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Montag, 26. Juli 2021

Huber, Nicolaus - Seifenoper

Klangkostbarkeiten


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Recherche macht auch in dieser Aufnahme seinem Namen alle Ehre, ist doch jede wahrhaftige Interpretation von Musik eine Suche nach den Ursprüngen der Klänge.

Ästhetische Verbindlichkeiten gibt es in der aktuellen Kunstmusik nicht mehr. Ein Anything goes ist an die Stelle dogmatischen Fortschrittdenkens getreten, das im besten Fall als Pragmatismus daher kommt. Nicolaus A. Huber ist seinem Stil des ‘kritischen Komponierens’ jedoch stets treu geblieben. Mit Helmut Lachenmann und ihrem gemeinsamen Lehrer Luigo Nono teilt er die Auffassung, dass Musik schon dann im weitesten Sinne kritisch (oder im engeren Sinne politisch) ist, wenn sie alte Hörgewohnheiten außer Kraft setzt und den Hörer so für Neues sensibilisiert. Als politisch hellwacher Komponist liegen Huber seit jeher Einflüsse der Musik Hanns Eislers oder folkloristischer Strukturen nahe, daneben aber auch die Musik John Cages und Erik Saties, an denen ihn das Elementare, von herkömmlicher Expressivität Abweichende, fasziniert, das sich so gar nicht in die große europäische Musiktradition einfügen will.

Eine neue CD des Ensemble Recherche zeigt einen Querschnitt durch Hubers kammermusikalisches Schaffen. Dieser reicht vom frühen Duo ‘ Traummechanik’ für Schlagzeug und Klavier von 1967 über die titelgebende ‘Seifenoper’ hin zu ‘First play Mozart’ für Flöte solo und dem Bläsertrio ‘Don’t fence me in’, beide aus den frühen neunziger Jahren. In Traummechanik will Huber das weite Feld der menschlichen Affekte systematisch aufbereiten, analog zu Vorgängen der Psychoanalyse, mit der sich er tief beschäftigt hat. Tonalen Anklängen weicht er dabei nicht aus, sondern integriert sie hinterfragend und durchleuchtend in sein Werk. Dass Musik sprechen will, wird besonders deutlich, wenn sie so wie hier menschliche Emotionen transportiert: zahlreiche Spielanweisungen in der Partitur, vergleichbar mit Masken, hinter denen sich die Töne verbergen, zeugen davon.

Ein Beitrag zum Musiktheater von Nicolaus A. Huber ist bislang noch ausgeblieben. Seine Antwort auf die zeitgenössische Opernproduktion findet sich dafür im Ensemblestück ‘Seifenoper (OmU)’ von 1989. Ein zwölfsätziges Werk, dessen Titel wie ‘Stöhnen auf Tonbühne’, Schnulze, oder ‘Ganz zum Überfluss meinte Eusebius…’ einen bei Huber häufig zu findenden ironischen Impetus aufweisen, das aber fern ist von mokierender Zeitgeistbetrachtung. Hubers Anliegen ist von kritischem Ernst, wenn er die bis zur Übertreibung forcierten Emotionen kombiniert mit einer rigiden Formstrenge. Ein Aufruf zur Wahrhaftigkeit in der Offenlegung menschlicher Abgründe. Schon Helmut Lachenmann wusste: ‘Hubers Musik durchleuchtet und entdeckt (das heißt: deckt auf)’.

Nicolaus A. Hubers Beschäftigung mit Hölderlin wird in seinem Bläsertrio ‘Don’t fence me in’ deutlich. Thematisiert werden die Möglichkeit des Innehaltens und der gleichzeitig mögliche Kontrast des Ausbrechens. So entsteht eine vibrierende Kammermusik, die sich in großer Tradition weiß, die dennoch immer wieder Möglichkeiten eröffnet, aus dieser auszubrechen. Introvertierte Momente, eine subtile Klanglichkeit, stehen regelrechten Klangschocks gegenüber, wenn am Ende in eine Holzkiste geworfene Glasgegenstände eine explosionsartige Zertrümmerung erzeugen.

Das letzte Werk der Produktion ist das Flötensolo ‘First play Mozart’, das Hubers Fähigkeit zum Ausdruck bringt, Musikgeschichte immer wieder quer oder gegen den Strich zu lesen. Mozart neu zu hören ist die Einladung, die von diesem Werk ausgeht. Spätestens in diesem fein ausgehörten Stück merkt man die Bedeutung, die Huber jedem einzelnen Ton zumisst. Ein Klavierstück Hubers trägt den Titel ‘Ton-Geschenke’, und eine solche Kostbarkeit ist jedes musikalische Ereignis, das er in seine Partituren notiert.

Das Ensemble Recherche macht auch in dieser Aufnahme seinem Namen alle Ehre, ist doch jede wahrhaftige Interpretation von Musik eine Suche nach den Ursprüngen der Klänge. Einen besseren Zugang zu der Musik Nicolaus A. Hubers könnte man sich also gar nicht wünschen, denn genau solch ein Suchender ist er stets gewesen und geblieben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Huber, Nicolaus: Seifenoper

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
1
01.06.2006
Medium:
EAN:

CD
4039956606062


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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