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Dienstag, 20. Oktober 2020

Neruda, Franz Xaver - Cellokonzerte 1 - 5

Entdeckung aus dem Archiv


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nerudas Konzerte sind ganz auf die virtuose Präsentation solistischer Fähigkeiten zugeschnitten und erweisen sich daher zunächst einmal als Repräsentationsstücke und Visitenkarten.

Der Komponist Franz Xaver Neruda (1843-1915) entstammte einer berühmten Musikerfamilie. Gemeinsam mit seinen äußerst musikalischen Geschwistern, Kinder von Josef Neruda, dem Organisten an der Kathedrale zu Brünn in Böhmen, machte er in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Neruda-Quartett europaweit von sich reden. Nach vielen Karrierestationen landete er schließlich als hochgeachtete Musikerpersönlichkeit in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, wo er nach dem Tod von Niels W. Gade zum Dirigenten des Musikvereins ernannt wurde und auch die Celloklasse am Konservatorium leitete.

Dass Neruda ein exzellenter Cellist gewesen sein muss, beweisen seine fünf wohl 1887/88 entstandenen Violoncellokonzerte, die nun in ihrer Gesamtheit auf einer Doppel-CD von cpo veröffentlicht worden sind. Die Cellistin Beate Altenburg hat das Material für diese Produktion aus den Originalmanuskripten der Werke erstellt und erweckt damit die nahezu vergessenen Schätze zu neuem Leben. Was die Musikerin dazu im schön bebilderten Booklet berichtet, ist spannend und lehrreich, insbesondere im Hinblick auf die hier verlangte Violoncellotechnik und ihren Zusammenhang mit Nerudas stark persönlich gefärbter Instrumentenhaltung.

Virtuosität und originelle Formgebung

Nerudas Konzerte sind ganz auf die virtuose Präsentation solistischer Fähigkeiten zugeschnitten und erweisen sich daher zunächst einmal als Repräsentationsstücke und Visitenkarten, die über das Vermögen ihres Schöpfers Auskunft geben. Dass die entsprechenden Elemente nicht die Oberhand gewinnen, verdankt sich dem originellen kompositorischen Zugriff auf die Konzertform sowie der gekonnten Behandlung des Orchesters, das nie unverbindlich begleitend im Hintergrund steht, sondern an den musikalischen Prozessen maßgeblich beteiligt ist. Aufgrund ihrer Einsätzigkeit, die sich jeweils aus mehreren Abschnitten von unterschiedlicher Faktur zusammensetzt und am Ende wieder reprisenartig zum Hauptgedanken zurückkehrt, wirken die Kompositionen wie kleine, in sich abgeschlossene Szenen, in denen die Solistin wie eine Opernsängerin auftritt und vor der bunten, vom Orchester entworfenen Kulisse agiert.

Altenburg füllt diese Rolle mit Bravour aus: Ihre Tongebung ist differenziert und wandlungsfähig, so dass sie selbst jenen Themen die Wärme des Celloklangs zu verleihen vermag, die sich in höheren Registerlagen und nicht in der klangvollen Tiefe des Instruments entfalten. Ihre Spielweise ist dem Fluss der Musik angepasst und vollzieht alle Stimmungsumschwünge mit, ohne sich von den technischen Schwierigkeiten beeindrucken zu lassen. Auch die teils außerordentlich anspruchsvollen Kadenzen, die immer den Höhepunkt des solistischen Agierens markieren, trägt die Solisten mit Souveränität vor, auch wenn deren Umsetzung bisweilen – wie im Konzert Nr. 1 e-Moll op. 57 – klanglich ein wenig ruppig gerät.

Ausbalancierte Produktion

Altenburg hält gekonnt die Waage zwischen den verschiedenen Aspekten der Musik, rückt die technische Brillanz zwar immer wieder in den Vordergrund, fügt sich aber auch nahtlos in die Dialoge mit dem Orchester ein. Die engagierte Interpretation der Anhaltischen Philharmonie Dessau unter Golo Berg kommt ihr hier sehr entgegen: Berg vermeidet es, die Orchesterpassagen allzu blockhaft zu formen, was bei der kompakten Instrumentation der Werke nicht immer einfach umzusetzen ist, und erweist sich so als ein auf Ausgewogenheit bedachter Dialogpartner. Dabei kommt es – wie im Andante-Abschnitt des Konzerts Nr. 3 a-Moll op. 60, in dem die Cellokantilene durch Einwürfe der Holzbläser kommentiert wird – zu mancher farbenreich inszenierten Wechselwirkungen von großer Schönheit.

Die Produktion ist mit allen Schwächen und Stärken einer Live-Einspielung behaftet. Kleinere Einbußen der Intonation treten sowohl beim Orchester wie auch bei der Solistin gelegentlich auf, fallen jedoch angesichts der durchweg atmosphärischen musikalischen Umsetzung kaum ins Gewicht. Der Zuhörer wird mit einer konzentrierten und spannungsvollen Darbietung belohnt, in der die Klangbalance zwischen Soloinstrument und Orchester, die im Falle des Violoncellos prinzipiell heikel ist, immer gewahrt bleibt.

Verdienstvoll ist diese Erweckung der Kompositionen aus ihrem archivalischen Dornröschchenschlaf allemal. Die Veröffentlichung als Doppel-CD darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich bei den fünf Konzerten um sehr kurze Kompositionen von jeweils nur 15 bis 17 Minuten Dauer handelt. Ihre Gesamtspielzeit beträgt nur knapp 82 Minuten, so dass für die vollständige Präsentation der Werkgruppe ein Ausweichen auf zwei Scheiben nötig gewesen ist. Vielleicht hätte man die Restspielzeit mit weiteren Kompositionen aus der Feder Nerudas auffüllen können; doch dies hätte wahrscheinlich den Gesamteindruck gestört, der durch die isolierte Wiedergabe dieser fünfteiligen Folge von Violoncellokonzerten entsteht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Neruda, Franz Xaver: Cellokonzerte 1 - 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
2
19.06.2006
82:09
2005
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203719228
CPO 777 192-2


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Neruda, Franz Xaver
 - Cellokonzert Nr. 1 op. 57 in e-Moll -
 - Cellokonzert Nr. 2 op. 59 in d-Moll -
 - Cellokonzert Nr. 3 op. 60 in A-Dur -
 - Cellokonzert Nr. 4 op. 61 in a-Moll -
 - Cellokonzert Nr. 5 op. 66 in G-Dur -


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Dirigent(en):Berg, Golo
Orchester/Ensemble:Anhaltische Philharmonie Dessau
Interpret(en):Altenburg, Beate


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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