> > > Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 16, 65, 153, 154
Montag, 24. Januar 2022

Bach, Johann Sebastian - Kantaten BWV 16, 65, 153, 154

Kantaten fürs neue Jahr


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Solistisch besetzen oder doch lieber chorisch? Seit Jahren tobt unter Bach-Experten dieser Streit um die historisch korrekte Aufführung von Bach-Kantaten.

Solistisch besetzen oder doch lieber chorisch? Seit Jahren tobt unter Bach-Experten dieser Streit um die historisch korrekte Aufführung von Bach-Kantaten. Während sich John Elliot Gardiner, Ton Koopman und Masaaki Suzuki - um nur einige der großen Projekte der letzten Jahre zu erwähnen- für eine chorische Besetzung entschieden, hat nun Sigiswald Kuijken die solistische Variante gewählt, um seinen Bach-Zyklus einzuspielen. Inspiriert durch die musikwissenschaftlichen Forschungen von Joshua Rifkin und Andrew Parrott verzichtet er auf die suggestive Klangwirkung eines breit besetzten Chores zugunsten einer authentischeren Variante mit nur einzelnen Sängern. Wie aus historischen Quellen hervorgeht, gab es keine Trennung zwischen Chor und Solisten, sondern die einzelnen Sänger hatten sowohl die Solo-Arien zu gestalten, als auch den Chor zu bilden. In seltenen Fällen wurde dieses ‘Concertisti’-Quartett durch ein zweites Quartett, den sogenannten ‘Ripienisten’, die ausschließlich in den Ensemblestücken den Chor verdoppelten, verstärkt.

Doch nicht nur im vokalen Bereich versucht Kuijken neue Wege zu gehen, auch die Orchesterbesetzung ist für ihn von falschen Traditionen überlagert. Deshalb sucht er nach einem frischen Ansatz, um sich dem historischen Klangbild besser anzunähern. Er entschlackt auch hier den Klang durch konsequente Reduzierungen. Die Violinen sowie Bassviolen sind doppelt, die Bratsche einfach besetzt. Auch die Bläser wählt er nur einfach aus, was ihm ein sehr kammermusikalisches Musizieren ermöglicht. Im Basso continuo setzt er, statt auf die üblichen Celli, auf die schon genannten etwas zarteren Bassviolen, zusammen mit einer dezenten Orgel.

Sein Bachzyklus wird auch keine Gesamteinspielung im eigentlichen Sinne, sondern Kuijken plant jeweils eine Kantate zu jedem Sonn- und Feiertag eines Kirchenjahres zu veröffentlichen. 2011 soll die Reihe abgeschlossen sein und möglichst ohne finanziellen Ruin für das Label ‘Accent’ ausgehen.

Die Kantaten zum Jahreswechsel BWV 16, 153, 65 und 154 kreisen thematisch weitestgehend um die Ankunft der Heiligen Drei Könige in Bethlehem. Den hohen Feiertagen angemessen sind die Stücke von einem jubelnden Duktus getragen, der sich besonders in den prachtvoll verwobenen Chorsätzen zeigt. So sind die Kantaten von außergewöhnlicher Strahlkraft und bilden den idealen Anfang für Kuijkens ambitioniertes Unterfangen.

Als Gesangssolisten verpflichtete er die Sopranistin Elisabeth Hermans, die Altistin Noskaiova, den aus Berlin stammenden Tenor Jan Kobow und den Bariton Jan Van der Crabben. Doch trotz hervorragender Einzelleistungen stellt sich beim Hören schnell die Frage, ob der Verzicht auf einen ‘richtigen’ Chor, nicht ein ästhetischer Fehler war. Die einzelnen Stimmen mischen sich schlecht, es bleibt immer klar, dass es sich hier um vier einzelne Sänger handelt, die sich mehr oder weniger geschickt durch die anspruchsvollen Chorpassagen bewegen, aber doch nicht ganz die Phrasierungen mitmachen können, die für ein minimal größeres Ensemble schon kein Problem mehr darstellen. Es ist außerdem erstaunlich, dass die Reduktion nicht zu einer größeren Beweglichkeit der einzelnen Stimmen geführt, sondern eher eine gewisse Starrheit befördert hat. Die Solo-Arien sind alle sehr schön vorgetragen, wobei besonders Jan Kobow positiv hervorsticht.

Das Orchester zeigt sich unter Kuijkens sehr forsch gewählten Tempi in nie überfordert. Abgesehen von einigen leichten Unsauberkeiten preschen die Musiker mit frischem Elan durch die Partitur, ohne dass es atemlos klingt. Doch auch hier hat Kuijkens Minibesetzung eine klangliche Einbuße zur Folge. Es ist wenig abgemischt, man hört jede noch so kleine Unreinheit und selbst die leicht hallige Akustik verzeiht nichts. Vielleicht handelt es sich bei diesen Kritikpunkten noch um Kinderkrankheiten, die sich im Laufe des Projekts verwachsen. Es bleibt also spannend, wie Kuijken ‘seinen’ Bach weiterführen wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 16, 65, 153, 154

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.11.2006
Medium:
EAN:

SACD
4015023253049


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Dirigent(en):Kuijken, Sigiswald


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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