> > > Reger, Max: Variationen und Fuge über ein Thema von Johann Sebastian Bach op. 81
Samstag, 6. Juni 2020

Reger, Max - Variationen und Fuge über ein Thema von Johann Sebastian Bach op. 81

Harmonisch dissonierend


Label/Verlag: Salycus Music Productions
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser Einspielung nimmt sich Seibert die Freiheit, Bach mit der Intensität eines Regers zu spielen.

Kaum ein Komponist der Jahrhundertwende um 1900 hatte sich so intensiv mit den kompositorischen Mitteln des bereits 150 zuvor verstorbenen Johann Sebastian Bach auseinandergesetzt wie Max Reger. Aber nicht, um diesen Stil wieder aufleben zu lassen, sondern vielmehr um eine konsequente Fortsetzung für die musikalische Vergangenheit zu schaffen. Und in der Tat, Musikkritiker, Musikschriftsteller und Komponisten der Weimarer Republik und sogar der Nachkriegszeit waren überzeugt, dass Reger, anders als Richard Strauß oder Gustav Mahler, der eigentliche Komponist gewesen wäre, der die Musik sicher in das 20. Jahrhundert hätte begleiten können. Reger verband die zeitgenössische Musikauffassung mit der sicheren Handhabung des Handwerkszeugs eines Tonsetzers, eben so wie Bach einer war. Harmonieverläufe, melodische Wendungen, Variationstechniken wurden von Max Reger zur vollendeten Meisterschaft gebracht.

Diese naheliegende Beziehung zwischen Bach und Reger mag einem Betrachter des 21. Jahrhunderts als eine Aufforderung zum direkten gegenüberstellen auf einer Aufnahme vorkommen. Weniger, um sie zu vergleichen, da die anderthalb Jahrhunderte zwischen ihnen einen mehr als deutlichen Unterschied bedeuten. Wohl aber um Gemeinsamkeiten zu entdecken, Wurzeln und Früchte derselben Pflanze auszumachen. Und so ist es dem Pianisten Kurt Seibert gelungen, einen verbindenden Bogen zwischen der Chromatischen Fantasie und Fuge in d-Moll auf der einen Seite und den Variationen Regers über das Bachsche Thema auf der anderen Seite zu spannen. Bereits in der Entscheidung, die Fantasie und Fuge auf dem Klavier zu intonieren, stellt einen Brückenschlag dar, wird dieses Stück traditionell noch auf dem Cembalo eingespielt. Aus der Wahl des Instrumentes ergibt sich eine Reihe von Möglichkeiten, begleitet von der einen oder anderen Einschränkung.

Romantisches Barock

Mit einem Oktavlauf leitet Bach die Fantasie ein. Volltönend wird der Hörer auf die Musik eingestimmt. Aber anders als auf dem Cembalo stellt das Klavier diese Volltönigkeit bereits beim zweiten Lauf durch deutliche Zurücknahme in Frage. Die erste Entscheidung bezüglich der Interpretation wird auf diese Weise deutlich hervorgehoben, denn dynamische Differenzierungen dieser Art erlaubt das Cembalo nicht. Es verwundert daher nicht, dass Kurt Seibert sich diese Eigenschaft des Instruments zu nutze macht, um dem in der Idee bereits vielfarbigen Stück noch plastische Tiefe zuzufügen. Als wolle er diese Tiefe auskosten, hält er nach vielen kurzen Abschnitten inne, setzt Zäsuren, als wolle er Zeit zum Atmen geben. Statt sich nur auf die Virtuosität des Stückes zu konzentrieren, nimmt er sich die Ruhe, die ein Hörer benötigt, um der Musik zuhören zu können. Dass die Interpretation dadurch deutlich länger ist als vergleichbare Aufnahmen, ist kaum von Bedeutung. Mit dieser Einspielung nimmt sich Seibert die Freiheit, Bach mit der Intensität eines Regers zu spielen. Es kommt ein leicht romantisches Flair in der Barocken Komposition auf, was durchaus kritisch gesehen werden kann. Andererseits gibt es bereits viele ‘historische’ Interpretationen, warum nicht deutlich auf die Zukunft weisen, eine Zukunft, die Bach nicht ahnen konnte, die er aber deutlich mitformte.

Barocke Romantik

Eingestimmt auf die Variationen eines anderen Meisters des Kontrapunktes vernimmt man die Themenpräsentation mit fast schon barocker Ruhe. Dass der leicht sakral wirkende Ton des aus der Kantate Nr. 128 stammenden Themas bereits beim Vorspiel in der Begleitung mit romantischen Zügen versehen wird, ist eine für Reger typische Art, sich einem Werk auf eigene Weise zu nähern. Die ersten Variationen lehnen sich mit Verkleinerungen und Umspielungen noch stark an die Tradition an. Mit der dritten Variation Grave assai holt sich Reger die Freiheit, welche ein Spätromantischer Erbe Beethovens und Bachs benötigt. Seiberts orientiert sich an dieser Freiheit, setzt schwere Akzente neben leichte Figuration, ohne sich hinreißen zu lassen, die virtuosen Partien zu verschleiern. Statt dessen bietet er nicht selten die Gelegenheit, sich auf die neuen Abschnitte einzustellen, teils durch Zäsuren wie beim Bach, teils durch Variation im Tempo. Auf diese Weise vorbereitet kann man sich auf die abschließende Doppelfuge einlassen, in der sich Bachscher Kontrapunkt und Beethovensche Größe vereinigen. Fast unmerklich steigert sich die Musik immer weiter, um kurz zusammenzubrechen und wieder erneut zu wachsen. Mit pathetischem Gestus schließlich endet die Fuge und lässt den Hörer allein zurück.

Die Wahl des Instrumentes als auch einige der Entscheidungen bezüglich Tempo und Dynamik sind mit Sicherheit nicht immer als historisch korrekt anzunehmen. Aber darum ging es in dieser Einspielung auch gar nicht. Durch diese Aufnahme werden Zusammenhänge und Abhängigkeiten in der Musikgeschichte hörbar gemacht, wie sie sich sonst vor allem nur durch das intensive Notenstudium offenbaren. Zudem gibt es diese Aufnahme in einer wunderschönen Verpackung aus Karton, in modernem Design mit umfangreichen Texten in mehreren Sprachen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Richter Kritik von Thomas Richter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reger, Max: Variationen und Fuge über ein Thema von Johann Sebastian Bach op. 81

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Salycus Music Productions
1
46:15
2006
Medium:
BestellNr.:

CD
Salycus Nr.10


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klassik heute: "Im Spannungs- und Auffassungsfeld der unten angegebenen Alternativaufnahmen wage ich Seiberts Reger-Dokument vor allem in klang- und bewegungsphilosophischer Hinsicht in die oberste Etage zu plazieren ? in die Nähe zur Interpretation von Rudolf Serkin. Peter Cossé"


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Salycus Music Productions

Das Label Salycus ist das Klassik-Label des Musikverlages Saier&Hug Ltd.


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