> > > Korngold, Erich Wolfgang: Hollywood Songbook
Dienstag, 9. August 2022

Korngold, Erich Wolfgang - Hollywood Songbook

Die Zerrissenheit des Mantels des Schweigens


Label/Verlag: VMS Musical Treasures
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Referenzeinspielung dieser Lieder Korngolds bleibt ein Desiderat. Diese Einspielung hat keinesfalls das Zeug dazu.

Wie beginnen, wo man eigentlich der Höflichkeit und des Respekts halber den Mantel des Schweigens ausbreiten müsste? Es gibt Einspielungen, die hinsichtlich der Musik ein warmes Willkommen verdient hätten und der Mantel des Schweigens von der Musik gerade enthoben werden sollte, die aber in der künstlerischen Ausführung eine Problematik offenbaren, die es eigentlich erfordern würde, einen solchen Mantel des Schweigens zum Schutze des Künstlers umso enger zu knüpfen. Noch in den frühen 1980er Jahren feierte der Bariton Steven Kimbrough, längere Jahre erster Bariton des Bonner Opernhauses, Erfolge mit dem Liedrepertoire ‚entarteter’ Komponisten wie Schönberg, Zemlinsky, Schreker. Und immer wieder Erich Wolfgang Korngold, dem Wunderkind, das sich vom Sandkasten in die Wiener Hofoper aufmachte, dem Operngenie der 20er und 30er Jahre, dem Robin Hood, respektive der Auftrag zur Vertonung des Errol Flynn-Klassikers 1937/38 das Leben rettete, dem eigentlichen Vater der modernen Filmmusik und nach dem Krieg viel zu schnell Vergessenen. Die ‚New York Times’ lobte noch 1984 die Korngold-Lied-Recitals Steven Kimbroughs, die er mit seinem getreuen Klavierbegleiter Dalton Baldwin bestritt. 2004 und 2005 wollten es die beiden Musiker-Haudegen noch einmal wissen. Zusammen mit der jungen Sopranistin Courtenay Budd, die sich auf der Opernbühne ebenso etabliert hat wie als Liedsängerin, haben sie neben Korngolds ‚Shakespeare Songs’ op. 29 und op. 31 und Liedern aus der schnell in Vergessenheit geratenen Musikkomödie ‚Die Stumme Serenade’ einen Gutteil an Liedern aus Korngolds Filmmusiken zu ‚Give uns this Night’ (1936), ‚Escape me never’ (1947), ‚The Sea Hawk’ (1940), ‚The Private Lives if Elizabeth and Essex’ sowie ‚The Constant Nymph’ aufgenommen.

Müde Kämpen

Eigentlich ist es erfreulich, dass sich vor den Ohren des Hörers ein breites Repertoire aus dem spätromantischen Füllhorn des Erich Wolfgang Korngold ergießt. Diskographisch wurde bislang der ‚Stummen Serenade’ und den Liedern aus Korngolds Filmmusiken wenig Beachtung geschenkt. Gerade das macht diese 78-Minuten-CD zu einer nachgerade tragischen Erscheinung, denn die drei Künstler vermögen es nicht, das Potential der Korngoldschen Musik zu aktivieren. Steven Kimbroughs prachtvoller Glanz der charaktervoll timbrierten Stimme ist verblasst. Noch hilft ihm die routinierte Technik dabei, die Lieder schlüssig abzuphrasieren, doch fehlt ihm die Flexibilität, die Linearität der Gesangsphrase mit Binnenspannung zu versehen. Kimbrough, der zumindest artikulatorisch und hinsichtlich der Textverständlichkeit und teilweise deutschen Idiomatik überzeugen kann, nimmt jeden Ton wichtig, was ihn hörbar anstrengt und in einem matten, rauen, fast heiseren Klang resultiert. Auch das Zuhören ist anstrengend, forciert Kimbrough doch jeden Halteton durch dynamische Steigerungen und gleichzeitiges Anschwellen des arg schaukelnden Vibratos.

Courtenay Budd mit ihrem fein ziselierten Sopran, klarer Tongebung und bester Phrasierung, hat leider wenig oder keine Chancen, in den Duetten ein halbwegs passendes Timbre zu finden oder die Klanglichkeit beider Stimmen zu versöhnen. Singt sie allein, sind dies die Höhepunkte der Einspielung. Die Kämpen scheinen müde geworden. Dalton Baldwin reizt sein Klavierspiel nicht genügend aus, formt keine der instrumentalen Raffinessen der Musik heraus. Er setzt, wie Kimbrough, ebenfalls nur noch auf Technik und Routine. Eine stringente Einheit von Gesang und Klavierbegleitung bildet sich bestenfalls zufällig heraus. Ansonsten verharrt Baldwins Spiel im Stadium der Beliebigkeit, ja hat gleichsam etwas Barpianistenhaftes.

Selbst aufnahmetechnisch gibt es Mängel. Dumpf und mulmig, mit wenigen Höhen und mit wenig Glanz ist das Klavier aufgenommen, die Stimmen hingegen klingen sehr präsent. Leider zu präsent. Einzig das Booklet kann hier mit umfangreichen Werkeinführungen punkten. Die Referenzeinspielung dieser Lieder Korngolds bleibt ein Desiderat. Diese Einspielung hat keinesfalls das Zeug dazu.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Korngold, Erich Wolfgang: Hollywood Songbook

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VMS Musical Treasures
1
25.08.2006
Medium:
EAN:

CD
9120012231597


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VMS Musical Treasures

Gegründet: 2002 von Dieter Heuler und Joe Morscher

Erste Veröffentlichungen: März 2003

Vergessene/verborgene/verfemte/verdrängte musikalische Schätze quer durch alle Musikepochen zu entdecken, ist das Hauptziel des Labels VMS Musical Treasures. Dabei kann Produzent Dieter Heuler auf seine fast dreißigjährige Erfahrung in musikalischer "Archäologie" zurückgreifen, die auch seine kreative Arbeit für das Label "Schwann" geprägt hatte. Der weltweite Vertrieb liegt in den Händen von Joe Morscher (Zappel Music), der seit zwei Jahrzehnten dieses Metier erfolgreich betreibt und u. a. auch für die weltweite Distribution des bekannten japanischen Labels "Camerata Tokyo" verantwortlich zeichnet.

VMS versteht sich im weitesten Sinne als "inoffizielles" Nachfolgelabel von Schwann. Beide Gründer haben lange Jahre für und mit dem Label Schwann gearbeitet und wollen - nachdem Schwann von Universal übernommen, aber Neuproduktionen großteils eingestellt wurden - die lange Tradition des Labels fortsetzen und Vergessene Musikalische Schätze (VMS) wieder entdecken. Etliche Künstler, die vormals auf Schwann veröffentlicht hatten, haben bei VMS ein neues Zuhause gefunden.

Künstlerauswahl:
Orchester: Wiener Symphoniker, Wiener Concert-Verein, Johann Strauss Ensemble der Wr. Symphoniker, Haydn Sinfonietta Wien, Symphonieorchester Vorarlberg
Streichquartette: Ensemble Wien, Hugo Wolf Quartett, Schulhoff Quartett
Klavier: Jenö Jando, Andreas Frölich
Gitarre: Alexander Swete, Wulfin Lieske, Walter Abt
Violine/Viola: Ernst Kovacic, Raimund Lissy, Regina Brandstätter
Harfe: Suzanna Klintcharova
Cello: Christoph Stradner
Kontrabass: Ernst Weissensteiner
Trompete: Wolfgang Basch Flöte: Bruno Meier Orgel: Anne Chapelin-Dubar, Martin Haselböck
Akkordeon: Janne Rättyä

Aktuell umfasst der Katalog von VMS Musical Treasures gesamt 102 Titel.


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