> > > Händel, George Friedrich: Der Messias
Samstag, 15. August 2020

Händel, George Friedrich - Der Messias

Dramatisches Gotteslob


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine unbedingt empfehlenswerte Einspielung, die mit dramatischem Zugriff und interpretatorischer Vielschichtigkeit überzeugt und überdies durch die Besetzung der hohen Partien mit Knabenstimmen eine interessante klangliche Alternative bietet.

Händels Dauerbrenner in der ‘1751 version’, wie es das Cover ankündigt – was ist darunter zu verstehen? Weil die Partitur häufig an wechselnde Aufführungsbedingungen angepasst werden musste, existiert keine normierte Fassung des ‘Messias’. Ein solch flexibler Umgang mit der Partitur war in der damaligen Aufführungspraxis durchaus üblich. Der Komponist musste, sollte das Werk zur Aufführung gelangen, umarrangieren, transponieren oder ganze Abschnitte umschreiben.

Die vorliegende Aufnahme beruht auf einer Fassung, die Händel anlässlich zweier Aufführungen im April und Mai 1751 anfertigte. Die Abweichungen von der 1741 komponierten Fassung bestehen jedoch nicht in einem konzeptuellen Wandel oder in dramaturgisch bedingten Umstellungen. Vielmehr wurden zwei Arien schon im Jahr 1750 den besonderen gesanglichen Fähigkeiten des Kastraten Gaetano Guadagni angepasst. Wichtiger aber noch ist die Änderung, die Oberstimme des Chors und die Arien des Soprans, den damaligen Gepflogenheiten des Aufführungsortes Foundling Hospital entsprechend, mit Knabenstimmen zu besetzen. Diese lassen zwar jede Sinnlichkeit vermissen, vermitteln jedoch mit ihrer rätselhaft bedeckten Klarheit eine Reinheit, die das geistliche Sujet effektvoll unterstreicht. Insofern stellt diese Einspielung unter der Leitung des renommierten Dirigenten und Musikwissenschaftlers Edward Higginbottom eine interessante klangliche Variante des berühmten Oratoriums dar. Aber sie ist mehr als das – sie ist ein Erfolg der Interpretation.

Higginbottom gelingt es, die Nähe des Werks zur Oper aufzuzeigen, ohne den tiefen Ernst der Aussage oberflächlichen Effekten preiszugeben. Die Impulse werden dramaturgisch so überzeugend gesetzt, dass die gesamte Einspielung unter einer Spannung steht, die auch die lange Spielzeit über anhält (2:22h auf 2 CDs) und die Rezitative in den Fluss integriert. Tempi sind angenehm rasch gewählt, ohne je Hektik aufkommen zu lassen.

Die Academy of Ancient Music agiert auf historischem Instrumentarium handwerklich perfekt. Der Klang ist transparent und druckvoll zugleich. Die Geschmeidigkeit und Homogenität des Choir of New College Oxford sprechen für sich. Bei aller Wucht behält der Chor seine federnde Rhythmik bei. Er vermag Leichtigkeit und Inbrunst zu vereinen (‘Every valley shall be exalted’) und innerhalb eines Stücks ohne Bruch von sakraler Strenge zu Gotteslob zu wechseln (‘Since by man came death’).

Nicht anders als überragend ist der Countertenor Iestyn Davies zu bezeichnen. Wie organisch er (um nur ein Beispiel zu nennen) in der Arie ‘But who may abide’, fraglos eines der Glanzstücke des Werks, mit stilvollen Verzierungen und hervorragender Atemtechnik den Charakterwechsel vollzieht – das ist große Klasse. So ist das Gefälle zwischen den Solisten der einzige Schwachpunkt dieser Aufnahme. Doch auch die schwächeren Sänger liefern immer noch solide, stets intonationssichere Leistungen wie der Tenor Toby Spence, der Bassist Eamonn Dougan und die drei Jungen, unter denen die Sopran-Soli aufgeteilt sind. Das ‘Hallelujah’, Gradmesser jeder Einspielung und gleichsam die Signatur des Werks, hinterlässt hier einen überwältigenden Eindruck: Das ist kein hohler Pomp, sondern ein kluges Musizieren im Dienste der Komposition.

Das Booklet der britischen Produktion bietet (auch in deutscher Sprache) eine anschauliche Einführung in die Aufführungsgeschichte sowie (auf Englisch) Porträts der Künstler und den Text des Oratoriums.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, George Friedrich: Der Messias

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
18.09.2006
Medium:
EAN:

CD
747313013173


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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