> > > Internationale Ferienkurse für Neue Musik 2004: Wolfgang Mitterer
Montag, 24. Januar 2022

Internationale Ferienkurse für Neue Musik 2004 - Wolfgang Mitterer

Zungen reden


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer sich die Zeit nimmt, genau hinzuhören, wird hier eine ganz neue Erfahrung machen

Der Wandel der Materialästhetik in der Neuen Musik hat es mit sich gebracht, dass Instrumenten ihre naturgegebene Klangfarbe genommen wurde und durch Ausreizung aller denkbaren spieltechnischen Möglichkeiten neue Klänge entlockt wurden. Wie weit ein Komponist in dieser Grenzüberschreitung gehen wollte lag auch immer am Interpreten und seiner Bereitschaft, Altes hinter sich zu lassen und neues Terrain zu beschreiten.

Die Orgel nahm (und nimmt) in diesem Prozess immer eine Randstellung ein – trotz großartiger Interpreten wie Gerd Zacher und monumentalen Klangerweiterungen durch Komponisten wie Ligeti. Das mag vor allem an ihrer Symbolfunktion als Trägerin liturgischer Musik im sakralen Raum liegen, ist doch die Hemmschwelle, Neue Musik in den liturgischen Bereich einziehen zu lassen, noch hoch und die Bereitschaft avantgardistischer Komponisten, sich mit ritualisierter Form von Religion auseinanderzusetzen umso niedriger. Es kann also auch als Vorzeichenwechsel im zeitgenössischen Musikschaffen angesehen werden, wenn Komponisten nun die Orgel in ganz neuer Weise musikalisch ausleuchten. Ein Beispiel ist die neue Produktion aus dem col legno-Verlag, erschienen in der Reihe der Darmstädter Ferienkurse, die ganz dem Werk Wolfgang Mitterers gewidmet ist.

Der Österreicher Wolfgang Mitterer studierte Orgel und Komposition in Wien sowie elektronische Musik in Stockholm. Diese drei Bereiche kommen auch auf der vorliegenden Aufnahme zur Geltung. Mitterer ist Interpret seiner eigenen Werke, zwei für Orgel solo, zwei für Orgeln und Elektronik. Warum die Orgel in seinem Oeuvre eine so bedeutende Rolle spielt, erläutert Mitterer im selbst verfassten Vorwort zur CD: ‘die orgel ist ein instrument, das viele möglichkeiten bietet, klänge durch registerverschiebung, tastendruck, motor ein/aus oder schweller, etc. in verschiedene richtungen zu verändern (tonhöhen ändern sich, lautstärkeverhältnisse der pfeifen verschieben sich bis zum überblasen oder zum bloßen luftgeräusch).

Diese analytische Ansicht kommt vor allem in dem 1980 entstandenen Stück ‘die zeit spielt keine rolle’ zur Geltung: ausgehend von einem einzelnen Ton und dorthin zurückkehrend, in der Mitte Aufbau zu einem vollen Unterarmcluster, so langsam, dass der Übergang vom ‘tonalen’ Gebilde zum vollen Cluster kaum nachvollziehbar wird: Für Mitterer ein Beweis, wie schwach das Wort ‘atonal’ in Bezug auf Klänge an sich eigentlich ist.

In den Werken ‘mixture V’ und ‘bwv.org’ wird der Live-Orgelklang mit elektroakustischen und voraufgenommenen Klängen von Orgel, Blasinstrumenten, Stimmen und außermusikalischem Material vermischt. Die Wahrnehmungsgrenze, woher die Klänge kommen, verschwimmt zunehmend: Was ist Orgelklang, was ist Elektronik? Mitterer schneidet diese Werke immer optimal auf den Raum zu, in dem sie zum Klingen geraten. Unvorhergesehene Probleme wie ‘midi-Hänger’ oder ‘Orgelheuler’, der Alptraum eines Organisten, verändern die Interpretation, was Mitterer gerne in Kauf nimmt. Es wird deutlich, dass die Musik hier ganz Klangrede ist, weniger Spiel der Formen: direkte Ansprache des Künstlers an sein Publikum, das durch die Klänge des Instrumentes in jeder Faser des Körpers angesprochen wird. Die Redewendung ‘durch Mark und Bein gehen’ wird hier direkt erfahrbar.

Das Stück ‘vox acuta’, wie alle anderen Werke Liveaufnahmen aus dem Jahre 2004 in Darmstadt, ist das beste Beispiel für das oben erwähnte Prinzip der offenen Form: ein ursprünglich genau notiertes Werk (eine Abbildung im Booklet gibt Aufschluss über die höchst komplexe Gestalt dieser Musik) verselbständigte sich bei der Aufführung nicht nur durch kurzweilige Tastenhänger: so wird daraus eine wilde Improvisation ‘mit scharfen stimmen (vox acuta) via mixturen, quinten und kleinsten Orgelpfeifen, quer über alle manuale.’

Dass eine solche Musik ein anderes Hören verlangt als genussvolles oder beiläufiges Lauschen ‘klassischer’ Musik, ist klar. Doch wer sich die Zeit nimmt, genau hinzuhören, wird hier eine ganz neue Erfahrung machen: Musik als etwas, das den ganzen Menschen anspricht, das Auge und Ohr erwachen lässt. Schönheit erscheint als relativ in einem neuen Kontext, der lehrt, sich in seinem eigenen akustischen Umfeld neu zu definieren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Internationale Ferienkurse für Neue Musik 2004: Wolfgang Mitterer

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
20.10.2006
Medium:
EAN:

SACD
4099702061521


Cover vergössern

col legno

Welche Produktion von col legno Sie auch vor sich haben, eines ist gewiss: bunt wird sie sein und außergewöhnlich. Wir widmen uns herausragender Musik der Gegenwart und den Visionen ihrer Protagonisten.

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert. Seit 2015 ist Andreas Schett alleiniger Inhaber des Labels.

col legno - new colors of music

 


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag col legno:

  • Zur Kritik... Trauermarschheiterkeit: Das Ensemble Franui setzt sich mit der Musik Franz Schuberts auseinander. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Er-Hörung vor dem Beethoven-Jahr: Wolfgang Mitterer gießt Alltagsgeräusche in Kunst. Dann schneiden Holzarbeiter streng nach einer Partitur und Hackbrettspieler klettern mitten in eine Sägemaschine. In 'Nine In One' bringt er auf seine unorthodoxe Weise Beethoven zum Klingen. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Intensiv: Das Alea Saxophone Quartet versammelt erstmals alle Werke Arvo Pärts dieser Quartett-Besetzung auf einer CD, raumgreifend und mit viel Verständnis für dessen einzigartige musikalische Sprache. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
blättern

Alle Kritiken von col legno...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Stupende Qualität: Buxtehude, Teil zwei: Die Qualität der Interpretation ist angesichts der Diskografie Friedhelm Flammes keine Überraschung. Eine Gesamteinspielung, die trefflich gerät und von Belang ist. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Scharfe Proportionen: Boris Giltburg mit frühem Beethoven Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Baskische Schmuggler und tanzende Satyre : Die Suiten aus 'Ramuntcho' und 'Cydalise et le Chevre-pied' des Impressionisten Gabriel Pierné verzaubern in der Wiedergabe durch Darrell Ang und das Orchestre National de Lille. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich