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Montag, 19. August 2019

Mozart, Wolfgang Amadeus - La Finta Giardiniera KV 196

? immer die Gärtnerin


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lothar Zagrosek dirigiert ein historisch informiert spielendes Stuttgarter Orchester in mittlerer Besetzung. Seine Lesart ist subtil durchgearbeitet.

Ein doppeltes Fazit bildet eine jüngst bei Arthaus erschienene DVD: zum einen markiert sie das Ende des Mozartjahres 2006, zum anderen wirft sie einen Rückblick auf die Ära Zehelein, die mit der letzten Saison an der Staatsoper Stuttgart ein Ende gefunden hat. Aufgezeichnet wurde Wolfgang Amadeus Mozarts Oper ‘La finta Giardiniera’ aus dem Jahre 1775, eines seiner frühen Bühnenwerke, das in der Musikgeschichte immer wegen seiner Aufführbarkeit diskutiert wurde. Das liegt vor allem an den Irrungen und Wirrungen der Handlung, deren Personal allein schon auf umständliche Weise disponiert ist. Alfred Einstein bemängelte zu Recht, es gäbe in dieser Oper keine wirklichen Figuren, und es sei schon ein Fehler an sich gewesen, dieses Libretto überhaupt zu vertonen. Die Art und Weise, wie Mozart das getan habe, sei allerdings entzückend.

Ähnliches lässt sich auch von der Produktion der Stuttgarter Oper sagen. Wie notwendig eine Inszenierung der ‘Gärtnerin aus Liebe’ ist, darüber lässt sich streiten. Wenn sie aber so konsequent durchdacht und liebevoll gearbeitet ist wie bei Jean Jourdheuil, kann man eine solche Produktion nur begrüßen, auch ohne Mozart-Exeget zu sein. Die Handlung der Oper böte Stoff genug für eine ganze Soap-Opera im Vorabendfernsehen. Ähnlich verstrickt ist ihr Fortgang, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt: Sandrina, eigentlich die Gräfin Violante, hat sich in ein abgelegenes Dörfchen zurückgezogen und als Gärtnerin einstellen lassen, weil sie vor einem Jahr von ihrem Geliebten, dem Grafen Belfiore, aus Eifersucht niedergestochen wurde, der bis heute nicht weiß, ob sie überlebt hat. Sandrina will nun testen, ob sie noch Liebe für ihn empfindet. Daneben gibt es noch einen Liebhaber Sandrinas, den Podestá Don Anchise, seine Zofe Serpetta, die in ihn verliebt ist, den Diener der Gärtnerin, Roberto, der sich ebenfalls als Gärtner verkleidet hat und ein Auge auf Serpetta geworfen hat. Ein weiteres Paar sind Arminda, dem Grafen Belfiore versprochen, und ihr ‘Ex’, der Cavaliere Ramiro. Am Ende fügt sich alles zum Guten, soviel sei gesagt, doch zwischendrin spielt sich Oper in Reinkultur ab, eine Mischung aus opera buffa, opera seria und opéra comique, eben ganz wie in den Telenovelas unserer Zeit.

Die Meisterleistung des neunzehnjährigen Mozarts besteht vor allem in der dichten musikalischen Charakterisierung der einzelnen Personen und in der geistreichen Vertonung der doch oft banalen Texte. Eine Kompilation verschiedener Stile, könnte man bemängeln, doch auf eben diese Kunst war Mozart mit Recht stolz. So sieht sich der Hörer einem farb- und facettenreichen Stück Musiktheater gegenüber, das vielleicht auch gerade wegen der manchmal fehlenden inneren Stringenz alle drei Akte hindurch fesselt.

Lothar Zagrosek dirigiert ein historisch informiert spielendes Stuttgarter Orchester in mittlerer Besetzung. Seine Lesart ist subtil durchgearbeitet, stets dezent und genauso anmutig wie das, was sich auf der Bühne abspielt. Das Sängerensemble entspricht durchweg dem hohen Standard, den man aus Stuttgart gewöhnt ist. Besonders Helene Schneiderman als Ramiro als Relikt des barocken Opernpersonals der Seria-Oper begeistert durch dramatische Gestaltung der Rolle. Norman Shankle als Belfiore und Rudolf Rosen als Roberto gehören zu den Stuttgarter Sängerinstitutionen, eine Neuentdeckung ist die feinnervig lyrische Alexandra Reinprecht in der Titelrolle.

Die Inszenierung Jean Jourdheuils, in zurückhaltendem Bühnenbild mit leicht historisierenden Kostümen, konzentriert sich ganz auf die innere Aktion des Geschehens, ohne ihm irgendeine Realistik überstülpen zu wollen. Farbsymbolische, abstrakte Wandgebilde und geometrische Figurationen stellen Haltungen und Emotionen aus, teilweise etwas übertriebene Körpersprache verdeutlicht die inneren Regungen der Charaktere. Insgesamt eine eher kühle Lesart, die Platz für das eigentlich Wesentliche lässt. Eine wohltuende Reduktion im teilweise etwas überkitschten Mozartjahr.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: La Finta Giardiniera KV 196

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
01.11.2006
139:00
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
807280125399
101 253


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Dirigent(en):Zagrosek, Lothar


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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