> > > Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 55, 56, 98, 180
Montag, 24. Januar 2022

Bach, Johann Sebastian - Kantaten BWV 55, 56, 98, 180

Auf die Minimalbesetzung reduziert


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kuijken wählt mit dem Verzicht auf einen volltönenden Chor ein puristisches, manchmal auch sperriges Klangbild, das aber für die richtige Textausdeutung unterstützt.

Sigiswald Kuijken ist seit ein paar Monaten dabei, einen Bach Kantatenzyklus für ein gesamtes liturgisches Jahr neu einzuspielen. Es kommt ihm dabei nicht darauf an sämtliche erhaltene Stücke dieser Art auf SACD zu bannen, sondern viel mehr ist sein Anliegen, für jeden Sonn- und Feiertag eine Kantate vorzulegen. An Tagen für die mehrere Stücke erhalten sind, hat Kuijken somit die Qual der Wahl und kann sich deshalb die für ihn am interessantesten Werke herauspicken.

Den Auftakt zur Reihe macht die vorliegende Veröffentlichung zum Ende des Kirchenjahrs im November. Kuijken wählte dafür die Kantaten ‘Was Gott tut, das ist wohlgetan’ BWV98, ‘Schmücke dich, o liebe Seele’ BWV180, ‘Ich will den Kreuzstab gerne tragen’ BWV56 und ‘Ich armer Mensch, ich Sündenknecht’ BWV55.

Im ausführlich gestalteten Booklettext erläutert Kuijken sehr detailliert die Besonderheit einer jeden Kantate und weist den Hörer auf kompositorische und textliche Eigenheiten der Werke hin. Sehr wichtig ist ihm hierbei, dass sich der Hörer vorab mit dem Inhalt jeder Kantate auseinandersetzt, um ein Verständnis für deren liturgische Bedeutung zu bekommen. Er gibt sogar Tipps zum Lesen barocker Dichtung, da er im Text den Schlüssel zu jedem einzelnen Stück sieht. In diesem Ansatz unterscheidet er sich nicht besonders von den Einspielungen durch Koopman, Gardiner oder Herreweghe, denn nur durch den wortdominierten lutherischen Gottesdienst sind Bachs Vokalwerke überhaupt zu verstehen.

Was Kuijken aber von seinen Konkurrenten unterscheidet, ist sein konsequenter Verzicht auf einen Chor. Durch die Forschungen von Joshua Rifkin und Andrew Parrott ermutigt, versteht er die Bachkantaten als Kammermusik in kleinster Besetzung, was für ihn bedeutet, dass er die vier Gesangssolisten alleine die Choräle und Chorfugen singen lässt.

Wie aus historischen Quellen hervorgeht, gab es keine Trennung zwischen Chor und Solisten, sondern die einzelnen Sänger hatten sowohl die Solo-Arien zu gestalten, als auch den Chor zu bilden. In seltenen Fällen wurde dieses ‘Concertisti’-Quartett durch ein zweites Quartett, den sogenannten ‘Ripienisten’, die ausschließlich in den Ensemblestücken den Chor verdoppelten, verstärkt. So lockert Kuijken die Struktur der großen mehrstimmigen Sätze sehr schön auf, da die einzelnen Stimmen sehr viel beweglicher und leichter sind, als eine ganze Stimmgruppe.

Doch nicht nur im vokalen Bereich versucht Kuijken neue Wege zu gehen, auch die Orchesterbesetzung ist für ihn von falschen Traditionen überlagert. Deshalb sucht er nach einem neuen Ansatz, um sich dem historischen Klangbild besser anzunähern. Er entschlackt auch hier den Klang durch konsequente Reduzierungen. Die Violinen sowie Bassviolen sind doppelt, die Bratsche einfach besetzt. Auch die Bläser wählt er nur einfach aus, was ihm kammermusikalisches Musizieren ermöglicht. Im Basso continuo setzt er, statt auf die üblichen Celli, auf die schon genannten etwas zarteren Bassviolen zusammen mit einer dezenten Orgel.

Die ausgewählten Kantaten für die vorweihnachtliche Fastenzeit zeichnen sich durch einen sehr persönlichen Dialog mit Gott aus, in dessen Zentrum das Individuum im Zwiegespräch mit dem Schöpfer steht. Im Gegensatz zu den prachtvollen, jubilierenden Sätzen der Weihnachtszeit, in denen buchstäblich ‘Erd und Sternenzelt’ über die Geburt Christi in Lobgesänge ausbrechen, sind die hier gespielten Kantate auch in ihrem Aufbau sehr viel reduzierter. Während Kuijkens kleine Besetzung in den Weihnachtskantaten eher unpassend wirkt, entfaltet sie bei hier vorliegenden Werken aber ihre ganze Suggestionskraft, da somit der Dialog mit Gott sozusagen in der ‘ich-Form’ ausgetragen wird und sehr viel eindringlicher ist als bei einer Großbesetzung.

Dank des hervorragend aufgelegten Vokalquartetts, bestehend aus Sophie Karthäuser (Sopran), Petra Noskaiova (Alt), Christoph Genz (Tenor) und Dominik Wörner (Bass), kann Kuijken auch in den Chorsätzen die Texte sehr expressiv gestalten. Einzig Dominik Wörner ist in seinen Solo-Koloraturpassagen teilweise etwas hölzern, wie in der Arie ‘Meinen Jesum lass ich nicht’ und Petra Noskaiovas kleine Stimme ist nicht immer sehr tragfähig (was besonders in den Rezitativen von Nachteil ist). Aber ansonsten gibt es nichts an den Sänger auszusetzen. Besonders hörenswert ist Sophie Karthäuser, die mit ihrem wunderbar hellen Timbre die Arien ‘Hört, ihr Augen, auf zu weinen’ und ‘‘Lebens Sonne, Licht der Sinne’ sehr schön innig gestaltet.

Das Orchester führt Kuijken mit klarer Linie und lässt die einzelnen Stimmen recht unvermischt nebeneinander stehen. Schnörkellos verzichtet er auf vordergründige Showeffekte. Dieser sehr puristische Ansatz polarisiert zwangsläufig, da Kuijken sich auch nicht davor scheut, immer wieder Klangpassagen sperrig und ungemildert um Raum stehen zu lassen. In Anbetracht der Textaussage und der Position, die die Kantaten im kirchlichen Jahresablauf haben, ist diese Wahl sehr passend und angemessen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 55, 56, 98, 180

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
05.01.2006
Medium:
EAN:

SACD
4015023253018


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Dirigent(en):Kuijken, Sigiswald


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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