> > > Die Tagebücher des Dr. Ralph Benatzky: Berlin, Wien, New York, Hollywood 1924-1946
Sonntag, 20. Oktober 2019

Die Tagebücher des Dr. Ralph Benatzky - Berlin, Wien, New York, Hollywood 1924-1946

Wer nicht lesen will kann hören


Label/Verlag: duo-phon classic
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gut zu hören, Anregung zum Weiterlesen, Eröffnung neuer Zugänge zur Größe sogenannter ?kleiner? Kunst. Spannende Zeitgeschichte, authentisch in der persönlichen Sicht.

Hörbuch stimmt nicht ganz. Es sind Hörbilder, die Kevin Clarke in Form knapper hörspielartiger Wortszenen zusammengestellt hat. Und das, so möchte ich hinzufügen, ist auch gut so. Der Reihe nach.
Im Jahre 2002 erschien im Berliner Parthas Verlag, von Inge Jens und Christiane Niklew herausgegeben, ein attraktiver Band von über 400 Seiten mit einer Auswahl von Tagebucheintragungen Ralph Benatzkys. Dem einleitenden Text zur Edition von Inge Jens ist zu entnehmen, dass Benatzkys Journale aus den Jahren 1919 bis 1957 gut 2000 Seiten umfassen und zusammen mit den persönlichen Niederschriften von Ereignissen, Eindrücken und Zeitreflexionen eigentlich so etwas wie Arbeitsjournale, in die freilich sehr persönliche bisweilen intime Details des hochsensiblen Menschen eingeflossen sind, darstellen. Dabei ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass dem Autor für die unterschiedlichsten persönlichen Eindrücke aus Kunst, Gesellschaft, Politik jeweils angemessene Stilmittel zur Verfügung stehen. So können neben sehr ausführlichen Betrachtungen, mal sachlich oder auch ironisch, ganz knappe fetzenartige Notizen stehen, die augenblicklicher Stimmung entsprechen mögen. Benatzky hat das Zeug zum Reporter, er hat aber auch die Melancholie des Zeitbetrachters und er hat vor allem immer wachen Sinn und scharf gespitzte Ohren, die Töne der Zeit zu vernehmen, dazu kommen immer wieder die des eigenen Herzens. Selbstmitleid kennt der Autor nicht, wiewohl er sich als Menschen mitunter sehr klein schildert. Da gibt es eine Beschreibung vom Blick auf das eigene Bild des alten Mannes im Spiegel, mit dem das Weiterleben eben nur möglich ist, wenn an anderen Stellen das Vertrauen in die eigene künstlerische Potenz und Urteilskraft kräftigere Konturen erhält. Der große Meister kleiner Formen war promovierter Germanist und wurde durch ein Werk weltberühmt, zu dem er eine eher distanzierte Haltung hatte. Ralph Benatzkys Name steht fast immer im Zusammenhang mit einem bis heute so berühmten wie missverstandenen Stück des Musiktheaters. Wer Benatzky sagt, sagt zumeist auch ‘Das weiße Rössl’.

Hörbuch und Ausgabe der Tagebücher entfalten je auf ihre spezifische Art ein wesentlich facettenreicheres Bild des bedeutenden Mannes, der 1884 in Mährisch-Budweis geboren wurde und 1957 in der Schweiz starb. Hörbuch und Tagebuchausgabe enden mit der Ankunft nach dem amerikanischen Exil. Sowohl das Booklet zum Hörbuch, als auch der knappe biografische Abriss in der Buchausgabe weisen darauf hin, dass ein gebrochener Mensch zurück kam. ‘Ralph Benatzky, vertrieben aus einem Land, das nicht reif für ein gesittetes Miteinander war, fand, als Heimkehr wieder möglich war, nicht mehr zurück.’ (Inge Jens) Die Texte des Exils nehmen im Hörbuch den größten Raum ein. Als nahliegendes Wortspiel bezeichnet Benatzyky sein Tagebuch auch als ‘Klagebuch’. Zuerst bleibt dem überwältigten, geretteten Ankömmling ‘die Spucke’ weg, aber nicht lange, dann ist die Kehle trocken, die Seele ausgedörrt, das Herz eingeschnürt.

‘Ist, so müssen wir bei der Lektüre von Benatzkys Tagebüchern fragen, die Einsamkeit in der Emigration, Verlorenheit und herzzerreißende Wehmut je so inständig, poetisch und präzise zugleich beschrieben worden wie in diesen Diarien, in denen die Tristesse der Gegenwart durch die visionäre Beschwörung einer Friedenswelt, den Traum vom verloren geglaubten, aber unverlierbaren Paradies konterkariert wird.’ (Inge Jens) 

Kevin Clarkes Dramaturgie des Hörbuches hält sich nicht an die Chronologie. Dem abschließenden Exilkapitel sind die Klang- und Sprachbilder über ‘Das Berlin der Wilden 1920ger Jahre’, ‘Politik und der deutsche Nationalcharakter’ sowie ‘Musik und Kunst’ vorangestellt. So entfaltet sich der denkende, fühlende, aber auch sich ängstigende und in scheinbaren Hochmut flüchtende Geisteskosmos eines so ironischen, wie genauen und dabei immer wieder melancholischen, Zeitzeugen.

Ob bei der mitreißenden Schilderung des Berliner Sechs-Tage-Rennens, schwuler Subkultur um 1924 oder Pleiten in Deutschland, wirtschaftlich und moralisch, hellsichtiger Einschätzung dessen, was eine Hitler-Rede 1933 wissen lassen kann, den spitzen und intelligenten Einschätzungen der Kunst aus eigener Feder und vor allem aus fremder, man kann sich der Authentizität der Texte nicht entziehen. Der mitunter stark einfühlende, interpretierende, auch leicht aufgeschäumte Vortrag durch den Schauspieler Günter Barton, wird etlichen Hörenden willkommen sein, andere sehnen sich – ich gehöre dazu – angesichts der sprachlichen Prägnanz der Vorlage nach mehr Sachlichkeit des Lesenden um den eigenen Bildern, dem Hörtheater im Kopf, größeren Raum zu lassen. Die musikalischen Beigaben sind sparsam, nicht vornehmlich der ‘Klang zum Wort’.

Das Hörbuch und die Ausgabe der Tagebücher existieren unabhängig voneinander. Ich denke aber es wird mehreren Hörenden wie mir gehen, das Hörbuch regt an, das Buch zu lesen, der Gesamteindruck ist erst der ganze Gewinn. Zudem werden Blick und Hören kritischer sein, wenn das nächste weiße Rössl über eine Bühne galoppiert. Wer in dieser Hinsicht die Kriterien der Rezeption erweitern möchte, dem sei der Band 133/134 der Reihe Musik-Konzepte empfohlen. (edition text + kritik, München VIII/2006) Unter dem Titel ‘Im weißen Rössl – zwischen Kunst und Kommerz’ finden sich lesenswerte – für Theatermacher und Kritiker beherzigenswerte – Aufsätze von so renommierten Fachleuten wie Norbert Abels, Ralf Waldschmidt, Marita Berg, Eugen Semrau, Jens-Uwe Völmecke, Richard Norton und Manuel Brug. Kevin Clarke betrachtet Aspekte der Aufführungspraxis des Stückes und er führt mit Inge Jens ein Gespräch über ihre Ausgabe der Tagebücher unter dem Titel ‘Triumph und Tristesse’.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Die Tagebücher des Dr. Ralph Benatzky: Berlin, Wien, New York, Hollywood 1924-1946

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
duo-phon classic
1
13.07.2005
Medium:
EAN:

CD
4012772071238


Cover vergössern

duo-phon classic

Wenn der kubanische Gitarrist Joaquín Clerch seine Gitarre streichelt, schlägt und zupft, zaubert er konzertante Töne auf höchstem Niveau. Der u.a. am Salzburger Mozarteum ausgebildete, vielfach preisgekrönte Saiten-Virtuose gilt als führender Gitarrist seiner Generation. Mit den Brandenburger Symphonikern hat er sein lineares Solo-Gitarren-Spiel und seine melodische Klarheit in einen ausdrucksstarken neuartigen Klangkörper überführt. Das Ergebnis ist jetzt erstmalig und einmalig auf einem edel rot-golden gestalteten Doppel-CD-Album zu hören, das als erste Veröffentlichung des neuen Labels duo-phon classic erscheint. Darauf brilliert Joaquín Clerch mit eigenen Kompositionen und Interpretationen von Rodrígo, de Falla, Walton, Strawinsky als Weltstar unter Weltstars. Denn die ihn begleitenden Symphoniker des Theaters Brandenburg an der Havel haben seit ihrer Ernennung zum deutschen „Orchester des Jahres“ 2002 auf Tourneen nach Amerika, Japan, Südafrika und China internationale Meriten gesammelt.

duo-phon classic bietet dem Brandenburger Symphonie Orchester und seinen 53 Mitwirkenden unter Leitung von Michael Helmrath erstmals eine Plattform, seine außergewöhnlichen Crossover-Projekte mit internationalen Solisten auf Tonträger zu veröffentlichen. Was aufgrund des enormen technischen Aufwands live nur ein- bis zweimal im Jahr zu realisieren ist, wird mit Unterstützung des Landes und der Stadt Brandenburg und aus Mitteln der Europäischen Union jetzt auf duo-phon classic einem größeren Publikum zugänglich gemacht.

Dazu gehört auch die einzigartige Zusammenarbeit der Brandenburger Symphoniker mit dem indischen Violinisten Lakshminarayana Subramaniam. Der 61-jährige Komponist und Dirigent ist weltweit bekannt für seine zwischen der südindischen Traditionsmusik Raga und europäischer Klassik changierenden Werke. Er gilt sowohl als „der Paganini klassischer indischer Musik“ wie auch als „indischer Menuhin“. Als Filmkomponist wirkte er u.a. an Bollywood-Klassikern wie „Salaam Bombay“ und dem Welterfolg „Little Buddha“ mit. Auf der zweiten Doppel-CD von duo-phon classic bringt er seine „Freedom Symphonies“ und „Global Symphonies“ in ein spannendes Wechselspiel mit den Brandenburger Symphonikern.

Weitere Veröffentlichungen unter duo-phon classic:

Chormusik von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) „Loreley“, op. 98 (unvollendete Oper) & Die erste Walpurgisnacht, op. 60

Sinfonischer Chor der Singakademie Potsdam, Deutsches Filmorchester Babelsberg / Leitung: Thomas Henning

„Mord auf dem Säntis“ - Kammeroper von Noldi Adler und Friedrich Schenker - Libretto von Christoph Nix

Ein Auftragswerk des Theater Konstanz in Zusammenarbeit mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz und DRS2 Live-Mitschnitt im Rahmen des 23. Internationalen Bodenseefestivals 2011

duo-phon classic, viertes Sub-Label unter dem Dach des 1995 von Inhaber Alfred Wagner gegründeten duo-phon Labels mit seinen mittlerweile über 300 Veröffentlichungen!

Cantica – Musik der Ostkirchen, hat sich zum Ziel gesetzt, das nach Umfang und künstlerischem Gehalt reiche und zu großen Teilen noch nicht erschlossene Musikschaffen der orthodoxen Kirchen Osteuropas und des Nahen Ostens erschließen zu helfen. Die Edition umfasst Gesänge zu den wichtigsten orthodoxen Feiertagen, informiert über frühe Gesänge der nationalen Kirchen, zeigt die verschiedenen Stilrichtungen, macht bekannt mit den bedeutendsten Komponisten orthodoxer Musik (darunter die erste Gesamtausgabe der geistlichen Werke Rimski-Korsakows) und stellt einige der besten Chöre dieser Länder vor.

In der Edition Berliner Musenkinder werden seit dreizehn Jahren Schellack-Schätze digitalisiert für den Markt der Jetztzeit erschlossen, darunter bis dahin nicht mehr zugängliche Originale von Claire Waldoff, Otto Reutter oder Richard Tauber. Die Revitalisierung der Unterhaltungsklassiker von Weimarer Tagesschlagerkomponisten wie Mischa Spoliansky und Werner Richard Heymann durch duo-phon records hat zu einer Wiederentdeckung dieser und anderer in Vergessenheit geratenen Komponisten und Texter der leichten Muse geführt.

Ein Ohr am Puls der Zeit beweist duo-phon mit der ebenfalls fortlaufenden Edition Berliner Musenkinder Spezial, in der Chansonsänger von heute, die an die Traditionen der 20er und 30er Jahre anknüpfen und innovativ über sie hinausweisen, vorgestellt werden. Dazu gehören Künstler wie Judy Winter, die mit dem Musical „Marlene“ und der gleichnamigen CD für Furore sorgte und Travestiestar Georg Preuße alias „MARY“.

Erfolgreichstes Bindeglied zwischen historischen und heutigen Künstlern auf dem duo-phon Label sind die „Berlin Comedian Harmonists“, neu formiert nach dem Vorbild der ersten Boy Group der Weimarer Republik. Deren erste CD „Veronika, der Lenz ist da“ wurde über 40.000 Mal verkauft.

Seit vier Jahren existiert die dritte Reihe des duo-phon record Labels: Musenkinder Hörbuch. In diesem Segment werden aufwändige Hörspiele etwa zur Entstehungsgeschichte der „Dreigroschenoper“ produziert und wie auf der von Kabarettforscher Volker Kühn herausgegebenen, mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2007 ausgezeichneten Doppel-CD „Mit den Wölfen geheult-Von leichter Muse in schwerer Zeit“, auch kritische Hinterfragungen der „Bombenstimmung“ der 30er Jahre veröffentlicht.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag duo-phon classic:

  • Zur Kritik... Brecht in Wort und Ton: Duophon bietet hier eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Texten aus der Feder Bertolt Brechts, mal vertont, mal gesprochen. Aber durchweg reizvoll. Weiter...
    (Konstantin Parnian, )
  • Zur Kritik... Top statt Flop: Was Sie schon immer über Entstehung und Aufführung der 'Dreigroschenoper' wissen wollten. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Dichter und eruptiver Chorklang: Rimskij-Korsakows unbekannte geistliche Chorwerke in einer authentisch wirkenden, manchmal aber klanglich zu dichten Interpretation durch den Moskauer Chor Blagovest. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von duo-phon classic...

Weitere CD-Besprechungen von Boris Michael Gruhl:

blättern

Alle Kritiken von Boris Michael Gruhl...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Besser ungewohnt als traditionell: Mit dem Violinkonzert von Einojuhani Rautavaara scheinen sich die Musiker hier wohler zu fühlen als bei Sibelius. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Unbekanntes aus England: John Eccles und Gottfried Finger waren produktive Komponisten für Schauspielmusiken für das New Theatre Lincoln's Inn in London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Das alternative Brahms-Erlebnis mit Otto Klemperer: Bevor Otto Klemperer die Brahms-Symphonien für EMI in London im Studio einspielte und damit einen Meilenstein der Brahms-Diskografie schuf, dirigierte er die Vierte 1957 live in München. Jetzt wurde der Mitschnitt neu remastered auf CD veröffentlicht. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jacques Offenbach: Le Royaume de Neptune - L'Orage

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich