> > > Brahms, Johannes: Sonate Nr. 3 in f-Moll op. 5
Mittwoch, 18. September 2019

Brahms, Johannes - Sonate Nr. 3 in f-Moll op. 5

Perfektion und Temperament


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In Sheila Arnolds Spiel vereinigt sich bewundernswerte Perfektion in der Klang- und Formgestaltung mit glühend-feurigem Temperament.

Der Klavierpädagoge Karl-Heinz Kämmerling zählt ohne Zweifel zu den einflussreichsten Gestalten im europäischen Wettbewerbs-Bussiness. Und das seit Jahrzehnten. Aufstrebende, erfolgsorientierte junge Pianisten sind nach wie vor gut beraten, Kämmerling als Lehrer in ihrem Lebenslauf anzugeben – es könnte beim nächsten Wettbewerb von Vorteil sein.

Doch trotz zahlreicher Wettbewerbserfolge haben sich nur wenige seiner Langzeitschüler im internationalen Konzertleben dauerhaft etablieren können. Woran mag das liegen? Schadet der jahrelange Wettbewerbstourismus der eigenen Persönlichkeitsentwicklung? Bringt die Wettbewerbsmaschinerie einen bestimmten Typus von Musiker hervor, der gleichförmige Perfektion auf Knopfdruck leistet, auf dem freien Musikmarkt aber kaum gefragt ist? Einen Typus von Musiker, dem das Besondere, Einzigartige, Polarisierende fehlt? Wie schwer es ist, sich von Kämmerling und dem Wettbewerbskarussell zu emanzipieren, hat die ehemalige Kämmerling-Schülerin Ragna Schirmer eindrucksvoll in Interviews beschrieben. Aber Schirmer hat es geschafft. Seit 2000 ist sie als Exklusivkünstlerin bei Berlin Classics erfolgreich und wird mit jeder neu erscheinenden CD bekannter. Wie schade, dass der gebürtigen Inderin Sheila Arnold - ebenfalls eine ehemalige Kämmerling-Schülerin - ein ähnlicher Durchbruch bisher verwehrt geblieben ist. Ihre aktuelle CD mit Werken von Brahms und Clara Schumann könnte Arnold allerdings helfen, wichtige Türen zu öffnen (Avi-Music, 2006).

In Sheila Arnolds Spiel vereinigt sich bewundernswerte Perfektion in der Klang- und Formgestaltung mit glühend-feurigem Temperament. Diese spannungsreiche Mixtur macht ihre Interpretation der Brahms-Sonate op. 5 zu einem besonderen Hörerlebnis. Bei Sheila Arnold prallen Beethovensche Formstrenge und Schumannsche Phantastereien, analytische Präzision und ausufernde Gefühlsströme aufeinander. Der gipfelstürmende Elan und die schwärmerisch-romantische Gesinnung des jungen Brahms kommen dadurch ebenso zur Geltung wie die klassizistische Konstruktion des thematischen Materials.

Zwischen diesem reifen Frühwerk und Brahms’ späten Klavierstücken op. 119 platziert Sheila Arnold die nahezu unbekannte h-Moll-Romanze von Clara Schumann. Es handelt sich hierbei um eine sehr persönliche Erinnerung Claras an das Hauptthema der langsamen Sätze aus Brahms’ f-Moll-Sonate. Diese Romanze, mit ‘Liebendes Gedenken – Clara’ unterzeichnet, sagt mehr über die Beziehung von Clara Schumann und Brahms aus als viele Bücher zu diesem Thema. Sheila Arnolds behutsamer, weicher Anschlag, ihre gleichsam improvisierten Rubati und ihre intuitiven Pedalzaubereien veredeln dieses hochemotionale, weibliche Seelenbekenntnis. Angesichts der hölzernen Interpretationen von Konstanze Eickhorst (cpo, 1986) und Susanne Grützmann (Aperto, 1997) ist Sheila Arnolds Einspielung ein großer Gewinn.

Den unbestreitbaren interpretatorischen Höhepunkt der CD bildet jedoch Brahms’ Op. 119. Das erste Intermezzo leuchtet Sheila Arnold bis ins kleinste Detail aus und schafft gerade dadurch paradoxerweise eine geheimnisvoll-verrätselte Atmosphäre. Intime Expressivität und kontrollierte Versunkenheit mischen sich mit einer eigenwillig-präzisen Artikulation. Als ‘traurig-süß’ hat Clara Schumann diese Komposition, die sie besonders liebte, bezeichnet. Sheila Arnold trifft diesen charakteristischen Ton ähnlich genau wie ihr Kollege Stephen Kovacevich (Philips, 1983). Hier wie auch in den übrigen Stücken erweist sich Sheila Arnold als Meisterin des Pedals. Sie verwendet es sparsam und wohldosiert, erzeugt wunderbar schwebende Klänge, die die musikalische Schwerkraft außer Kraft zu setzen scheinen. Im Gegensatz zu Radu Lupu, der mit impressionistischen Klangwolken experimentiert (Decca, 1991), bleiben bei Sheila Arnold die polyphonen Strukturen jedoch stets durchhörbar. Es ist überraschend, wie die Pianistin das dritte Intermezzo mittels souverän aufblitzender Virtuosität in ein gewitztes Kabinettstück verwandelt – das macht ihr so schnell keiner nach.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Felix Stephan,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sonate Nr. 3 in f-Moll op. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
02.08.2010
60:32
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4260085530489
553048


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Interpret(en):Eickhorst, Konstanze (Klavier)


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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