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Donnerstag, 23. Mai 2019

Poppe, Enno - Interzone

Lob des Zwischenraums


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


: Ein großartiges Beispiel neuer musikalischer Konzepte in hervorragender Umsetzung.

Prägnant wirken die Werktitel des jungen Berliner Komponisten Enno Poppe, der jüngst mit dem Schneider-Schott-Musikpreis ausgezeichnet wurde: Holz, Knochen, Öl, Wand, Tier, Rad, Scherben. Für Zwischenräume scheint da nicht viel Platz, oft ist die Hörerwartung schon vor dem ersten Ton geprägt. Doch der Begriff der Konsequenz, so Poppe, sei ihm im Laufe der Zeit immer suspekter geworden. So bewegt sich seine Musik zwischen den Systemen, setzt sich ihnen aus um sie zu überwinden. Zwischen 2002 und 2004 entstand das Projekt Interzone für Ensemble, Sprecher, Vokalsolisten und Video. Musiktheater? Oper? Songspiel? Multimedia-Spektakel? Die Frage scheint auf den ersten Blick nicht eindeutig zu beantworten zu sein. ‘Lieder und Bilder’ heißt der Untertitel, und vielleicht ist es wirklich von allem etwas. Interzone ist das Produkt einer Dreiecksbeziehung zwischen Dichter, Komponist und Video-Künstlerin: Marcel Beyer, Enno Poppe und Anne Quirynen fanden sich zu der gemeinsamen Arbeit zusammen. Das Ergebnis des 2004 uraufgeführten Werkes liegt jetzt bei Kairos als CD vor.

Im Zentrum des Stückes steht das Instrumentalstück Broken Pieces, in dem mit Hilfe des Videos auch der 11. September thematisiert wird. Das Instrumentalensemble – hier Poppes ‘Hausensemble’, das ensemble mosaik – ist mit Saxophonen, Klarinetten, Akkordeon, Schlagzeug und Keyboards besetzt; eine Klanglichkeit von sinusartiger Intensität, die besonders durch die in extremen Lagen verwendeten und mehrfach besetzten Holzblasinstrumente unterstrichen wird. Schmerzhaft schrille, blitzende Metall-Geräusche werden fein differenziert und entfalten ein reiches klangliches Spektrum.

Gewissermaßen mehrchörig kommen darum herum das Vokalensemble der Neuen Vocalsolisten und der brillante Sprecher Omar Ebrahim zum Einsatz. Der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer hat den Text geliefert, eine Paraphrase von Texten William S. Burroughs, dessen Manuskript ‘Interzone’ sich mit der Zwischenwelt Tangers in Marokko beschäftig, ein Großstadt-Schmelztiegel der Kulturen und Völker, der Übergänge und Zwischenräume. Jedoch erzählt Beyers Interzone keine Anekdoten der fünfziger Jahre. Es geht nicht um ‘Reden von Energie’, sondern um die Energie der Rede: Das Wort, der Rhythmus, der Ton. Als Störfaktoren sind in den englischen Text deutsche Stolpersteine eingeflossen: Melkfett, besenrein, Stoffwechselfragen, Intersprache. Und eine solche Intersprache ist es auch, die Omar Ebrahim zum Leben erweckt, mit allen Befindlichkeiten der Stimme, Eine Stimmensammlung, ein Verstärker von Gehörtem und Aufgeschnapptem, ein Kaleidoskop von Assoziationen, die einen Mahlstrom von Sinneseindrücken im Kopf des Hörers erzeugen.

Immerwiederkehrendes Motiv ist das der Biene – in der Erzählung ist eine Figur auf dem Weg in die Berge, auf Bienensuche. Daran erinnert die kreisförmige Anordnung der Videoleinwände, die das Abgebildete wie durch ein Facettenauge sichtbar machen wollen. Auch Enno Poppes Musik ist das Facettenartige der Zwischenräume anzumerken. Mal flirrt sie wie ein elektronischer Bienenschwarm, mal ein dröhnender Moloch, der durch Mark und Bein geht, mal ein schrilles Kreischen von Sopran und Piccolobläsern. Ein ständiges Flackern zwischen den Extremen, eine Emotionalität bis aufs Äußerste, ein Abbild jener fremden Welt, des Zwischenreichs, das das Stück beschreibt.

Unter der Leitung des jungen Dirigenten Jonathan Stockhammer bringt das ensemble mosaik eine bewundernswerte musikalische Leistung zu Gehör, die den Klangreichtum von Poppes Komposition bis in den letzten Winkel auslotet. Die Neuen Vocalsolisten aus Stuttgart beweisen ihre einzigartige Stellung im Bereich neuartiger Gesangskunst und schaffen mit dem gewohnt außergewöhnlichen Omar Ebrahim ein schillerndes Universum avancierter Stimmbildung. Zum besseren Nachvollzug wäre eine DVD-Produktion mit der Videoinstallation zwar die bessere Variante gewesen, aber dennoch: Ein großartiges Beispiel neuer musikalischer Konzepte in hervorragender Umsetzung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Poppe, Enno: Interzone

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
17.11.2006
EAN:

9120010281099


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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