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Dienstag, 9. August 2022

Liszt, Franz - Lieder für Tenor

Trüber Liszt


Label/Verlag: VMS Musical Treasures
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Obwohl zurzeit eher von Sopranen vereinnahmt, ist es absolut keine abwegige Idee, Liszt-Lieder von einem (jugendlichen) Heldentenor singen zu lassen.

Obwohl sie ihrem Schöpfer kaum je Popularität eingebracht haben und auch heute noch viel zu selten aufgeführt werden, bilden Franz Liszts 75 Lieder (komponiert zwischen 1838 und 1886) einen nicht zu vernachlässigenden und besonders entdeckenswerten Teil seines Oeuvres. Kompositorisch, aber auch in Bezug auf die Textwahl, spiegeln sie die jeweiligen stilistischen Einflüsse, mit denen Liszt sich der Zeit entsprechend auseinander zu setzten hatte, tragen in der Frühphase Merkmale der italienischen Oper und zeigen später zunehmend Wagner’sche Tendenzen. Dem Klavier kommt dabei – erwartungsgemäß – eine eminent wichtige Rolle zu, wobei sich die Begleitung aber keineswegs in expressiver Virtuosität erschöpft, sondern auch schlichte Akkordik kennt.

Obwohl zurzeit eher von Sopranen vereinnahmt, ist es absolut keine abwegige Idee, Liszt-Lieder von einem (jugendlichen) Heldentenor singen zu lassen. Denn gut dargeboten, können sie sämtliche Qualitäten dieses Stimmfachs eindrucksvoll zur Schau stellen. Von einigen Ausnahmen abgesehen fordert Liszt über weite Strecken gestalterisch-dramatischen Aplomb, in der Phrasierung betonte, ausgehaltene Hochtöne und – was hier den Ausschlag gibt – eine kräftige Mittellage. All dies bringt der deutsche Tenor Endrik Wottrich, derzeit mit Rollen wie Erik und Parsifal auf großen Bühnen unterwegs, von Haus aus mit – und kann mit seiner jüngst erschienenen Einspielung 16 ausgewählter Stücke doch nicht überzeugen.

Das liegt vornehmlich daran, dass Wottrich seinen individuell und zudem angenehm baritonal timbrierten Tenor auch behandelt, als sänge er im Baritonfach: tenoraler Glanz, Obertöne, Strahlkraft, Legato, all dies leidet unter einer zu sehr mit Force und zu wenig mit Atem operierenden Führung. Diametral zur brustigen Tiefe geraten die Spitzentöne eng, trotz ihrer (dem beachtlichen Material geschuldeten) Klangstärke. Wird hingegen, wie im bescheidenen ‘Es muss ein Wunderbares sein’, keine Höhe gefordert, hängt die Stimme tendenziell durch, drohen Phrasen in Einzeltöne zu zerfallen. Da schimmern auch die mit lobenswerter Sorgsamkeit gesetzten Piani – zu denen Wottrich beispielsweise in der suggestiven ‘Loreley’ trotz allem fähig ist – matt.

Spürbar besser gelingen die französischen Lieder, wo sich allein durch die nasale Neigung der Sprache ein höherer Stimmsitz und strömender Atem einstellt. Lyrisch und in vokal recht fokussiertem Mezzoforte fließt ‘Oh! Quand je dorme’ dahin, ganz überzeugend gar gelingt ‘S’il est tun charmant gazon’, während im auftrumpfenden ‘Enfant, si j’étais roi’ allerdings wieder die Kraftmeierei Einzug hält.

Am Flügel schafft Semjon Skigin klangliche und farbliche Tiefe, wo Wottrich vokal zu eindimensional agiert und ist auch der berüchtigten, sich oft in den Noten niederschlagenden Liszt’schen Fingerfertigkeit durchaus gewachsen. Den getrübten Gesamteindruck vermag dies aber nicht wirklich aufzuhellen, und so bleibt die Aufnahme ein erwähnenswerter (weil programmatischer), aber kaum nachhaltiger Versuch, eine Nische des Liedrepertoires zu erschließen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Alexander Meissner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Liszt, Franz: Lieder für Tenor

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VMS Musical Treasures
1
22.09.2006
Medium:
EAN:

CD
9120012231504


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VMS Musical Treasures

Gegründet: 2002 von Dieter Heuler und Joe Morscher

Erste Veröffentlichungen: März 2003

Vergessene/verborgene/verfemte/verdrängte musikalische Schätze quer durch alle Musikepochen zu entdecken, ist das Hauptziel des Labels VMS Musical Treasures. Dabei kann Produzent Dieter Heuler auf seine fast dreißigjährige Erfahrung in musikalischer "Archäologie" zurückgreifen, die auch seine kreative Arbeit für das Label "Schwann" geprägt hatte. Der weltweite Vertrieb liegt in den Händen von Joe Morscher (Zappel Music), der seit zwei Jahrzehnten dieses Metier erfolgreich betreibt und u. a. auch für die weltweite Distribution des bekannten japanischen Labels "Camerata Tokyo" verantwortlich zeichnet.

VMS versteht sich im weitesten Sinne als "inoffizielles" Nachfolgelabel von Schwann. Beide Gründer haben lange Jahre für und mit dem Label Schwann gearbeitet und wollen - nachdem Schwann von Universal übernommen, aber Neuproduktionen großteils eingestellt wurden - die lange Tradition des Labels fortsetzen und Vergessene Musikalische Schätze (VMS) wieder entdecken. Etliche Künstler, die vormals auf Schwann veröffentlicht hatten, haben bei VMS ein neues Zuhause gefunden.

Künstlerauswahl:
Orchester: Wiener Symphoniker, Wiener Concert-Verein, Johann Strauss Ensemble der Wr. Symphoniker, Haydn Sinfonietta Wien, Symphonieorchester Vorarlberg
Streichquartette: Ensemble Wien, Hugo Wolf Quartett, Schulhoff Quartett
Klavier: Jenö Jando, Andreas Frölich
Gitarre: Alexander Swete, Wulfin Lieske, Walter Abt
Violine/Viola: Ernst Kovacic, Raimund Lissy, Regina Brandstätter
Harfe: Suzanna Klintcharova
Cello: Christoph Stradner
Kontrabass: Ernst Weissensteiner
Trompete: Wolfgang Basch Flöte: Bruno Meier Orgel: Anne Chapelin-Dubar, Martin Haselböck
Akkordeon: Janne Rättyä

Aktuell umfasst der Katalog von VMS Musical Treasures gesamt 102 Titel.


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