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Samstag, 6. März 2021

Vivaldi, Antonio - 12 Sonaten

Ein bedeutendes Sonaten-Manuskript


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In geigerischer Hinsicht fällt der Vergleich sehr positiv aus: Biondis Spiel erweist sich durchweg als nuanciert und überlegt.

Seit geraumer Zeit weiß man, dass die bemerkenswertesten und originellsten Zeugnisse von Antonio Vivaldis Komponieren weniger in seinen gedruckten Sammlungen, sondern innerhalb der handschriftlichen Werkbestände zu finden sind. Als Beispiel hierfür können die nach ihrem heutigen Aufbewahrungsort Manchester benannten ‘Manchester-Sonaten’ für Violine und Basso continuo gelten. Diese zwölf Sonaten, deren Entstehung sich auf die Zeit nach 1720 datieren lässt, gingen aus der Sammlung des Kardinals Pietro Ottoboni Anfang der 1740er-Jahre in den Besitz des Händel-Librettisten Charles Jennens über und fanden schließlich 1965 ihren Weg in die Manchester Public Library. Gegenüber Vivaldis zu Lebzeiten publizierten Sonatensammlungen op. 2 (1709) und op. 5 (1716) zeigen die allesamt viersätzigen Werke des Manchester-Manuskripts ihre spätere Entstehung in der spezifischen Stilistik des Komponierens, etwa in der kantablen Ausprägung rascher Sätze, in den betont schmucklose Bassstimmen oder in der immer wieder aufblitzenden harmonischen Schärfe.

Geigerischer Vortrag

Vivaldis außergewöhnliche Violinsonaten liegen nun in einer Einspielung mit Fabio Biondi (Violine), Rinaldo Alessandrini (Cembalo und Orgel), Rolf Lislevand (Theorbe und Gitarre), Maurizio Naddeo (Violoncello) und Paolo Pandolfo (Kontrabass) auf einer Doppel-CD bei Arcana vor, deren Aufnahmedatum freilich auf das Jahr 1991 zurückgeht. Die Behauptung im ansonsten hervorragenden, vom Vivaldi-Spezialisten Michael Talbot verfassten Booklettext, es handele sich hierbei um die erste Gesamteinspielung des Manchester-Manuskripts ist jedoch unrichtig, denn es existiert eine 1991 aufgenommene und 2002 bei harmonia mundi veröffentlichte Einspielung mit dem Ensemble Romanesca, prominent besetzt mit dem Geiger Andrew Manze, dem Lautenisten Nigel North und dem Cembalisten John Toll. Mit dieser Referenzaufnahme muss Biondis Interpretation konkurrieren.

In geigerischer Hinsicht fällt der Vergleich sehr positiv aus: Biondis Spiel erweist sich durchweg als nuanciert und überlegt. Während er der Musik in den ruhigen Sätzen Raum zum atmen lässt und sie bei den Wiederholungen mit viel Sinn für ornamentale Feinheiten ausziert, überzeugt er in den schnellen Sätzen durch präzises und virtuoses Spiels, dessen Artikulationsreichtum der Interpretation den sprachähnlichen Duktus der barocken Tonsprache verleiht und die unterschiedlichen Satzcharaktere sehr gut realisiert. Im direkten Vergleich des Vortragsstils wirkt seine Einspielung daher ebenso überzeugend wie die von Manze, obgleich beide Interpretationen sich in vielen Details voneinander unterscheiden und die jeweils individuelle Auffassung beider Musiker durchscheinen lassen. Rätselhaft ist für mich allerdings, warum Biondi die Sonaten nicht in der Reihenfolge des Manuskripts eingespielt hat: Seine Anordnung lässt weder ein bestimmtes System erkennen, noch ist sie von den Einschränkungen der maximalen Spieldauer der einzelnen CDs diktiert.

Instrumentation

Die eigentlichen Probleme der Aufnahme liegen jedoch in anderen Bereichen: Die Vielfalt der verwendeten Continuoinstrumente – als harmonietragende Instrumente stehen neben Cembalo bzw. Orgel auch Theorbe bzw. Gitarre zur Verfügung, als Bassinstrumente dienen Violoncello und Kontrabass – ist beachtlich und verspricht einen klangfarbenreiche Umsetzung. Dass das Ergebnis dann aber in der Praxis enttäuscht, lliegt daran, dass die Instrumente kaum im Sinne klanglicher Differenzierung eingesetzt werden. Meist spielen Tasten- und Zupfinstrument gemeinsam, die beiden Bassinstrumente werden vorwiegend gleichzeitig eingesetzt, so dass sich neben einer dichten, allzu massiven Begleitstruktur eine mitunter erheblich störende Basslastigkeit ergibt, was insbesondere bei zarten Kopfsätzen wie dem ‘Preludio’ aus der Sonata d-Moll RV 12 äußerst störend wirkt.

Auch wenn die vierteilige Continuo-Gruppe durch ein präzises Zusammenspiel der Instrumente überzeugt und damit die optimale Grundlage für eine adäquate Entfaltung des Violinparts gewährleistet, werden hier in musikalischer Hinsicht Chancen verpasst. Die Option, in einzelnen – insbesondere in den langsamen – Sätzen der Sonaten eine kontrastierende Instrumentation einzusetzen, auf den Bass zu verzichten oder gar innerhalb der Sätze verschiedenen Abschnitten unterschiedliches musikalisches Profil zu verleihen, wird schlichtweg nicht wahrgenommen. In dieser Beziehung ist die Einspielung von Romanesca trotz ihres generellen Verzichts auf Streicherbässe wesentlich farbiger, da dort Cembalo und Laute (bzw. Theorbe und Gitarre) immer im Sinne hoher klanglicher Differenzierung eingesetzt werden. Hinzu kommt der Umstand, dass bei der Verwendung der Orgel als Continuo-Instrument in Biondis Einspielung die Intonation der Streicher leidet, so besonders deutlich in der Sonata g-Moll RV 757.

Klang

Auch die dynamische Differenzierung der Musik bleibt manchmal ein wenig unbefriedigend und beschränkt sich meist auf einfachste Echowirkungen, während der eigentliche Abwechslungsreichtum der Musik überwiegend der – freilich in höchstem Maße überzeugenden – Verzierungskunst Biondis zu verdanken ist. Der Aufnahmeort, das Arsenal in Metz, unterstützt die Wirkung der Sonaten in klanglicher Hinsicht und sorgt für leichten und angenehmen Nachhall. Allerdings wirkt das Klangbild insgesamt zu direkt und wird zudem durch das geräuschvolle Atmen Biondis bisweilen empfindlich gestört. Auch hier lohnt ein Blick auf die Romanesca-Einspielung, deren klangliche Präsenz ohne Nebengeräusche auskommt und dennoch viel durchsichtiger wirkt. So hat Biondi zwar eine vom geigerischen Standpunkt aus hervorragende Aufnahme von Vivaldis Sonaten vorgelegt, die jedoch an sehr vielen Details krankt, so dass sie meiner Meinung nach der Manze-Einspielung nicht das Wasser reichen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivaldi, Antonio: 12 Sonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
2
22.09.2006
Medium:
EAN:

CD
3464858024224


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Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


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