> > > Burgmüller, Norbert: Sämtliche Werke für Pianoforte
Sonntag, 20. Oktober 2019

Burgmüller, Norbert - Sämtliche Werke für Pianoforte

Musikalische Trouvaillen aus Düsseldorf


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit gefühlvollem Anschlag spürt Koch in die Tief der Werke und deckt die große Komplexität der Burgmüllerschen Kompositionen auf.

Ein bewegender Nachruf erschien im August 1839: „Nach Schuberts frühzeitigem Tod konnte keiner schmerzlicher treffen, als der Burgmüllers...zwar kennen wir nur weniges von ihm. Dies wenige aber reicht hin, die Fülle und Kraft, die nun gebrochen, auf das Innigste betrauern zu müssen“. Ein würdigeres Denkmal hätte Robert Schumann dem mit gerade einmal 26 Jahren verstorbenen Norbert Burgmüller kaum setzen können.Und auch Felix Mendelssohn war vom Tod des ein Jahr jüngeren Kollegen so bewegt, dass er ihm einen Trauermarsch schrieb. Die Beerdigung fand unter großer öffentlicher Anteilnahme statt. Die Militärmusikkapelle spielte während des Trauerzuges durch die Stadt Mendelssohns „Marcia Funebre“.

Norbert Burgmüller wäre von diesen Ehren sicherlich sehr geschmeichelt gewesen, waren doch Schumann und ganz besonders Mendelssohn seine strahlenden Idole, nach denen er sich richtete. 1810 wurde er in Düsseldorf als Sohn des dortigen Musikdirektors geboren. Seine Mutter war Sängerin und Pianistin. Ab 1826 studierte er in Kassel bei Louis Spohr und wurde von adeligen Gönnern unterstützt. Doch schon bald sollte sich sein Glück wandeln, denn seine Verlobung mit einer damals bekannten Kasseler Opernsängerin zerbrach. Alkoholismus und epileptische Anfälle waren die Folge. Bald darauf kam es auch zum Bruch mit Spohr. Von dieser Krise sollte sich Burgmüller nie wieder ganz erholen. Er litt von nun an unter schweren Depressionen, die ihn immer wieder in seinem Schaffen lähmten. In Düsseldorf kann er eine kurze glückliche Zeit mit Mendelssohn verbringen, doch dessen Weggang bewirkt eine neuerliche Lebenskrise. Kurz bevor er zu seinem erfolgreichen Bruder Friedrich nach Paris ziehen kann, stirbt er in Aachen unter mysteriösen Umständen, die nie geklärt werden konnten.

Obwohl Burgmüller sich schnell in Musikerkreisen Anerkennung für seine Werke verschaffen konnte, blieb er jedoch der breiteren Öffentlichkeit unbekannt, was sich auch nicht nach seinem tragischen Tod ändern sollte. Trotz großer Lobeshymnen von Schumann, Mendelssohn und Brahms war und ist er nur unter Experten bekannt, die seine Werke ob ihres jugendlichen Sturm-und-Drang Charakters schätzen. Auf der Schwelle zwischen Klassik und Romantik stehend zeugt Burgmüllers Tonsprache von seinem außergewöhnlichen Können klassische Formen mit einem neuen, romantischen Ausdruck zu füllen.

Das Leben seines älteren Bruders Friedrich verlief dagegen absolut konträr. Fleißig und hart an seiner Karriere arbeitend machte er sich bald einen Namen als Klavierpädagoge und Komponist für seichte Salonmusik. Seine Werke fanden schnell in ganz Europa Verbreitung, trafen sie doch genau den Geschmack der Zeit nach einfacher Unterhaltung, die für jedermann mehr oder weniger nachspielbar war. Nach dem Tod des Bruders kümmerte er sich um dessen musikalischen Nachlass und veranlasste den Druck einiger Kompositionen. Doch auch dieses Engagement sollte Norbert Burgmüller nicht vor dem Vergessen retten.

Nun bemüht sich der auf historische Aufführungpraxis spezialisierte Pianist Tobias Koch um eine verdiente Burgmüller-Renaissance. Koch legt bei allen seinen Aufnahmen Wert auf ein originales Klangbild. So wählte er für die vorliegende Einspielung zwei historische Pianoforte aus der Sammlung Schloss Kremsegg in Österreich. Beide Flügel stehen in enger Beziehung zu den gespielten Kompositionen. So wird vermutet, dass Norbert Burgmüller seine Klaviersonate an einem Schwestermodell komponierte, da sich solch ein Wiener Flügel im Stadtpalais seines Gönners Graf von Nesselrode-Ehrenhoven befand. Die ausgewählten Kompositionen Friedrich Burgmüllers spielt Koch dagegen auf einem Flügel von Ignace Pleyel. Diese waren damals in vielen Pariser Salons zu finden. An der sorgfältigen Auswahl der Instrumente wird deutlich, mit wieviel Akribie und Detailwissen sich Koch an sein Burgmüller-Projekt gemacht hat. Hier spielt einer, der wirklich weiß, was er tut. Auch die mit Bedacht ausgewählte Zusammenstellung der Stücke überzeugt völlig. Neben Norbert Burgmüllers sämtlichen Stücken für Pianoforte finden sich der schon erwähnte „Marcia Funebre“zu Ehren Burgmüllers von Felix Mendelssohn und einige von Friedrich Burgmüllers anspruchsvolleren Kompositionen, wie die „Reveries op.41“, der „Valse Brillante“ op.106 und drei seiner Etüden.

Mit gefühlvollem Anschlag spürt Koch in die Tief der Werke und deckt die große Komplexität der Burgmüllerschen Kompositionen auf. Ferner scheint er ein untrügliches Gespür für die richtigen Phrasierungen zu besitzen. In Norbert Burgmüllers Sonate beeindruckt er mit einer höchst raffinierten Lesart, die zwischen sehnsuchtsvollem Vorwärtsdrängen und gedankenschwerem Nachsinnen schwankt. Doch auch dem oft als minderbegabten bezeichneten Friedrich gibt er genug Raum, dass sich die zwar plakativen aber auch sehr gefälligen Stücke gut entfalten können, ohne sie bloßzustellen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Burgmüller, Norbert: Sämtliche Werke für Pianoforte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
23.06.2006
Medium:
EAN:

CD
4260036250619


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

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GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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