, ohne das jemals der Anschein aufkommt, er würde sich zu sehr in Details zu verlieren.

Die Aufnahmen bzw. Mitschnitte aus verschiedenen Jahren, die auf der vorliegenden CD vereint sind, zeigen die Kontinuität die Herbig und das RSO Saarbrücken in ihrer Interpretation der Musik des russischen Komponisten haben. Die Tondokumente beeindrucken durch die stringente Interpretation des Dirigenten Günther Herbig, die sehr klar und fast schon nüchtern ist ohne je spröde zu wirken. Vielleicht verleiht gerade das der viel zitierten ‘russischen Seele’ so viel mehr Ausdruck, als es so manche an übermäßig verkitschtem Pathos krankende Einspielung vermag.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Julia  Eberwein Kritik von Julia Eberwein,


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    Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Sinfonie Nr. 4 in f-Moll, op. 36

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
perc.pro
1
01.01.2007
Medium:

CD


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perc.pro

perc.pro, gegründet im Januar 2000, hat sich mittlerweile als kleines exklusives Klassiklabel etabliert.
Das Team um Michael Gärtner (Geschäftsleitung und Programm) und Thomas Sick (Presse und Marketing) setzt verstärkt auf ungewöhnliches und interessantes Repertoire. Neben der Zusammenarbeit mit dem Saarländischen Rundfunk im Bereich Orchestermusik ? die sich etwa in einer Porträt-CD des Komponisten Siegfried Matthus zu dessen 70. Geburtstag spiegelt ? oder der Kooperation mit dem Ludwigsburger BlechbläserQuintett (von dem bis jetzt zwei CDs erschienen sind), produziert das Label vor allem ausgewählte zeitgenössische Werke sowie Kammermusik und Solistenporträts. Hier wurden in den letzten Monaten mehrere Exklusivverträge mit jungen vielversprechenden Künstlern geschlossen. Eine erste CD mit dem mexikanischen Geiger Erasmo Capilla ist im Sommer 2006 erschienen.
Die Produktionen von perc.pro zeichnen sich durch eine hervorragende Klangqualität und informatives Begleitmaterial aus.


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