> > > Lang, Bernhard: Das Theater der Wiederholungen
Sonntag, 23. Februar 2020

Lang, Bernhard - Das Theater der Wiederholungen

Partiturscratching


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Langs Musiktheater ist ein interessantes Experiment, bei dem eine allzu große Fixierung auf die Wiederholung in die musikalische Sackgasse führte.

Der österreichische Komponist Bernhard Lang hat in seinem Opus Magnum, dem fast zweistündigen ,Theater der Wiederholungen’, das Prinzip der Wiederholung konsequent umgesetzt. Allerdings ist es mangels eines Schauspiels eher ein Oratorium. Lang hat die drei Teile seines Stückes jeweils als Erzählung betitelt. Im ersten Teil erklingen Texte von de Sade und Huysmans und im zweiten Texte von William Burroughs. Für die dritte ,Erzählung’ vertonte Lang Auszüge aus den Protokollen der Nürnberger Prozesse sowie Augenzeugenberichte. Die drei ,Erzählungen’ sind in jeweils sieben Teile gegliedert und habe eine ABCDCBA-Form. Im Kern stimmen die drei ,Erzählungen’ in der Darstellung einer Rationalität überein, die ,überzeugende’ Begründungen zur Einschränkung des unabdingbaren Rechts auf Leben bieten will. Lang zeigt hier eine fatalistische Weltauffassung. Er geht davon aus, dass die Zufügung gegenseitigen Leids kein Ende finden wird – Geschichte wiederholt sich, lediglich die Umstände sind verschieden. Lang ist damit überaus aktuell. Man untersuche nur einmal die Begründungen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Hier werden konsequent grundsätzliche Menschenrechte missachtet – mit dem Ziel, die Menschenrechte (einer auserwählten Gruppe) zu schützen. Diesen aktuellen Stoff hätte Lang ohne weiteres in sein ,Theater der Wiederholungen’ aufnehmen können. Er bleibt jedoch in der politisch korrekten Ecke. Und natürlich, das Thema Holocaust in der Oper garantiert die mediale Aufmerksamkeit.

Stilmix

Es fällt sehr schwer, in Langs ,Theater’ eine ausführliche und tiefergehende Auseinandersetzung mit einem Thema wie ,Auschwitz’ zu erkennen. Die Umsetzung wirkt kühl und distanziert, in der kommentarlosen Wiedergabe ist die Meinung des Komponisten nicht erkennbar. Wesentlichstes Prinzip der Komposition im Kleinen ist die mehrmalige Wiederholung eine Phrase. Das geschieht allerdings sehr schematisch, die größte Spannung besteht noch darin zu raten, wie oft die Phrase wiederholt wird. Außerdem kann man prüfen, ob es den Interpreten gelingt, jede Wiederholung exakt gleich zu spielen (es gelingt nicht). Kaum überraschend sind die intensivsten Stellen gerade die, in denen Lang einmal nicht wiederholt, was recht selten vorkommt. Vielleicht wäre es sogar ein Gewinn für die Komposition, sie einmal ohne Wiederholungen aufzuführen. Mit Wiederholungen klingt sie, als hätte Lang die Partitur auf einen Plattenteller gelegt und gescratcht. Ein Eindruck, der sich aufgrund des Stilmix von Neuer Musik über Musical bis hin zu Rockmusik verfestigt. Eine Entfaltung musikalischer Ideen ist in diesem Stückwerk nicht möglich.

Die Leistungen der Interpreten in ihren anspruchsvollen Partien sind durchweg herausragend. Die Produktion erscheint als Hybrid-CD ist sowohl auf SACD- wie auf CD-Playern abspielbar. Bereits die CD-Version glänzt mit einem klaren, kristallinen Klang. Lediglich im zweiten Teil geraten die Instrumente etwas zu laut und überlagern das Gesangsensemble.

Das Booklet ist für eine Musiktheaterproduktion leider etwas dürftig ausgefallen. Man hätte sich zumindest eine Übersetzung des französischen und englischen Librettotextes gewünscht.

Langs Musiktheater ist ein interessantes Experiment, bei dem eine allzu große Fixierung auf die Wiederholung in die musikalische Sackgasse führte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lang, Bernhard: Das Theater der Wiederholungen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
2
21.07.2006
Medium:
EAN:

CD
9120010281051


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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