> > > Kraus, Joseph Martin: Streichquartette op. 1 Nr. 1, 5, 6
Dienstag, 9. August 2022

Kraus, Joseph Martin - Streichquartette op. 1 Nr. 1, 5, 6

Der Weg ist das Ziel


Label/Verlag: Cavalli Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Insgesamt eine CD mit Streichquartetten, deren Entdeckung sich für jeden Hörer lohnen dürfte.

Joseph Martin Kraus (1756-1792) wir oft als ‘Schwedischer Mozart’ oder ‘Odenwälder Mozart’ bezeichnet. Während die geographischen Beschreibungen Hinweise auf wichtige Stationen seines Lebens geben, ist die Referenz an Mozart eher Ausdruck des großen Respekts, den er durch sein Werk bei seinen Zeitgenossen genoss, als einer stilistischen Verwandtschaft. Mit Mozart gemein hat er allerdings sein Geburtsjahr, womit er im Jahr 2006 ebenfalls seinen 250. Geburtstag feiern durfte, was im allgemeinen Jubel um Mozart, Robert Schumann und Dmitri Schostakowitsch aber ziemlich untergegangen ist. Auch starb er wie Mozart in relativ jungem Alter. Erfreulich ist es, dass das Bamberger Label Cavalli Records zu diesem 250. Jubiläum mit dem zweiten Volume seine Gesamtaufnahme der 10 Streichquartette von Kraus abgeschlossen hat. Fast gleichzeitig sind alle Quartette beim Carus Verlag auch in einer wissenschaftlichen Neuausgabe erschienen, so dass das Werk jetzt auch in Notenform allen Musikfreunden zur Verfügung steht. Und es lohnt sich, sich mit dieser Musik auseinander zu setzen.

Joseph Martin Kraus wurde in Miltenberg geboren und wuchs in Buchen im Odenwald auf. Auf Wunsch seiner Eltern studierte er in Mainz, Erfurt und Göttingen Jura, brach dieses Studium aber 1778 ab und ging nach Stockholm, um dort als Musiker Fuß zu fassen. Nach einer schwierigen Anfangszeit machte ihn der Erfolg seiner Oper ‘Proserpina’ über Nacht zum Hofkapellmeister des schwedischen Königs Gustav III. (Die Ermordung Gustav III. auf einem Maskenball 1792 diente als Vorbild für zahlreiche Opern) , der ihn mit der Neuordnung des schwedischen Musik- und Theaterwesens betraute und ihn deshalb auf Bildungsreise quer durch Europa schickte. Berühmt wurde er daher hauptsächlich durch seine musikdramatischen Werke, die sich eher an den Komponisten der französischen Revolutionszeit wie Gluck als an seinem ‘Titel-Patron’ Mozart orientieren.

Auch mit seinen 10 Streichquartetten, seinem kammermusikalischen Hauptwerk, geht er andere Wege als die Wiener Klassiker, wenn auch einige Sätze sich vor allem an das Vorbild Haydn anlehnen. Bei den auf dieser CD eingespielten Werken ist das vor allem das erste Quartett A-Dur Op.1 Nr.1, dessen erster Satz als einziger der ganzen CD ein klassischer Sonatensatz ist und dessen erstes Thema mit seinen munteren Vorschlägen an Haydns ‘Vogelquartett’ erinnert. Allerdings lassen sich die Kompositionsdaten der Quartette Kraus´ nicht sicher feststellen, so dass man mit solchen Querverweisen vorsichtig sein muss.

Kraus bot auf seiner Europareise im Jahre 1782 dem Verleger Johann Julius Hummel in Berlin die unter Op.1 zusammengefassten Quartette zum Druck an, der sie dann auch herausgab. Und vielleicht war es taktisches Geschick, dass er an den Anfang der Sammlung ein ‘normales’ Quartett stellte, um mögliche Kunden und Kritiker nicht sofort abzuschrecken. Auch die Quartette C-Dur Op.1 Nr.5 und G-Dur Op.1 Nr.6 wirken nicht so experimentell wie die beiden nicht verlegten Werke auf dieser CD.

Erstaunlich ist der Einfallsreichtum von Kraus, der immer wieder zu überraschen weiß. Oft werden einzelne Gedanken eines relativ traditionellen Themas fast improvisierend weitergesponnen. Der Komponist scheint ständig nach Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen. Geht es nicht mehr weiter kommt es zu plötzlichen Brüchen im Formverlauf der Werke, wenn zum Teil ohne Übergang ein neuer Abschnitt oft in anderer Tonart angehängt wird, vor allem im nicht veröffentlichten Quartett in E-Dur. Ein weiteres Merkmal sind die vielen Ruhepunkte, die Kraus in seinen schnellen Sätzen setzt. So folgt bereits kurz nach Beginn des ersten Satzes des E-Dur Quartetts (Allegro col Brio) eine einem Adagio angemessene Passage, die die originale Satzbezeichnung ad absurdum führt. Ähnliches geschieht auch im ersten Satz des Quartetts Op.1 Nr.6.

Vor allem in seinen langsamen Sätzen lässt Kraus seiner Phantasie freien Lauf, zum Beispiel im c-moll Quartett, das nur aus zwei langsamen Sätzen besteht. Hier erzeugt er überraschende Klangfarben durch Einsatz nur tiefer Saiten und wechselt zwischen begleiteter Violinarie, heller Trillermotivik, barockem Fugato oder Cello-Seufzern. Die Quartette sind so vielseitig, dass ich sie in dieser Kritik nicht umfassend beschreiben kann. Sie sind aber auch so ungewöhnlich für ihre Zeit, dass sie Kraus deutlich über den Durchschnitt der Kleinmeister herausheben, auch wenn sich mir manchmal die Frage stellt, ob der rhapsodische Charakter der Musik mit seiner Fülle aufeinanderfolgender Gedanken ein Merkmal für Kraus´ Genialität oder das mangelnde Beherrschen der Form darstellt. Oft ist hier vor allem der Weg das Ziel.

Dass die Quartette für das Joseph Martin Kraus-Quartett natürlich eine Herzensangelegenheit sind, merkt man nicht nur am liebevollen Musizieren der vier Musiker, auch der sehr informative Booklet Text aus der Feder des Cellisten Gerhart Darmstadt verrät die genaue Kenntnis der Person und des Werkes von J.M. Kraus. Das Joseph Martin Kraus-Quartett spielt auf historischen Instrumenten und gerade bei klanglichen Passagen in den langsamen Sätzen, bei den barockisierenden Fugen oder beim schottischen Dudelsack-Tanz (Scozzèse) im G-Dur Quartett erzielen sie mit dem vibratoarmen Spiel wunderbare Klangwirkungen. Bei virtuosen, schnellen Passagen wirkt der Klang dafür leicht etwas herb und spröde und dass einige solistische Passagen unangenehm zu spielen sind verheimlichen uns die vier auch nicht, was aber den Gesamteindruck nicht besonders trübt. Insgesamt eine CD mit Streichquartetten, deren Entdeckung sich für jeden Hörer lohnen dürfte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kraus, Joseph Martin: Streichquartette op. 1 Nr. 1, 5, 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Cavalli Records
1
01.11.2006
Medium:
EAN:

CD
4028183002259


Cover vergössern

Cavalli Records

Das Label CAVALLI-RECORDS entwickelte seit 1990 ? dem Beginn der CD-Produktionen ? ein klares Firmenprofil: Aufnahme und Veröffentlichung von qualitätvollen Werken der Musikliteratur aller Epochen, die bisher nicht auf Tonträgern erhältlich waren. So stellte gleich eine der ersten Produktionen ? CCD 206 mit bisher unbekannten und unveröffentlichten Streichquartetten von Ludwig van Beethoven ? eine kleine Sensation dar, die in der Fachpresse entsprechend gewürdigt wurde. Durch eigene musikologische Forschungsarbeit sowie durch Zusammenarbeit mit namhaften Musikerpersönlichkeiten bereichert seither das Repertoire von CAVALLI-RECORDS die einschlägigen Kataloge immer wieder mit Komponistennamen, die man bisher vergeblich in Schallplattenkatalogen suchte. Aber auch selten oder nicht eingespielte Werke von bekannteren Komponisten finden ihren Weg in unser Repertoire, sei es dank besonderer Interpretation der jeweiligen Musikerpersönlichkeit, sei es durch besondere Berücksichtigung der entsprechenden Aufführungspraxis und des zeitgenössischen Instrumentariums. Somit stellt sich CAVALLI-RECORDS als Label für ein besonderes Repertoire aus fünf Jahrhunderten dar, immer auf Entdeckungsreise im weiten Reich der Klassischen Musik. Jedoch: die ?Kleine Nachtmusik? sucht man bei CAVALLI-RECORDS vergebens...


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Cavalli Records:

  • Zur Kritik... Marco Polo an der Santur: Als wäre es ein Leichtes, kombinieren das Berliner Ensemble ,Celeste Sirene' und iranische Musiker 19 Stücke aus Europa und Persien auf ihrer CD ,Gol o Bolbol'. Dieses kulturelle Crossover ist ebenso ausgezeichnet wie höchst lustvoll interpretiert. Weiter...
    (Gabriele Pilhofer, )
  • Zur Kritik... Freie Geister: Für Freunde des Kabaretts ein Vergnügen. Weiter...
    (Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Über die Spannung der Endlosschleife: Eine Neuerscheinung der Edition Villa Concordia präsentiert zwei gewichtige Werke aus Bernhard Langs Zyklus ‘Differenz/Wiederholung’ und zeigt die Vielfalt im scheinbar Monotonen. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Cavalli Records...

Weitere CD-Besprechungen von Christian Starke:

blättern

Alle Kritiken von Christian Starke...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich