> > > Wiener Kontrabasskonzerte: Werke von Hoffmeister, Pichel, Vanhal
Freitag, 9. Juni 2023

Wiener Kontrabasskonzerte - Werke von Hoffmeister, Pichel, Vanhal

Das Sausen im Eichenwipfel


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Reihe der ‚Forgotten Treasures’, die das Label Ars mit dem Kölner Ensemble aufnimmt, erweist sich einmal mehr als kurzweiliges, informatives Vergnügen.

Über die Leiden des einsamen Kontrabassisten hat Patrick Süßkind 1981 einen erfolgreichen, seinerzeit viel gespielten Monolog geschrieben. Er thematisierte nicht ohne Witz die Geschichte des Instruments und seiner geringen Prominenz. So wie Georg Kreislers ‚Triangelspieler’ fristet der Kontrabassist ein zumeist unscheinbares Dasein im Orchester, hat kaum je Gelegenheit zur Selbstdarstellung und zur auffallenden Virtuosität.

Das ‚Rieseninstrument’ war schon Christian Friedrich Daniel Schubart in seinen ‚Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst’ (um 1780) aufgefallen. Seinen Eindruck über das seinerzeit noch relativ neue (und noch keinesfalls in der heutigen Form ausgereifte) Instrument beschreibt er im Solospiel wie folgt: „Die Tiefe war brüllend, schauerlich, durchschneidend – klang wie das Sausen des Sturmes im Eichenwipfel. Die oberen Töne brachten die lieblichste Tenorstimme hervor, die aber nicht wie Saitenton, sondern wie Tenorposaune tönte.“

Drei Konzerte aus jener Frühphase des Kontrabass’, die zu musikästhetischen Überlegungen Anlass gab, sind nun in der auf historischen Instrumenten eingespielten Reihe ‚Vergessener Schätze’ der Kölner Akademie unter ihrem Chef Michael Alexander Willens erschienen. Es sind Werke für den so genannten fünfsaitigen ‚Wiener Bass’, der mit seiner speziellen Stimmung ab den 1760er Jahren den Weg ins solistische Spiel ebnete. Die Wiener Klassik brachte bedeutende Konzerte für den Bass hervor, aus dieser Blütezeit stammen die drei eingespielten Konzerte von Franz Anton Hoffmeister (1754-1812), Wenceslav Pichl (1741-1805) und Johann Vanhal (1739-1813), die ersten beiden gar in Ersteinspielungen. Die Eignung als Soloinstrument belegen diese kompositorisch souverän gestalteten Konzerte mit ihrer  klassischen Dreisätzigkeit allemal.

Der kanadische Kontrabassist David Sinclair spielt sie auf einem Wiener Bass von 1729 mit grandioser Wendigkeit. Den teils hohen technischen Anforderungen begegnet er mit hörbarer Virtuosität; Doppelgriffe, längere Triolen-Passagen, Sechzehntelreihungen, weite Griffe -  nichts raubt dem noblem Ton Sinclairs die homogene Ausstrahlung und Expressivität. Das musikalische Material gewinnt unter seiner schon athletisch zu nennenden Fingerfertigkeit und Bogenphrasierung Festigkeit, gelegentlich gar singenden und tänzelnden Charakter. Ob munter oder lyrisch, die Klangvielfalt die er dem Instrument zu entlocken versteht, ist erstaunlich. Man kann Schubarts bewunderndes Erstaunen über Klang und Möglichkeiten des Instruments nach dem Hören der CD bestens verstehen.

Die Kölner Akademie ist ihm ein sensibler Musizierpartner, man hört aufeinander, scheint sich gegenseitig zu inspirieren, die Balance zwischen Soloinstrument und Orchester ist auch aufnahmetechnisch wunderbar gewahrt. Die klare Stimmführung Michael Alexander Willens’ und die energische Leitung tun ein Übriges um die Konzerte aus ihrem Nischenbereich herauszuholen und in ihrer musikalischen Bedeutung gleichwertig neben andere Solokonzerte der Wiener Klassik zu stellen. So hat man nicht den Eindruck einer exotischen Wiederbelebung zu lauschen, sondern mehr über das so reichhaltige, unbekannte Repertoire der Wiener Klassik zu erfahren. Die Reihe der ‚Forgotten Treasures’, die das Label Ars mit dem Kölner Ensemble aufnimmt, erweist sich einmal mehr als kurzweiliges, informatives Vergnügen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wiener Kontrabasskonzerte: Werke von Hoffmeister, Pichel, Vanhal

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
ARS Produktion
1
01.05.2008
61:01
2006
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
4260052380208
ARS 38020


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Hoffmeister, Franz Anton
 - Concerto in Es-Dur für Kontrabass - Allegro moderato
 - Concerto in Es-Dur für Kontrabass - Adagio
 - Concerto in Es-Dur für Kontrabass - Rondo - tempo giusto
Pichl, Wenceslav
 - Concerto in D-Dur für Kontrabass - Allegro moderato
 - Concerto in D-Dur für Kontrabass - Andante molto
 - Concerto in D-Dur für Kontrabass - Finale - Presto
Vanhal, Johann Baptist
 - Concerto in Es-Dur für Kontrabass - Allegro moderato
 - Concerto in Es-Dur für Kontrabass - Adagio
 - Concerto in Es-Dur für Kontrabass - Finale - Allegro


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Dirigent(en):Willens, Michael Alexander
Orchester/Ensemble:Kölner Akademie
Interpret(en):Sinclair, David


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
?Die SACD - Super Audio CD kombiniert die Präzision der digitalen Reproduktion mit der Wärme des analogen Klanges. Das hat uns überzeugt.?


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