> > > Vivier, Claude: Reves d'un Marco Polo
Donnerstag, 29. September 2022

Vivier, Claude - Reves d'un Marco Polo

Lebenslieder


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Produktion ist weite Verbreitung zu wünschen, damit das Erbe dieses großen Komponisten die Anerkennung findet, die ihm gebührt!

Als der kanadische Komponist Claude Vivier mit nicht einmal 35 Jahren in Paris eines gewaltsamen Todes starb, hinterließ er ein schmales Oeuvre, das zunächst beinah in Vergessenheit geraten wäre. Darunter befinden sich die Oper Kopernikus und ein Konzept für ein weiteres abendfüllendes Musiktheater aus einzelnen Stücken. Unter den Fürsprechern des Stockhausenschülers befanden sich Komponisten wie György Ligeti, der den niederländischen Dirigenten Reinbert de Leeuw auf das faszinierende Schaffen Viviers aufmerksam machte: für ihn ein einschneidendes Erlebnis. Eine Musik, die allein steht im zeitgenössischen Musikwesen, die sich nicht so recht einordnen lassen will in vorgefertigte Kategorien. Man vernimmt hier und da etwas, was entfernt an die Formelkompositionen Stockhausens erinnert, einige mystische Anklänge an Olivier Messiaen, aber noch scheinen die Worte zu fehlen, diese Musik adäquat einordnen zu können.

Das Opernprojekt in zwei Abenden, ‘Rêves d’un Marco Polo’, das Reinbert de Leeuw mit dem englischen Regisseur Pierre Audi 2004 kreiert hat, kann als Querschnitt durch das Schaffen Claude Viviers gesehen werden. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Oper im klassischen Sinne, ein Szenario gibt es nämlich nicht. ‘Träume eines Marco Polo’ sind musikalische und dramatische Ereignisse in ritualähnlicher Abfolge. Das Ritual ist ein emotionales Erlebnis, eine Zelebration von Leben und Tod – ein zeitloses Erlebnis mithin.

Der erste Abend besteht aus der Oper Kopernikus, die als ‘opéra rituel de mort’ untertitelt ist. Agni, die nach einer hinduistischen Gottheit benannte zentrale Figur dieses mystischen Märchens, begegnet historischen und mythischen Persönlichkeiten: Lewis Carroll, Merlin, der Königin der Nacht, Mozart, Tristan und Isolde, Kopernikus und dessen Mutter. Ob dies alles Traum oder Wirklichkeit ist, bleibt offen. Es geht um die Erinnerung an das Leben über den Tod hinaus und die Freude auf ein neues Jenseits. So wie Kopernikus und Marco Polo vom Betreten neuer Welten träumten, tun dies auch die Akteure in dieser ‘Oper’.

Spätestens hier wird ein Geheimnis des Musik Claude Viviers deutlich. Wie bei kaum einem anderen Komponisten ist sein eigenes Leben mit seinem Werk verknüpft. Jedes musikalische Ereignis ist durch einen Moment seines Lebens begründet, ein ‘so als ob’ gibt es nicht. Vivier war zeit seines Lebens ein Suchender, als Waisenkind auf der Suche nach seiner Herkunft, auf der Suche nach seiner Identität, und im ständigen Bedürfnis menschlicher Zuneigung, nach menschlicher Nähe an sich. Als Suchender offenbart er sich auch in seinem unstillbaren Wissensdrang, in vielen Reisen nach Asien, im Kennen lernen neuer Sprachen und Kulturen. Das Faszinosum seiner Musik lediglich durch den anti-intellektuellen Impetus und das kindlich phantasievolle Moment zu erklären greift nicht tief genug. Vermutlich liegt es an der Ehrlichkeit, die diese Musik mit sich bringt, dass sie den Zuhörern so nahe geht.

Der zweite Abend besteht aus einzelnen Werken, die Reinbert de Leeuw und Pierre Audi zu einer Musiktheatercollage zusammengefügt haben. Werke für Vokalisten und Ensemble und reine Instrumentalstücke wechseln sich ab und ergeben einen ganzen Kosmos unterschiedlicher Stimmungen. Besonders frappierend für den Zuschauer ist Viviers Behandlung der Stimme: große Teile des Gesungenen werden in einer erfunden Sprache vorgetragen, die die Ereignisse in mystische Ferne rücken. Auffallend die ständigen Lippen- und Handtremoli der Sänger, die an jugendliches Indianerspiel erinnern. Der Marco-Polo-Abend beginnt und endet mit Claude Viviers letztem Werk, dem Fragment ‘Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele’, das für tiefe Ergriffenheit selbst unter den Ausführenden sorgt. Es handelt von einem Mann, der in der Métro einem jungen Mann begegnet, der ein Messer aus seiner Tasche zieht und ihm ins Herz sticht. Wie ein Mantra singt währenddessen die Sopranistin die Verse ‘Mir war kalt und ich hatte Angst’. Im Moment des Stiches endet das Werk, und auch die Sopranisten hört mitten im Satz auf: ‘und ich hatte…’. So fand man die Partitur auf dem Schreibtisch Claude Viviers in der Nacht, in der er in seinem Pariser Appartement erstochen wurde. Das musikalische Ende der Partitur ist nicht anders als genial zu bezeichnen: doch war es Absicht, Fügung des Schicksals? Erneut zeigt sich die tiefe Verwobenheit von Leben und Werk, die eine Musik gebiert, der man sich nicht entziehen kann.

Die Interpreten der Aufführung, deren Mitschnitt auf zwei DVDs bei Opus Arte erschienen ist, leisten allesamt Großes: Die Instrumentalisten, die in Kopernikus in die Handlung mit einbezogen werden, scheinen die langen Melodien voll und ganz verinnerlicht zu haben. Den Sängern verlangt Viviers Musik einiges ab, und dennoch hat der Hörer den Eindruck einer Leichtigkeit und Freude, die in der Musik schwingt, und die nichts von technischen Schwierigkeiten erahnen lässt.

Werkeinführungen und eine einstündige Dokumentation über Leben und Werk Claude Viviers ergänzen die hervorragende Produktion, die hoffentlich dazu beiträgt, sein Schaffen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivier, Claude: Reves d'un Marco Polo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
2
27.02.2006
Medium:
EAN:

DVD
809478009436


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Opus Arte

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Stets ist es unser Bestreben Ihnen kulturelle Ereignisse in bestmöglicher Qualität nach Hause zu bringen. Alle Neu-Veröffentlichungen werden im Widescreen-Format mit True-Surround-Sound und der zusätzlichen Option einer exzellenten Stereo-Tonspur produziert. Interessantes Zusatzmaterial füllt die DVD bis zur Kapazitätsgrenze. Midprice-Serien wie die -La Scala Box- und -Faveo- öffnen den Blick auf klassische Archivaufnahmen von den führenden Opernhäusern der Welt in außergewöhnlicher Qualität. Opus Arte ist immer auf der Höhe der stets schneller voranschreitenden technischen Entwicklung, manches Mal sind wir ihr auch einen Schritt voraus. Bereits vor sieben Jahren begannen wir mit der Produktion in High Definition und verfügen somit über einen sehr großen Katalog an Titeln, der nur darauf wartet veröffentlicht zu werden. Mit -Schwanensee- veröffentlichte Opus Arte als erstes Klassik DVD Label einen Titel im Format HD DVD. Auch ein Besuch unserer Website lohnt stets: Sie erhalten dort aktuelle Nachrichten, Besprechungen, exklusive Fotos, Trailer und zahlreiche Details zu unseren Produktionen aus erster Hand.


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