> > > Strauss, Richard: Alpensinfonie op. 64
Samstag, 15. August 2020

Strauss, Richard - Alpensinfonie op. 64

Gross im Kleinen


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Einspielung hat ihre Stärken weniger im Großen als im Kleinen.

Die 1911–15 entstandene ‘Alpensinfonie’ ist Strauss’ letzte Symphonische Dichtung. Sie steht in der allgemeinen Wahrnehmung noch immer im Schatten ihrer Vorgängerwerke. Einerseits fehlt es ihr – sujetbedingt – am Witz des ‘Eulenspiegel’, an der Vitalität des ‘Don Juan’ und an der kompositorischen Gewagtheit des ‘Zarathustra’. Andererseits aber bildet sie den Abschluss einer Entwicklung, welche die Programmmusik seit Beethovens ‘Pastorale’ durchlaufen hat. Strauss fährt alle Mittel auf, um die Bergwanderung mit musikalischen Mitteln darzustellen, erweitert den Orchesterapparat ins Riesenhafte. Doch nicht allein seine außergewöhnliche Instrumentierungs- und Beschreibungskunst zeichnen das Werk aus, sondern die (um mit Thomas Mann zu sprechen) ‘doppelte Optik’ ihrer kompositorischen Gestaltung. Denn die ‘Alpensinfonie’ weist unterhalb ihrer deskriptiven Oberfläche, die häufig genug als einzige Bedeutungsebene verstanden wurde, eine psychologische Tiefenschicht auf. So wird die Bergwanderung – in einer von Nietzsche beeinflussten Perspektive, das Werk sollte ursprünglich den Titel ‘Der Antichrist’ tragen – zu einem Gleichnis des menschlichen Lebens.

Der Staatskapelle Weimar unter Leitung von Antoni Wit gelingt es nur selten, diese Tiefenschicht aufzuzeigen. Dennoch ist die vorliegende Aufnahme nicht als rein oberflächlich, zu einseitig oder gar misslungen zu bezeichnen. Denn die Interpretation scheint weniger auf die psychologische Perspektive als vielmehr auf eine möglichst facettenreiche Verklanglichung der Partitur ausgerichtet zu sein. Und dieser Ansatz ist – mit einigen Abstrichen – überzeugend durchgeführt.

Allerdings könnte das Klangbild plastischer sein, der riesige Klangkörper (Strauss setzt auch Orgel und Windmaschine ein) homogener und flexibler. Der Blechbläserklang gerät stellenweise zu schrill, wenngleich der runde und reine Klang der Hörner immer überzeugt. Die Spannungsbögen, die Wit erzeugt, reichen nicht über das gesamte Werk, sondern überspannen nur einzelne Episoden. Doch auch in der Komposition selbst, in der ersten Hälfte vor dem Gipfel, bleibt die Spannung nicht immer aufrechterhalten.

Einige Abschnitte sind besonders gelungen. Der Verlauf des Abschnitts ‘Durch Dickicht und Gestrüpp’ ist äußerst spannungsreich gestaltet. Der ‘Anstieg’ wird schwungvoll umgesetzt, Wit hat hier die Orchestermassen sehr gut im Griff. Im Abschnitt ‘Auf der Alm’, der reine Deskription darstellt, überzeugt die geradezu provokante Schroffheit des Bläserklanges, die eine archaische Bergwelt suggeriert. Eine kitschige Heidi-Romantik wird auf diese Weise vermieden. Die Abschnitte ‘Nebel steigen auf’ und ‘Die Sonne verdüstert sich allmählich’ faszinieren aufgrund ihrer Eindrücklichkeit und der im Kontext gewagten kompositorischen Gestaltung. Sie bilden den hohlen Nachklang einer Apotheose, die zuvor ‘Auf dem Gipfel’ erreicht worden ist. Und auch das sollte man Strauss’ Komposition zu Gute halten: Dass der Höhepunkt aufgrund seiner Mittelstellung im Werkablauf eine Relativierung erfährt. Er befindet sich nicht, wie man bei einem der Tradition dermaßen verhafteten Werk erwarten könnte, am Ende. Strauss stellt auch das dar, was nachfolgt. Das Oboensolo, das im Abschnitt ‘Auf dem Gipfel’ erklingt, darf als einer seiner brillantesten Einfälle gelten. In der Höhenluft bedarf es keiner Grundierung. Nur die hohen Streicher begleiten nervös schwirrend das Solo. Es zeigt die Leere, die sich einstellt, nachdem das Ziel erreicht worden ist. An dieser Stelle nähern sich psychologische Tiefenschicht und deskriptive Schilderung am deutlichsten aneinander an. Leider kann die Gestaltung der Oboenlinie an dieser dramaturgisch so wichtigen Stelle nicht vollends überzeugen, da es ihr an emotionalem Gehalt fehlt.

Manche Abschnitte sind weniger gut gelungen. So gerät der ‘Sonnenaufgang’ gleich zu Beginn zu pompös – der Gipfel ist da noch lange nicht erreicht. Die Vogelrufe des Waldes hätten besser herausgearbeitet werden können. Auch das Glucksen des Bachs wird nicht deutlich genug (man vergleiche nur mit der Einspielung des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Lorin Maazel aus dem Jahr 1999). Dem ‘Wasserfall’ fehlt die Brillanz, bei ‘Auf dem Gletscher’ wirkt das Bestimmte im Ausdruck bisweilen gewollt. Wenn sich mit dem Einbruch der Nacht der Bogen schließt, scheint es, als leide der Wanderer an der Höhenluft, das Orchester agiert erschöpft. Damit lässt sich vielleicht auch das viel zu abrupte Ende erklären. Der an sich so überwältigende Effekt der Verdunkelung wird verschenkt.

Die Einspielung hat ihre Stärken weniger im Großen als im Kleinen, ist solide, aber kein großer interpretatorischer Wurf. Doch, auch das sollte erwähnt werden: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, wie so oft bei Veröffentlichungen des Labels ‚Naxos‘.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Alpensinfonie op. 64

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
01.06.2006
Medium:
EAN:

CD
747313281121


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Naxos

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