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Sonntag, 21. April 2019

Vivier, Claude - Siddhartha für Orchester in 8 Gruppen

Lebenslieder


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Produktion ist weite Verbreitung zu wünschen, damit das Erbe dieses großen Komponisten die Anerkennung findet, die ihm gebührt!

Über zwanzig Jahre ist es her, dass der kanadische Komponist Claude Vivier in Paris eines gewaltsamen Todes starb. Erst langsam wird die Größe seines Werkes entdeckt, wiederentdeckt, und so ist es umso dankenswerter, dass gleich zwei Publikationen von höchstem Niveau in diesem Jahr das Augenmerk auf das Schaffen Viviers richten und somit gegen sein Vergessen ankämpfen. Nach der bemerkenswerten DVD des Opernprojektes ‘Rêves d’un Marco Polo’ erscheinen nun bei Kairos die beiden Orchesterwerke ergänzt um den Schlagzeugzyklus der ‘Cinq chansons’. Die Interpreten sind das Sinfonieorchester des WDR unter Christian Rundel und der Schlagzeuger Christian Dierstein.

Die Musik Claude Viviers ist eine ständige Reflexion seines eigenen Lebens in aller drastischen Ehrlichkeit ohne jedes Verstellen. Die Themen seiner Kompositionen waren direkt oder indirekt inspiriert von seiner unbekannten Herkunft, der Suche nach seiner Mutter, seiner religiösen Berufung, kurz: seiner Identität. In Montréal als Sohn unbekannter Eltern geboren, wuchs er zunächst in einem katholischen Waisenhaus auf, bevor er von einer Familie adoptiert wurde. Mit sechzehn Jahren trat er in ein Priesterseminar ein, aus dem er aber bald wegen unreifen Betragens entlassen wurde. In den Folgejahren studierte er Komposition bei Gilles Tremblay und später bei Karlheinz Stockhausen in Köln. Zentrales Erlebnis wurde eine Asienreise im Jahre 1976, eine ‘Reise der Selbstentdeckung’ für Vivier. In dieser Zeit kristallisierte sich wesentlich sein unverwechselbarer Stil heraus, bestimmt von einem festen Primat der Melodie, von höchst suggestivem Gebrauch der Stimme, harmonisiert von komplexen Obertonfolgen.

Viviers erstes reines Orchesterwerk Siddharta entstand 1976, konnte aber erst drei Jahre nach seinem Tod uraufgeführt werden. Hochgradig komplex, in acht Orchestergruppen aufgeteilt, ist es dennoch kein formalistisches Rechenspiel, sondern sensibel ausgehörte, intuitive und kreative Musik, die sich zu einer ‘fantastischen Galaxie von Ideen und Emotionen erweitert’ (so der Dirigent der Uraufführung, Walter Boudreau). Wie so häufig bei Vivier konzentriert sich der epische Gehalt des Werkes auf die Idee von Tod und Unendlichkeit.

Orion, die zweite und letzte Komposition für großes Orchester, ist die Geschichte einer Melodie. Sie durchläuft das Orchester wie auf einer Reise durch die Geographie der Erde und des Universums, wobei für Vivier diese Räume des Alls gleichsam in den ‘inneren Räumen’ des Menschen gespiegelt werden. So entsteht eine Verbindung zwischen Mensch und Kosmos: auf der einen Seite intime Gesten wie die dauernd erklingenden Rufe ‘he-o’ aus dem Orchester oder beinah asiatisch anmutenden Perkussionsinterludien, auf der anderen ein entfesseltes Orchester, das eine dramatische Klangskala darstellt.

Claude Viviers Kompositionen besitzen einen tiefen mystisch-musikalischen Gehalt, der einen Sog erzeugt, dem man sich kaum entziehen kann. Selten findet sich in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts ein so starker Wille zum musikalischen Canto, zur unendlichen Melodie, selten hat ein Komponist den Mut zu solch ‘großen’ Klängen, wie sie in Viviers Werken ganz für sich allein stehen. Musik ist hier ganz Sprache, bis zur letzten Konsequenz, Kommunikation des totalen Seins des Komponisten mit einer entwaffnenden Einfachheit. Die enge Verknüpfung von Leben und Werk Claude Viviers führt dazu, dass jede Note durch ein biographisches Ereignis ihre Rechtfertigung erfährt. Vielleicht ist es diese Ehrlichkeit, die den Hörer dieser Musik so in den Bann zieht.

Die Cinq chansons pour percussion sind ‘Lieder’ im asiatischen Verständnis, musikalische Standpunkte, die relativ frei um einige wenige Noten komponiert sind. Musikalische Einfachheit steht in krassem Gegensatz zu dem hohen technischen Anspruch, das das Werk an den Schlagzeuger stellt. Christian Dierstein liefert eine intensive, dynamisch und rhythmisch lebendige Version, die immer bei sich bleibt und eine tiefe persönliche Atmosphäre generiert. Die Musiker des WDR Sinfonieorchester unter Christian Rundel sind die besten Anwälte für Claude Viviers Musik. Mit höchster musikalischer Präzision und menschlicher Hingabe entstehen fesselnde Versionen der beiden Orchesterwerke, die Viviers Intentionen lebendig werden lassen.

Der Produktion ist weite Verbreitung zu wünschen, damit das Erbe dieses großen Komponisten die Anerkennung findet, die ihm gebührt!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivier, Claude: Siddhartha für Orchester in 8 Gruppen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
19.05.2006
EAN:

9120010280153


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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