> > > Kalliwoda, Johann Wenzel: Sinfonien Nr. 5 & 7
Mittwoch, 28. Oktober 2020

Kalliwoda, Johann Wenzel - Sinfonien Nr. 5 & 7

Sinfonik im Schatten Beethovens


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Robert Schumann hat seinen Zeitgenossen Kalliwoda außerordentlich geschätzt und als Kritiker dessen kompositorische Entwicklung aufmerksam verfolgt.

Die ersten Akkorde sind wie ein Ausrufezeichen gesetzt und lassen unwillkürlich aufhorchen: Dissonant schmetternde Blechbläserfanfaren, von Hörnern und Trompeten alternierend vorgetragen, schneiden in den Raum und finden nach kurzer Zeit ihr harmonisches Zentrum, das sich jedoch auf das Kommende hin öffnet und den Hörer für einen kurzen Augenblick im spannungsgeladenen Nichts stehen lässt. Als Kontrast schließt sich ein tiefer Streichersatz mit fast fahler Farbgebung an, der in das solistische Tasten von Holzbläsern übergeht. Unter Mitwirkung einer sanft federnden Begleitschicht der Streicher festigt sich die Musik kurzzeitig zu einer friedvollen Szenerie, bevor die Fanfaren der Blechbläser diese Ruhe erneut dramatisch zerreißen und den Weg für das drängende, fast martialische Thema des Kopfsatzes freimachen. Mit dieser gleichzeitig fulminanten wie klangfarblich abwechslungsreichen Einleitung der Sinfonie Nr. 5 h-Moll op. 106 startet Das Neue Orchester unter seinem Dirigent Christoph Spering zu einer Erkundung dreier sinfonischer Werke des in Prag geborenen Komponisten Johann Wenzel Kalliwoda (1801-1866).

Eine Wiederentdeckung

Robert Schumann hat seinen Zeitgenossen Kalliwoda außerordentlich geschätzt und als Kritiker dessen kompositorische Entwicklung aufmerksam verfolgt. Seine Aussage, Kalliwodas Sinfonien glichen „weißen, durchsichtigen Perlen, die sich unter seinen Werken am längsten erhalten werden“, hat sich nach dem Tod des Komponisten allerdings nicht erfüllt, da die Werke bald im übermächtigen Schatten der Beethovenschen Sinfonien verschwunden sind. Spering bringt nun gleich zwei der insgesamt sieben Sinfonien Kalliwodas zum Erklingen. Er ergänzt die Interpretation der h-Moll-Sinfonie (1840) durch eine Ersteinspielung der Sinfonie Nr. 7 g-Moll WoO 1 (1841) und kombiniert beide Kompositionen mit der späten Ouvertüre Nr. 16 a-Moll op. 238 (1863), die aufgrund ihrer eigenwilligen Formgebung und ihres stimmungsvollen Episodenreichtums für sich einnimmt.

In musikalischer Hinsicht ist das Ergebnis schlichtweg atemberaubend: Die Interpretation lebt vor allem von der Artikulation jener dramatischer Gegensätze, die sich wie ein roter Faden durch Kalliwodas Sinfonien ziehen. Spering setzt dabei ganz auf die Kontrastwirkungen der farbigen Instrumentation, die er gekonnt durch maximale Auslotung der dynamischen Bereiche verstärkt. Ausbrüche und akzentuiert vorgetragene Tutti-Blöcke, deren vielschichtige instrumentale Faktur auch im Forte immer durchhörbar bleibt, leise und allmählich crescendierende Klangflächen von angespannter Zurückhaltung, aber auch verwobene Stimmengeflechte, deren Polyphonie nie das notwendige Maß an Transparenz vermissen lässt, offenbaren ein Optimum an Kontrolle über die Vortragsnuancen des Orchesterapparates.

Aufregende Umsetzung

Die Formung der Musik durch den prägnanten Klang der Originalinstrumente, vor allem durch die manchmal ins klangliche Extrem getriebenen Kontraste von rauen Blech- und warmen Holzbläsern, verleiht der musikalischen Umsetzung eine enorme Kraft, die nur selten durch leichte Intonationsschwankungen getrübt wird. Nicht nur Stücke wie der Kopfsatz der fünften Sinfonie, der passagenweise wie aus Stein gemeißelt erscheint, erhalten dadurch eine fast skulpturhafte Präsenz. Auch Passagen wie die harmonisch komplexe Einleitung der g-Moll-Sinfonie, durchzogen von melodischen Lamentofiguren über unauffällig pochenden Begleitfiguren, belegen die Meisterschaft Sperings bei der Schaffung räumlich gestaffelter Klangwirkungen. Die Nachzeichnung der im Notentext fixierten Stimmungen gelingt hier bis in die feinen Details, bleibt jedoch nie bei diesen stehen, sondern ist immer um die spannungsvolle Entfaltung der Großform besorgt und, die Atembögen der Musik wahrend, in diese eingebettet.

Dass diese Orchesterbehandlung ein Hörerlebnis von außerordentlich plastischer Wirkung vermittelt, verdankt sich auch der enormen Klangtiefe dieser vom WDR produzierten Aufnahme unterstützt, die sich trotz eines überraschend hohen – aber nie aufdringlichen – Hallanteils hervorragend entfaltet. So entsteht letzten Endes eine rundum gelungene Referenzeinspielung zweier sinfonischer Werke, die dazu beitragen könnte, Kalliwodas Kompositionen aus dem Schatten Beethovens herauszuholen. Bleibt also nur noch zu hoffen, dass diese vielversprechende cpo-Produktion den Startschuss einer Gesamteinspielung der Sinfonien bildet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kalliwoda, Johann Wenzel: Sinfonien Nr. 5 & 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
20.06.2006
68:29
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203713929
CPO 777 139-2


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Kalliwoda, Johann Wenzel


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Dirigent(en):Spering, Christoph
Orchester/Ensemble:Das Neue Orchester


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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