> > > Bach, Johann Sebastian: Französische Ouvertüre BWV 831
Montag, 26. September 2022

Bach, Johann Sebastian - Französische Ouvertüre BWV 831

Italienisches cantabile und französische Feierlichkeit


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Masaaki Suzuki lebt eine fantastische Klangkultur längst vergangener Zeiten exzellent vor. Das Cembalo offenbart zahlreiche fein gezeichnete Klangspektren. Zusammen mit dem sehr fundierten Booklet ein großer musikalischer Genuss!

Wenn man einem Spezialisten für Alte Musik selbige zur Einspielung anvertraut, dann darf man stets gespannt sein, ob der künstlerischen Umsetzung im heutigen musikalischen Bewusstsein. Oft stehen Fragen der Traditionswahrung zeitgenössischeren Ansätzen gegenüber – die häufig ungenaue Quellenlage schafft zusätzliche Diskussion. Einen Beitrag zu diesen Aspekten des Verständnisses früherer Musizierpraxis gibt das Label BIS in seiner neuesten Produktion. In einer äußerst gelungenen Einspielung des japanischen Dirigenten und Cembalisten Masaaki Suzuki gelingt es in verständlicher Weise, sowohl musikhistorische wie aufführungspraktische Akzente zu setzen. Eine besondere Note erhält diese Produktion durch das äußerst interessante dreisprachige Booklet: Eine musikwissenschaftlich fundierte Einstimmung auf die Entstehungshintergründe der eingespielten Literatur. Ein Vergnügen, dies zu lesen!

Mit den drei Werken der Clavier-Übung II von J.S. Bach, dem Italienischen Konzert BWV 971, der Französischen Ouvertüre BWV 831 und der Sonate d-Moll BWV 964 wird uns ein wesentliches Betätigungsfeld instrumentaler Praxis der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahe gebracht. Hierbei handelt es sich um Transkriptionen der damaligen Hauptgattungen der Orchestermusik - Konzert und-Ouvertüren-Suite - für Tasteninstrumente, vornehmlich natürlich für das Cembalo.  Ähnlich seinen musikalischen Zeitgenossen beschäftigte sich Bach sehr intensiv mit jener Form der Übertragung ursprünglich orchestraler Klangspektren auf die silberne Klarheit des Cembalos. Dabei vervollkommnete er seine Kunstfertigkeit auf diesem Gebiet und zeigte zugleich sein wohlüberlegtes Können im imitatorischen Gegensatz vollstimmiger Passagen mit schlichten teils einstimmigen Melodielinien. Masaaki Suzuki lässt eben auch dieser gewissen Intimität einen eigenen Raum, dem eine sehr persönliche Note innewohnt.

Schon im Allegro des Italienischen Konzerts BWV 971 wird dieser Beziehungsaufbau spürbar durch die deutlich hervortretenden agogischen Verzögerungen, welche die strenge Metrik des Themas angenehm auflockern. Immer wieder wird der musikalische Fluss augenblicklich aufgestaut, um sich danach in klaren, fließenden Kaskaden aufzulösen. Dazwischen: übersprudelnde Klangfülle, stets mit Anklängen an das thematische Grundmuster verbunden. Aber doch gibt Suzuki diesem sehr bekannten bachschen Thema eine besondere Leuchtkraft, die er konsequent aufrechterhält. Ebenso erscheinen das Andante und das Presto: einem fließend-träumerischen Satz mit überaus schlichter Bassfigur folgt ein überschäumend sequenzartiger Abschluss.

Mit der Französischen Ouvertüre BWV 831 bleibt der gesamteuropäische Blick auf die Transkriptionskultur gewahrt, was dieser CD auch eine wertvolle musikwissenschaftliche Bedeutung zuweist. Obwohl Bach sich unserem heutigen Kenntnisstand zufolge in sehr prägnanter Art und Weise vom italienischen Stil beeinflusst zeigt - seine Tastenmusik betreffend - so kam er natürlich auch mit dem damals allseits gegenwärtigen Französischen in Berührung. So stellt die Ouvertüren-Suite einen gattungsgeschichtlichen Gegenentwurf zu italienischen Charakteristika dar. Zumindest die formale Kontinuität der Suiten-Satzfolge lässt auf ein zugrundeliegendes Gesamtkonzept schließen, mit dem Bach den Hauptgattungen seiner Zeit besonderes Gewicht verleihen wollte. Ein lebendiges Zeugnis davon legt Suzuki in seiner Interpretation ab.

So stellt er die Ouvertüre in ihrer ganzen imposanten Erscheinung im gravitätisch-höfischen Ernst dar. Manieristisch türmen sich die zahlreichen Triller und besonders massiv aufgegliederten Arpeggien aufeinander, dass man verblüfft feststellt, wie gut zum einen Bach in der Imitation des französischen Stils wirkte als auch wie spannungsreich Suzuki die aufsteigenden Phrasen bis zu immer wieder neuen Höhepunkten führt. Eine besonders feine Note erhält der Satz durch die stetig wiederkehrenden dynamisch kontrastierenden Einschübe, in denen der Cembalist auch die klanglichen Möglichkeiten  des mehrmanualigen Spiels zu realisieren versucht, was ihm äußerst wirkungsvoll gelingt. Das Anschwellen zum Ende dieser dezenten kleinen Passagen hin – oft sequenzartig fortgeführt – birgt trotz aller Stilisierung auch emotionale Momente in sich. In feierlicher Würde schließt die der Ouvertüren-Satz mit einem beeindruckend ausladenden Arpeggio.

In der weiteren Satzfolge wird der typische Suiten-Aufbau mit Courante, Sarabande und Gigue nochmals besonders herausgestellt. Ihnen sind weitere Sätze eingeschoben, so die Gavotte, ein Passepied, und eine Bourrée – allesamt in der bekannten Dreiteiligkeit jener Zeit. Suzuki betont sie durch kontrastierende Gestaltungsmuster in dynamischer Abstufung. Gerade hier überzeugt die Variante des Manualwechsels nicht nur klanglich sondern auch zur Betonung der Form.

Höhepunkt und Abschluss des bereits erwähnten Gesamtplanes der Darstellung europäisch prägnanter Gattungstradition bildet das Echo als letzter Satz der Französischen Ouvertüre. Hier spielt Masaaki Suzuki mit der empfindsamen Stilistik des Themas als auch mit den fließend eingearbeiteten Übergängen zwischen vollstimmigen Phrasen und zarter Stimmführung. Fast unvermittelt lässt er den Satz enden – einer kurzen exemplarischen Demonstration interpretatorischen wie kompositorischen Könnens gleich.

Die Sonate d-Moll BWV 964 ist die Transkription der bekannten Sonate a-Moll für Violine solo BWV 1003. Ungewöhnlich mutet die Satzfolge an, da dem Allegro des zweiten Satzes ein Adagio vorangestellt ist, das sich nach einer lyrischen Eingangsphrase interessanten harmonischen Schattierungen zuwendet. Das Bild stetig in sich kreisender Arpeggien, die Suzuki hier sehr behutsam zu spielen vermag, vermittelt den Eindruck einer träumerischen Phantasie. Verschiedenen Charakteren wird in den darauffolgenden Sätzen Platz geboten. So erscheint das Allegro in dieser Interpretation locker plaudernd und erinnert mit seinen Durchgangstönen des Schluss-Arpeggios an die französische Generalbass-Manier. Im Andante des dritten Satzes sehen wir ein feinsinnig ruhiges Stück - von Durschattierungen aufgehellt - das von einer ostinaten Bassfigur durchgehend angetrieben wird, bevor die Melodie fast melancholisch entschwindet. Besonders schön wirkt die Vorausnahme des Schlusses durch den Bass. Extreme Schlüssigkeit der Phrasierung zeichnet Suzukis Interpretation auch als Dokument eines harmonischen Empfindungsgeistes aus. Diesen klanglichen Nuancen, welche er dann noch einmal im letzten Satz aufstaut, steht das sequenzierte, sehr wirkungsvolle Fallen in den klaren Schluss gegenüber.

In dieser Einspielung entlockt Suzuki dem Kroesbergen-Cembalo (Nachbildung, Utrecht 1982) einen oft ungeahnt kraftvollen Klang, dem er bisweilen feinsinnige Ironie beizumischen vermag. Da entstehen ganze Landschaften, prachtvolle wie idyllische Szenerien unter seinen Fingern, in welche man sich durch die exzellent artikulierten Phrasen bestens einfühlen kann. Hier scheint das Instrument zum Hörer zu sprechen, mit ihm in einen lebendigen Dialog zu treten. Ein wunderbares Klangerlebnis!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Torsten Fischer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Französische Ouvertüre BWV 831

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
22.05.2006
Medium:
EAN:

CD
7318590014691


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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