> > > Mitterer, Wolfgang: Couloured Noise
Samstag, 24. August 2019

Mitterer, Wolfgang - Couloured Noise

Berauschend


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Weihnachten steht vor der Tür, und alle Zweifler und Nörgler, die ?die? Neue Musik in eine Sackgasse reden wollen, sollten auf ihrem Wunschzettel dringend Platz für Wolfgang Mitterers Werk schaffen.

Brachial – so der Duden – meint vor allem: rohe Körperkraft. Wer Wolfgang Mitterers Musik kennt, weiß um die Körperlichkeit, die ihr innewohnt. Erleben kann man das vor allem bei seinen Performances an der Orgel, doch auch in seiner Musiksprache selbst findet sich eine ganz besondere Kreatürlichkeit, lebendige Klänge, die zu einer neuen musikalischen Sprache werden. Die Brachialsymphonie Coloured Noise, die das Klangforum Wien beim Komponisten in Auftrag gegeben hat, kommt hier nicht roh und gewaltig daher; ‘organisch, vielschichtig, körperlich, durchschaubar, fassungslos, fassaden fallen’ (Wolfgang Mitterer) sind die Assoziationen, die der Komponist dem Attribut des Brachialen zuschreibt. Ein Mitschnitt der Uraufführung ist nun bei Kairos erschienen.

Ein Grundprinzip von Mitterers Arbeit ist die Integration improvisierter Musik in seine Partituren. Zumeist entstehen am Computer Samples aus vorkomponierter Musik, die den Musikern als Improvisationsvor- und -grundlage dienen. Das Werk wird dabei über eine Zeitschiene gesteuert, mit punktgenauen Übereinstimmungen zu den ständig durchlaufenden Mehrkanal-Electronics. So entsteht lebendige Musik, Klangbilder, deren Komplexität weit über alles bisher Notierte hinausgeht – und eben auch nicht exakt festzuhalten ist. Mitterer zwingt seine Interpreten nicht in ein Korsett vorgefertigter Notation, die punktgenau zu befolgen ist; anstelle von Musikausübung als Pflichtaufgabe profitiert er vom kreativen Potential, das in den Ausführenden steckt, das im Moment der Aufführung selbst offenbar wird. Der Hörer merkt diese Ausdrucksfreiheit, die immer an den Moment gebunden ist und erkennt eine Musik, die voll von Leben ist, aktuell und dabei doch zeitlos.

Natürlich hängt solch eine Musik immer auch von der Fähigkeit der Spieler ab, die sie ausführen. Mit dem Klangforum Wien hat Mitterer aber einen Partner gefunden, dessen Musiker voll und ganz in dem Konzept aufgehen. Ihre Interpretation ist technisch exakt, wo dies gefordert ist, und atmet Freiheit, wenn es um frisch gefundene Musik geht.

Der Titel dieser Brachialsymphonie lautet ‘Coloured Noise’ und bringt so eine weitere Ebene ins Spiel. Während ‘weißes Rauschen’ in jedem Frequenzabschnitt die gleiche Stärke aufweist, von unserem Ohr jedoch eher unangenehm höhenlastig empfunden wird, entsteht ‘farbiges’ Rauschen durch spezielle nachgeschaltete Filter. Das Ergebnis klingt weicher, musikalischer. Im Kontext Mitterers Werk bedeutet dies soviel wie gefilterte Vielschichtigkeit. Nicht freies Chaos, sondern strukturierte Freiheit. Der Komponist selbst sorgt mit seinem Orgelpart dafür, dass trotzdem aufregende Unberechenbarkeit herrscht. ‘Coloured Noise’, das ist wie das Leben selbst. Nirgends wird dies deutlicher als im Epilog des Werkes, der blubbernd beginnt, sich zu einem lauten Getöse aufschwingt, und rätselhaft verebbt.

Einen kontrollierten Kontrollverlust bezweckt Wolfgang Mitterer in diesem Werk, und somit eine Steigerung emotionaler Anteilnahme bei Ausführenden und Publikum. Ein wahrer Rausch entsteht, ein Panoptikum der Klänge, wie es differenzierter nicht sein könnte. Hier zeigt sich, welches Potential die Komplexisten der Neuen Musik vernachlässigen. Wolfgang Mitterer hingegen findet seine neue Musik dort, wo andere erst gar nicht suchen.

Weihnachten steht vor der Tür, und alle Zweifler und Nörgler, die ‘die’ Neue Musik in eine Sackgasse reden wollen, sollten auf ihrem Wunschzettel dringend Platz für Wolfgang Mitterers Werk schaffen. ‘Fürchten muss sich der Hörer nicht, höchstens vor sich selbst.’

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mitterer, Wolfgang: Couloured Noise

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
17.11.2006
Medium:
EAN:

CD
9120010281136


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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