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Samstag, 10. April 2021

Lassus, Orlando di - Prophetiae Sibyllarum

Schillernde Merkwürdigkeiten


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Roberto Festa hat mit seinem Ensemble diese dramatischen kleinen Stücke in vorbildlicher Weise eingespielt.

Orlande de Lassus, einer der Meister aller musikalischen Klassen im mittleren 16. Jahrhundert, brachte in allen Phasen seines Schaffens bemerkenswerte Einzelstücke und Zyklen hervor. So verwundert es nicht, dass dem noch nicht einmal Dreißigjährigen mit den auf der vorliegenden Platte eingespielten ‚Novem Lectiones Sacrae ex libris Hiob’ und den ‚Prophetiae Sybillarum’ bereits Ende der 1550er Jahre in sich geschlossene und bemerkenswert reife Meisterwerke gelangen.

Inhaltlich in der Beschäftigung mit einigen der wichtigsten Texte prophetischen Denkens ähnlich gelagert, weist die musikalische Umsetzung ebenfalls bemerkenswerte Parallelen auf: Lassus gebraucht auf engstem Raum souverän alle üblichen kompositorischen Mittel des madrigalischen Stils, konstruiert mit seiner ausgeprägten Klangsensibilität wunderbare Rückungen, findet immer wieder zu vollkommen überraschenden harmonischen Wendungen und Schlüssen. Ursächlich hierfür sind vor allem die chromatischen Elemente, die besonders in den ‚Prophetiae Sybillarum’ zur vollen Ausprägung gelangen, so dass in einzelnen Sätzen eine geradezu schillernde Harmonik erreicht wird. Doch gibt es auch Elemente, die den musikalischen Miniaturen eine gute Fasslichkeit sichern – sie sind häufig homophon geführt, sprachfundiert konzipiert und bringen in stiller wie in bewegter Geste eine deutlich dramatische Note ein, die nicht selten in tiefe Stille und gedankliche Versenkung mündet.

Kompetenz & Delikatesse

 

Es ist dies also neben aller madrigalischen Dramatik auch sehr konzentrierte Musik, die wegen ihrer harmonischen Delikatesse nicht leicht angemessen zu interpretieren ist. Das kleine Ensemble ‚Daedalus’ hat sich unter der Leitung von Roberto Festa dieses Repertoires angenommen und vereint renommierte Vokalsolisten, die, wie etwa Monika Mauch oder Josep Cabré, in vielen anderen Produktionen bereits sehr positiv hervorgetreten sind. Und so überrascht es nicht, dass das Ergebnis von einer avancierten und gemeinsamen Klangvorstellung geprägt ist, dass Beweglichkeit, Leichtigkeit, Klarheit bei gleichzeitig erfreulich fundierter Kraftentfaltung zu hören sind. Alle Stimmen fügen sich uneitel in den Ensemblegedanken ein und brillieren nicht zuletzt mit einer frappierenden Intonationssicherheit: Die auffallende Selbstverständlichkeit einer stabilen Intonation ist bei derart von chromatischen Elementen geprägter Musik keineswegs leicht zu erlangen, schon gar nicht, wenn gleichzeitig in der Sphäre intensiven Ausdrucks agiert wird. Abgerundet wird die Leistung des Ensembles von einem erfreulich klaren, aufgeräumten Klangbild, das nicht in erster Linie auf den Effekt des Raumes setzt, sondern sich am Ideal kammermusikalischer Durchhörbarkeit orientiert.

Roberto Festa hat mit seinem Ensemble diese dramatischen kleinen Stücke in vorbildlicher Weise eingespielt: Alle Aspekte und Kniffe der Satzkunst des großen Orlande de Lassus kommen zur Geltung und es gelingt abseits dieser Kunstfertigkeit, den tiefen gedanklichen Ernst zu entfalten, von dem die wunderbaren Miniaturen bei aller äußeren Bewegtheit auch geprägt sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lassus, Orlando di: Prophetiae Sibyllarum

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.07.2006
Medium:
EAN:

CD
3760014190957


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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