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Dienstag, 2. März 2021

Christian Petersen - Variationen von Brahms, Mendelssohn, Beethoven

Unentschlossenheit in allen Variationen


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein imponierendes, massives Opus ist besonders die Brahmssche Komposition mit 25 Variationen und einer apotheotischen Schlussfuge.

Einen wahrhaftigen Heroen am Klavier erfordert dieses Programm: Der Pianist Christian Petersen hat sich für das Label Genuin drei große Variationszyklen vorgenommen. Neben den Händel-Variationen von Johannes Brahms und den Variations sérieuses von Felix Mendelssohn-Bartholdy, spielt er die sogenannten Eroica-Variationen von Ludwig van Beethoven.

Ein imponierendes, massives Opus ist besonders die Brahmssche Komposition mit 25 Variationen und einer apotheotischen Schlussfuge. Dabei sind Petersens Stärken offenbar ganz andere. Zu überzeugen vermag der Pianist besonders in den dolce-Variationen und dort, wo die geschmeidige Eleganz seines Spiels zur Geltung kommt. Die 21. Variation etwa kommt in der Interpretation Petersens federleicht daher: Pianissimo und mit fein nuancierter Agogik. Ein perfekt dosierter Pedaleinsatz ist hier ebenso zu bestaunen wie in der in Legatooktaven gehaltenen sechsten Variation. Häufig betont Petersen in Wiederholungen Unter- und Nebenstimmen, der dichte Klaviersatz bleibt stets transparent. Besitzt sein Spiel also bedeutende Qualitäten, so hätte man dennoch, gerade bei Brahms, etwas Anderes erwartet. Vielleicht ist es mangelnde Entschlossenheit, die den Hörer ein wenig unbefriedigt lässt. In den Noten jedenfalls wimmelt es von Vortragsbezeichnungen wie risoluto, energico oder vivacità, Petersen jedoch relativiert solche Vorschriften und glättet somit die Ruppigkeit vieler Variationen.

Darf man zeitgenössischen Berichten glauben, so pflegte Brahms als Pianist gerne ordentlich kraftvoll über die Klaviatur zu pflügen, und dies merkt man seinen Klavierkompositionen mit ihrer hohen Dichte und Komplexität des Satzes, den massiven, vollgriffigen Akkorden im Bass sowie den großen Sprüngen auch durchaus an. Im Idealfall haben Interpretationen seiner größeren Werke etwas Unerbittliches, und auch in seinem op. 24 gibt es oft Steigerungen, die sich über mehrere Variationen hinziehen, etwa die letzten drei Variationen, die dann von der Schlussfuge gekrönt werden. Petersen scheint hingegen ganz bewusst alles Rauschhafte zu vermeiden. Seine Dynamik ist letztlich nach oben hin relativ begrenzt und seine Tempi eher ruhig, so dass der gesamte Zyklus über eine halbe Stunde dauert. Man könnte streiten, ob dem Werk, so interpretiert, nicht vielleicht doch etwas Wesentliches fehlt.

Ein wenig anders liegt der Fall bei Beethovens fünfzehn Variationen und Fuge in Es-Dur op. 35. Das Werk ist von überwiegend verspielt-heiterem Charakter, sinkt gelegentlich in düstere Stimmung ab, jedoch fehlt ihm weit gehend das forsche, monumentale Element. Christian Petersen scheint hier eher in seinem Metier. Mit glänzender Virtuosität meistert er den ebenfalls gewichtigen Zyklus bravourös. Leider kommt hier zur ohnehin nicht ganz optimalen Klangtechnik der Aufnahme, die den Flügel ein wenig wie aus der Ferne und mit leicht grummelndem Bass wiedergibt, ein leises, aber störendes Knacken in den letzten Variationen. Das ohnehin bescheidene Beiheft, dessen Texte für Laien etwas zu kompliziert sind, verschweigt zudem, dass Beethoven das Thema der Variationen zuvor bereits zweimal in anderen Werken verwendet hat. Seine dritte Symphonie, die Eroica, wurde jedoch erst später komponiert, so dass die populäre Bezeichnung ‘Eroica-Variationen’ eigentlich irreführend ist.

In Felix Mendelssohn Bartholdys Variations sérieuses schließlich herrscht vollends das virtuose Moment vor. Ein wahres Feuerwerk kann hier in den letzten beiden Variationen abgebrannt werden, was jedoch in der Interpretation Petersens nur bedingt geschieht. Wiederum ist die Dynamik nach oben gedeckelt und die Tempi zwar beileibe nicht langsam, aber doch relativ gemäßigt. Vor allem jedoch verschwimmen die zahlreichen Kaskaden effektvoller Staccatoakkorde durch starken Pedaleinsatz. Insgesamt erscheint dadurch das Temperament der Komposition etwas ausgebremst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Christian Petersen: Variationen von Brahms, Mendelssohn, Beethoven

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
25.08.2006
Medium:
EAN:

CD
4260036250763


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

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