> > > In Lamentatione Jubilatio Dei: Lob und Klage in barocken Vertonungen
Donnerstag, 22. Oktober 2020

In Lamentatione Jubilatio Dei - Lob und Klage in barocken Vertonungen

Gegensätze


Label/Verlag: Raumklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter einem großen Bogen wird eine Vielzahl sehr verschiedener geistlicher Kammermusikstücke versammelt und bemerkenswert sensibel interpretiert.

Aus Gegensätzen lässt sich künstlerisches Kapital schlagen – das beweist die vorliegende Einspielung, die neben das vergleichsweise schlichte protestantische Lied verschiedene der in katholischer Tradition stehenden Lamentations-Vertonungen der Karwoche stellt. Räumlich konzentrierte sich diese Konstellation unter anderem im Umfeld des Dresdner Hofes, der selbst katholisch, dessen städtisches und ländliches Umfeld jedoch klar protestantisch geprägt war. Einer der wichtigen Komponisten aus dieser Umgebung war der Böhme Jan Dismas Zelenka (1679-1745), der mit einer Lamentation vertreten ist, die in getragener, stark emotionaler Tonsprache auf einem dichten Satz basiert, der auch etliche Passagen trägt, deren Tonrepititionen an das gregorianische Vorbild dieser Gattung erinnern. Flankiert wird Zelenkas Werk von vergleichbaren Arbeiten Johann Rosenmüllers (1619-1684), die sich vor allem durch einen souveränen und sinnfälligen Gebrauch der charakteristischen rhetorischen Figuren auszeichnen.

Das geistliche Lied protestantischer Prägung basiert häufig auf umfänglichen Textsammlungen, wie der bekannten des Zeitzer Kantors Georg Christian Schemelli (um 1676-1762), nach der Johann Sebastian Bach Bearbeitungen anfertigte, oder einer ebenfalls einflussreichen Zusammenstellung Johann Heinrich Elmenhorsts (1632-1704), der unter anderem den auf der vorliegenden Platte mit etlichen Liedern vertretenen Georg Böhm (1661-1733) zu Vertonungen inspirierte. Diese kürzeren Stücke zeigen sich als emotional erwärmte Kleinformen, die eine Singstimme von überschaubarem technischem und musikalischem Anspruch über einen gefällig harmonisierten instrumentalen Bass führt.

In das Programm eingefügt sind schließlich noch wenige kürzere Instrumentalstücke verschiedener Komponisten, die in ihrem gliedernden Effekt funktional und sinnvoll angeordnet scheinen. Die – wie eben beschrieben kompositorisch heterogen repräsentierte – inhaltliche Ebene der Klage noch mit der des Gotteslobes zu kontrastieren, ist dann für eine Platte vielleicht der Unterschiede und Gegensätze zu viel, was jedoch unter anderem einer fabelhaft musizierten kurzen Kantate Georg Philipp Telemanns für sich genommen überhaupt keinen Abbruch tut.

Gelungen

 

Gotthold Schwarz verfügt über eine noble Stimme, die mit der nötigen Wärme und Fülle ausgestattet ist, um die häufig emotional motivierten Kompositionen angemessen zu musizieren. Dank glänzender Intonation kann er sich in den einfacheren Liedern ganz auf die intensive Gestaltung und Ausdeutung konzentrieren und seine Stärken in der Sphäre der getragenen Klagehaltung ausspielen. Daneben profiliert er sich jedoch durchaus mit technisch souveräner Beweglichkeit und deutet die Fähigkeit zu gesteigerter Ausdrucksfähigkeit an.

Begleitet und getragen wird er zurückhaltend und einfühlsam vom Gambisten Siegfried Pank und Hans Christoph Becker-Foss an Orgel und Cembalo, die hin und wieder ihr sehr filigranes solistisches Potential andeuten und im Ensemble mit Gotthold Schwarz als homogene kammermusikalische Formation überzeugen.

Entstanden ist eine schöne Platte mit geistlicher Kammermusik des 17. und 18. Jahrhunderts, die verschiedene Ebenen gegenüberstellt und miteinander verschränkt, den Bogen inhaltlich dabei vielleicht ein wenig zu weit fasst, in der klanglichen Realisierung der versammelten Kompositionen jedoch zu überzeugen weiß.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    In Lamentatione Jubilatio Dei: Lob und Klage in barocken Vertonungen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Raumklang
1
20.10.2006
Medium:
EAN:

CD
4018767025040


Cover vergössern

Raumklang

Das Label RAUMKLANG wurde 1993 von Sebastian Pank in Leipzig gegründet. Nach wie vor steht der Name Raumklang für ein authentisches Klangerlebnis. Die Aufnahmen entstehen überwiegend mit nur einem Stereo-Kugelflächen-Mikrophon (One-Point-Recording).
Den Schwerpunkt aller RAUMKLANG-Veröffentlichungen bildet die Alte Musik. In jüngster Zeit ergänzt neben experimenteller/zeitgenössischer Musik eine Reihe mit Weltmusik das RAUMKLANG-Programm. Für seine aufwendig produzierten und anspruchsvoll gestalteten CDs mit ausführlichem Begleitheft erhielt RAUMKLANG bereits zahlreiche begehrte Auszeichnungen, darunter "Grand Prix de l'Académie Charles Cros" und den "Diapason 5".
Seit 1998 liegt der Hauptsitz des Labels auf Schloss Goseck in Sachsen Anhalt, auf dem sich in den letzten Jahren das "Europäsiche Musik- und Kulturzentrum" sowie ein Zentrum für Archäologie (7000 Jahre altes Sonnenobservatorium) etabliert haben. Nicht zuletzt aus dieser Verknüpfung ergeben sich zahlreiche Kontakte zu renommierten Künstlern der Alten Musik im In- und Ausland.
Seit 2003 veröffentlicht RAUMKLANG verschiedene Editionen. Jede Edition wird von einem anderen Produzenten herausgegeben und erweitert damit die Vielfalt des Labelrepertoires. So erscheint neben edition raumklang von Sebastian Pank (Schloss Goseck) die marc aurel edition in Köln, gegründet von Aurelius Donath. Aus der Zusammenarbeit mit der berühmten Schola Cantorum Basiliensis (SCB) in Basel hat sich die schola cantorum basiliensis edition ergeben. In dieser Reihe stellt der Produzent Thomas Drescher (stellv. Direktor der SCB) viel versprechende Absolventen aus Basel vor. 2005 entstand aus den engen Kontakten zur Musikstadt Leipzig eine weitere neue Edition: Unter dem Namen edition apollon veröffentlicht nun das international bekannte Vokalesemble "amarcord" seine CDs.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Raumklang:

  • Zur Kritik... Die Ordnung der Kräfte: Das Ensemble Ars Choralis Coeln bringt eine CD-Fassung des 'Ordo virtutum' von Hildegard von Bingen heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Nordisch: Wenn Sjaella die anderen Himmelsrichtungen mit der gleichen Verve und dem gleichen künstlerischen Temperament angeht, dann besteh Grund zur Vorfreude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Bach in der virtuosen Gruppe: Warum diese Aufnahme von Harmony of Nations seit 2010 unveröffentlicht blieb, ist nicht leicht verständlich: Zu sehr überzeugt das Material, wird der schöne programmatische Ansatz mit exzellentem Spiel nobilitiert. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Raumklang...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Klingende Schatztruhe: Schatztruhe Düben-Sammlung: Hier wird sie wieder einmal aufgeklappt, getragen vom schönen Ensembleklang von Clematis und dem feinen Sopran von Julie Roset. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Gelegenheiten: Purcells Genie zu preisen, ist noch immer angezeigt, gerade in Richtung des europäischen Festlands. Wohl dem Komponisten, dass The Sixteen und Harry Christophers für sein illustres Werk plädieren – eine echte Freude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Zwei Messen: Bruckners Messe wirkt in dieser Einspielung phasenweise geradezu duftig leicht, in ihrem reichen Idiom deutlich ausformuliert – durchaus abseits manches Klischees. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Auf der Suche nach dem richtigen Stil: Mit seiner Neueinspielung von Carl Reineckes Erster Sinfonie macht sich cpo selbst Konkurrenz. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Plastische Glaubensbekundungen : Von eindrucksvoller kompositorischer Dichte und Ausdrucksvielfalt sind die beiden Symphonien, die Bernstein in recht jungem Alter schrieb. Die Arktische Philharmonie unter Christian Lindberg spielt das keineswegs unterkühlt in gigantischem SACD aus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Liebesidylle auf der Alm : Dario Salvi hält mit der CD-Premiere der Oper 'Jery und Bätely' ein überzeugendes Plädoyer für die vergessene Komponistin Ingeborg von Bronsart. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Martin Christian Schultze: Sinfonia II in G major - Allegro amoroso

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich