> > > Karl Schmitt-Walter: singt Arien von Mozart, Donizetti, Lortzing, Leoncavallo, Verdi
Dienstag, 17. September 2019

Karl Schmitt-Walter - singt Arien von Mozart, Donizetti, Lortzing, Leoncavallo, Verdi

Musensegen statt hohler Trümmer


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Welche international bedeutende Opernstadt wäre heute nicht stolz auf allein vier Sänger wie Karl Schmitt-Walter, Margarete Klose, Maria Cebotari und Walther Ludwig?

Dass Berlin auch mitten im Krieg eine Opernstadt von Weltrang war, ist eigentlich ein Wunder. Nach dem unermesslichen Schaden, den die Nazis mit ihrer Polit-Kunst und der perversen Logik des Rassenwahns angerichtet hatten, kamen die nächtelangen Bombardements der Alliierten, der anhaltende Druck von innen und – das war irgendwann einmal jedem klar – die nahende Front von Außen. Inmitten dieses entmenschlichten Weltuntergangszenarios erwartet man eher trostlose Leere und Hoffnungslosigkeit als reichen Musensegen über hohlen Trümmern. Und doch blühte auch im Krieg in der Hauptstadt des Reiches das Operleben, als wäre nichts.

Es ist ein Anachronismus, der nicht einmalig ist. Gerade dort, wo menschliche Extreme sich auftun, mitten im Grauen schrecklicher politischer Systeme hält neben der staatlich verordneten, sich auch fast immer die wahre Kunst. Vielleicht ist das so, weil wahre Kunst zwar unterdrückt, nicht aber zerstört werden kann; vielleicht aber auch schlichtweg, weil die Kunst für viele Menschen in solchen Zeiten oftmals das einzige ist, für das es sich zu leben lohnt.

Das Label Berlin classics sagt es zwar nicht in aller Deutlichkeit, die letzten vier Schreiben, die in der Serie ETERNAL COLLECTION – Große Sänger der Vergangenheit erschienen sind, zeichnen jedoch fast ausnahmslos ein lebhaftes Bild der Oper in Berlin während der letzten Kriegsjahre. Welche international bedeutende Opernstadt wäre heute nicht stolz auf allein vier Sänger wie Karl Schmitt-Walter, Margarete Klose, Maria Cebotari und Walther Ludwig? Dieses Quartett aus Tenor, Sopran, Mezzo und Bariton sänge heute an der Weltspitze. In Zeiten von Netrebko & Co. Darf man von solchen Künstlern aber noch nicht einmal träumen.

Nicht auf italienisch

Die Moldawierin Maria Cebotari, die seit der Unabhängigkeit ihrer Heimat, zu so etwas wie einer Nationalheiligen stilisiert wurde, nachdem man sie jahrelang als Kollaborateurin der Nazis verachtet hatte, ist ein Musterfall für eine Künstlerin, die weit unter ihrem Wert gehandelt wird. Dabei war sie eine ungeheuer vielseitige und versierte Sängerin, die in den Opern Mozarts, Straussens, Verdis und Puccinis gleichermaßen glänzte. Kurz vor ihrem Tode eroberte sie sich mit Salome und Turandot noch das hochdramatische Fach und erreichte darin eine schier nervenaufreibende Intensität und Schönheit des Ausdrucks. Die ETERNA-Kollektion zeigt Cebotari als die vielseitige Künstlerin, die sie war. In Figaros Hochzeit erscheint sie als exquisite Mozart-Sängerin, die jedem Wort, jeder Wendung eine eigenen Bedeutung zumessen kann, vibrierende Spannung aufbaut und dennoch an keiner Stelle Klangschönheit vermissen lässt.

Ihre Puccini-Szenen aus Bohème und Butterfly haben den einzigen Fehler, dass sie nicht auf Italienisch gesungen sind, strotzen ansonsten aber vor wohligem Klangzauber und Italianità. In dem Liebesduett aus Butterfly erreicht sie zusammen mit Walther Ludwig eine ungemein dichte und klassische Umsetzung dieses Paradestücks schöner Stimmen. Beeindruckend ist Cebotari jedoch am meisten in der Schlussszene aus Salome (Strauss). Nur Welitsch mag vielleicht Cebotari an perverser Hysterie und vibrierender Jugendlichkeit übertreffen. Wer aber die letztlich gültigere Interpretation von beiden abliefert, das möchte man nicht entscheiden.

Technische Vollkommenheit

Karl Schmitt- Walter bezeichnete selbst seine Zusammenarbeit mit Wieland Wagner ab 1956 als den Höhepunkt seiner Karriere. So darf auf dieser Aufnahme auch nicht Wagner fehlen, seine Paraderolle, der Beckmesser, den er bis 1961 in en suite in Bayreuth gab, ist jedoch nicht vertreten. Dafür kommt man in der Genuss, Schmitt-Walter auch jenseits des Wagnerfaches zu hören und Bekanntschaft mit dem Fundament seiner Karriere machen, das er sich mit Mozart, Lortzing und dem italienischen Fach erarbeitete. Der fundierte Ensemblesänger überzeugte, in fast allem was er sang, mit technischer Vollkommenheit und dramatischer Intensität, erschütterndem Ausdruck und zwingender Darstellungskraft. Vor allem im Troubadour (Alles ist stille) und Don Giovanni kann man dem nachspüren.

Sonst nur Wunderlich

Walter Ludwig mag heutigen Ohren vielleicht nicht gerade als der ideale lyrische Tenor mit Koloraturfähigkeit vorkommen – in seinen Mozart- und Donizetti-Aufnahmen ist er dennoch von einer berückend deutlichen und Diktion und gebiert jede Phrase, jede Note unmittelbar aus dem Ausdruck, der gerade angemessen ist. Dazu kommt das wunderbare Material: eine in allen Lagen tenoral gefärbte Stimme. Sein Tamino war zurecht berühmt und ausgesprochen geschmackvoll, wenn auch die Phrasierungen nicht immer hundertprozentig und das Legato stellenweise hätte schöner sein können. Was vor allem negativ ins Gewicht fällt, ist der leicht heisere Klang in der hohen Lage, vor allem bei den hauchigen Attacke der Spitzentöne, wenn diese in einer Phrase eingebettet sind. Exponierte Spitzentöne wie in 'Horch die Lerche' sind dafür wunderbar verblendet. Da verfügt Ludwig auch über herrlich changierende Farben und eine Leichtigkeit in den Gruppetti wie sie sonst nur der geniale Wunderlich im Repertoire hatte.

Opalfarbenes Timbre

Für uns heute ungewöhnlich sind auch die Interpretationen der Musik Monteverdis und Händels, die Margarete Klose in den 40er Jahren aufnahm. Wer sich daran stört, riskiert jedoch eine dramatische Expressivität zu versäumen, die man bei den Vertreter der historischen Aufführungspraxis vergebens sucht. Auch da wo Tonsprünge der eher dramatischen Stimme Schwierigkeiten verursachen und Geläufigkeit fehlt, rundet Klose das Bild mit ihrem dunkel opalfarbenem Timbre und großartig verschatteten Tönen ab. Schade, dass nicht mehr Ausschnitte aus ihren großen Glanzrollen (Dalila, Ortrud oder Fricka) auf dieser CD vereint wurden. Dennoch, wie auch die anderen CDs, ein hinreißendes Dokument.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Karl Schmitt-Walter: singt Arien von Mozart, Donizetti, Lortzing, Leoncavallo, Verdi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
23.05.2006
Medium:
EAN:

CD
782124330927


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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