> > > Poppe, Enno: Interzone
Donnerstag, 22. Oktober 2020

Poppe, Enno - Interzone

Lob des Zwischenraums


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


: Ein großartiges Beispiel neuer musikalischer Konzepte in hervorragender Umsetzung.

Prägnant wirken die Werktitel des jungen Berliner Komponisten Enno Poppe, der jüngst mit dem Schneider-Schott-Musikpreis ausgezeichnet wurde: Holz, Knochen, Öl, Wand, Tier, Rad, Scherben. Für Zwischenräume scheint da nicht viel Platz, oft ist die Hörerwartung schon vor dem ersten Ton geprägt. Doch der Begriff der Konsequenz, so Poppe, sei ihm im Laufe der Zeit immer suspekter geworden. So bewegt sich seine Musik zwischen den Systemen, setzt sich ihnen aus um sie zu überwinden. Zwischen 2002 und 2004 entstand das Projekt Interzone für Ensemble, Sprecher, Vokalsolisten und Video. Musiktheater? Oper? Songspiel? Multimedia-Spektakel? Die Frage scheint auf den ersten Blick nicht eindeutig zu beantworten zu sein. ‘Lieder und Bilder’ heißt der Untertitel, und vielleicht ist es wirklich von allem etwas. Interzone ist das Produkt einer Dreiecksbeziehung zwischen Dichter, Komponist und Video-Künstlerin: Marcel Beyer, Enno Poppe und Anne Quirynen fanden sich zu der gemeinsamen Arbeit zusammen. Das Ergebnis des 2004 uraufgeführten Werkes liegt jetzt bei Kairos als CD vor.

Im Zentrum des Stückes steht das Instrumentalstück Broken Pieces, in dem mit Hilfe des Videos auch der 11. September thematisiert wird. Das Instrumentalensemble – hier Poppes ‘Hausensemble’, das ensemble mosaik – ist mit Saxophonen, Klarinetten, Akkordeon, Schlagzeug und Keyboards besetzt; eine Klanglichkeit von sinusartiger Intensität, die besonders durch die in extremen Lagen verwendeten und mehrfach besetzten Holzblasinstrumente unterstrichen wird. Schmerzhaft schrille, blitzende Metall-Geräusche werden fein differenziert und entfalten ein reiches klangliches Spektrum.

Gewissermaßen mehrchörig kommen darum herum das Vokalensemble der Neuen Vocalsolisten und der brillante Sprecher Omar Ebrahim zum Einsatz. Der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer hat den Text geliefert, eine Paraphrase von Texten William S. Burroughs, dessen Manuskript ‘Interzone’ sich mit der Zwischenwelt Tangers in Marokko beschäftig, ein Großstadt-Schmelztiegel der Kulturen und Völker, der Übergänge und Zwischenräume. Jedoch erzählt Beyers Interzone keine Anekdoten der fünfziger Jahre. Es geht nicht um ‘Reden von Energie’, sondern um die Energie der Rede: Das Wort, der Rhythmus, der Ton. Als Störfaktoren sind in den englischen Text deutsche Stolpersteine eingeflossen: Melkfett, besenrein, Stoffwechselfragen, Intersprache. Und eine solche Intersprache ist es auch, die Omar Ebrahim zum Leben erweckt, mit allen Befindlichkeiten der Stimme, Eine Stimmensammlung, ein Verstärker von Gehörtem und Aufgeschnapptem, ein Kaleidoskop von Assoziationen, die einen Mahlstrom von Sinneseindrücken im Kopf des Hörers erzeugen.

Immerwiederkehrendes Motiv ist das der Biene – in der Erzählung ist eine Figur auf dem Weg in die Berge, auf Bienensuche. Daran erinnert die kreisförmige Anordnung der Videoleinwände, die das Abgebildete wie durch ein Facettenauge sichtbar machen wollen. Auch Enno Poppes Musik ist das Facettenartige der Zwischenräume anzumerken. Mal flirrt sie wie ein elektronischer Bienenschwarm, mal ein dröhnender Moloch, der durch Mark und Bein geht, mal ein schrilles Kreischen von Sopran und Piccolobläsern. Ein ständiges Flackern zwischen den Extremen, eine Emotionalität bis aufs Äußerste, ein Abbild jener fremden Welt, des Zwischenreichs, das das Stück beschreibt.

Unter der Leitung des jungen Dirigenten Jonathan Stockhammer bringt das ensemble mosaik eine bewundernswerte musikalische Leistung zu Gehör, die den Klangreichtum von Poppes Komposition bis in den letzten Winkel auslotet. Die Neuen Vocalsolisten aus Stuttgart beweisen ihre einzigartige Stellung im Bereich neuartiger Gesangskunst und schaffen mit dem gewohnt außergewöhnlichen Omar Ebrahim ein schillerndes Universum avancierter Stimmbildung. Zum besseren Nachvollzug wäre eine DVD-Produktion mit der Videoinstallation zwar die bessere Variante gewesen, aber dennoch: Ein großartiges Beispiel neuer musikalischer Konzepte in hervorragender Umsetzung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Poppe, Enno: Interzone

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
17.11.2006
Medium:
EAN:

CD
9120010281099


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

  • Zur Kritik... Neues aus Luigi Nonos faszinierender Klangwelt: Sublime Sprachlosigkeit vor dem Hintergrund einer komplexen Welt, aber auch Hilflosigkeit eines zweckgebundenen menschlichen Handelns. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Menschenton: Vorbildliche Aufführungen dreier Orchesterwerke der wichtigen österreichischen Komponistin Olga Neuwirth. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Physische Erlebnismomente: Der baskische Komponist Ramon Lazkano geht der Klavierresonanz auf den Grund. Alle erdenklichen technischen Möglichkeiten des Klaviers und eine Vielfalt an Stilmitteln reizt er aus für sein Experiment mit überraschender Wirkung. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Auf der Suche nach dem richtigen Stil: Mit seiner Neueinspielung von Carl Reineckes Erster Sinfonie macht sich cpo selbst Konkurrenz. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Plastische Glaubensbekundungen : Von eindrucksvoller kompositorischer Dichte und Ausdrucksvielfalt sind die beiden Symphonien, die Bernstein in recht jungem Alter schrieb. Die Arktische Philharmonie unter Christian Lindberg spielt das keineswegs unterkühlt in gigantischem SACD aus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Liebesidylle auf der Alm : Dario Salvi hält mit der CD-Premiere der Oper 'Jery und Bätely' ein überzeugendes Plädoyer für die vergessene Komponistin Ingeborg von Bronsart. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Pietro Antonio Cesti: La Dori

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich