> > > Furrer, Beat: Fama
Dienstag, 17. September 2019

Furrer, Beat - Fama

Frisch aus Donaueschingen


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auffällig an Beat Furrers Stil ist seine Unauffälligkeit. Viele Komponisten erkennt man nach wenigen Sekunden, Furrer erst nach einem Blick ins Programmheft.

Fama ist in der römischen Mythologie das personifizierte Gerücht. Sie sitzt in einem Haus mit tausend Öffnungen und späht und lauscht pausenlos in die Ferne. Die zahllose Schar ihrer Hausgenossen gibt jedes Gerücht von Mund zu Mund weiter, und jeder ist so frei, nach belieben etwas an jedes Gerücht anzuhängen.

Schnitzler als Vorlage

Diesen Mythos hat Beat Furrer in seinem Hörtheater ,Fama’ vielschichtig verarbeitet. Das Libretto, ein innerer Monolog, hat Furrer zum größten Teil Arthur Schnitzlers Novelle ,Fräulein Else’ entnommen. Else sieht sich gezwungen, ihren verschuldeten Vater mit Prostitution zu retten. Sie überinterpretiert das Verhalten anderer Menschen, ihr Gehirn spinnt die Gedanken zu inneren Gerüchten fort. Aus diesem Strudel findet sie kein Entkommen. Wozu auch? Die Gerüchte draußen untergraben ihre gesellschaftliche Existenz und zerstören damit auch sie selbst. Der Hörer in Furrers Hörtheater sieht nicht, was draußen passiert, er erfährt das Geschehen ausschließlich gerüchteweise aus Elses Monolog. Furrer hat auch den Raum mit einkomponiert – der Hörer sitzt drinnen und zählt nunmehr zu Famas Schar.

Auffällig an Beat Furrers Stil ist seine Unauffälligkeit. Viele Komponisten erkennt man nach wenigen Sekunden, Furrer erst nach einem Blick ins Programmheft. Er versteckt sich, er objektiviert seine Musik. Das geht so sogar so weit, dass einige Passagen stilistisch eher anderen Komponisten entsprechen. So ist die 4. Szene eine raffinierte Kreuzung zwischen Gérard Grisey und Salvatore Sciarrino. Ein weiterer Verweis auf Fama?

Kairos veröffentlicht das Hörtheater, vor einem halben Jahr erst in Donaueschingen aufgeführt, als Hybrid-CD. Es stellt wegen der Vielfalt feinster Klänge höchste Ansprüche an die Aufnahmetechnik. Man kann nur staunen, wie es der Tontechnik bereits auf der CD-Spur gelungen ist, wirklich jeden feinsten Klang selbst im größten Trubel einzufangen. Respekt!

Herausragende Interpretation

Respekt natürlich auch für Furrers Leistung: ,Fama’ ist ein spannendes und vielschichtiges Werk, dass man sich gerne öfter anhört. Ebenfalls Respekt für das überaus genaue Spiel des Klangforums Wien unter Beat Furrers eigener Leitung. Herausragend zudem die stimmliche Leistung der Sprecherin Isabelle Menke: sehr facettenreichreich gibt sie überaus glaubhaft die im Strudel ihrer Gedanken gefangene Else.

Etwas eigenwillig gerät Kairos wieder einmal die Textauswahl. Neben einer sehr guten Einführung in die Komposition, einer ,Handlungszusammenfassung’ und dem Libretto findet sich auch ein achtseitiges (!) Interview zwischen Beat Furrer und Martin Kaltenecker. Letzteres auf Französisch. Ohne Übersetzung. Dennoch, eine dicke Empfehlung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Furrer, Beat: Fama

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
21.07.2006
Medium:
EAN:

CD
9120010281020


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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